Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 54. EL 2017 1
Wolfhart Pannenberg – Leben und Werk XV - 1.1.10
XV - 1.1.10 Wolfhart Pannenberg – Leben und Werk
VON CHRISTINE AXT-PISCALAR
Wolfhart Pannenberg ist einer der bedeutendsten, auch international anerkann-
ten, vielfach hochgeehrten evangelischen Theologen der Gegenwart. Er hat
ein umfangreiches Werk hinterlassen, das in zahlreiche Sprachen übersetzt
wurde und von einer immensen Gelehrsamkeit und eindrucksvollen Breite
seiner theologischen, ökumenischen, philosophischen und interdisziplinären
Forschung zeugt.
Damit ist auch schon der Charakter seines theologischen Denkens umschrie-
ben. Pannenberg ist dogmatischer Theologe durch und durch, will heißen, er
entfaltet mit einem erkennbar eigentümlichen Profil das Ganze der christlichen
Lehre in einem kohärenten Zusammenhang und verantwortet es vor den Fragen
der Gegenwart. Pannenbergs Theologie ist dezidiert ökumenisch ausgerichtet.
Sie will der Überwindung der Spaltungen der christlichen Kirche dienen und
dadurch auch die Überzeugungskraft des Christentums in einer zunehmend
säkularisierten und multireligiösen Welt stärken. Pannenberg vollzieht als
theologischer Denker eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit dem
philosophischen Denken in Geschichte und Gegenwart. So will er das Eigen-
tümliche der christlichen Gehalte profilieren und sie in ihrem spezifischen
Wahrheitsanspruch, der nicht ohne Vernunft, indes höher als alle Vernunft ist,
zur Geltung bringen. Pannenberg bewährt die Inhalte des christlichen Glaubens
im interdisziplinären Diskurs mit nichttheologischen Wissenschaften, indem er
an deren je eigenen Einsichten die religiöse Verweisdimension offenlegt. Dies
wiederum tut er in der Überzeugung, dadurch den „Gott der Bibel als Schöpfer
aller Wirklichkeit“
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zur Sprache zu bringen.
Leben und akademisches Wirken
Pannenberg wurde am 2. Oktober 1928 in Stettin an der Oder geboren. Zwar ist
er als Kind getauft worden, eine christliche Erziehung genoss er jedoch nicht.
Seine Eltern sind bereits aus der Kirche ausgetreten, als Pannenberg noch ein
Kind war.
„Meine Jugendzeit während des Zweiten Weltkriegs und in der Zeit danach
war die eines jungen Atheisten.“
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Die Begeisterung des jungen Pannenberg gilt der klassischen Musik und er ist
von der Vorstellung eingenommen, einmal Pianist oder gar Dirigent zu wer-
den. Ein erster Kontakt mit dem Gedankengut des Christentums vermittelt
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ihm die Lektüre der Werke Friedrich Nietzsches, des Pfarrersohns, der sich
zeitlebens am Christentum abgearbeitet hat. Durch „Die Geburt der Tragödie
aus dem Geist der Musik“ – das erste philosophische Buch überhaupt, das er
las – auf Nietzsche aufmerksam geworden, verschlingt Pannenberg fünfzehn-
jährig sämtliche seiner Werke. Nietzsches Kritik am Christentum, die sich
zusammenfassen lässt in dem Vorwurf, durch seine Sünden- und Bußmentalität
und eine dadurch bedingte asketisch-lebensfeindliche Grundstimmung vereit-
le es die Selbstwerdung des Individuums, hat Pannenberg bleibend geprägt.
Als Theologe begegnet er ihr späterhin mit der These von der konstitutiven
Zusammengehörigkeit von Gottesgedanke und menschlicher Freiheit und ei-
ner konsequenten Kritik an einer einseitig durch die Bußgesinnung geprägten
Frömmigkeit und Theologie, die er von der in Taufe und Glauben gewonnenen
Freiheit eines Christenmenschen her vollzieht.
Die kritische Auseinandersetzung mit der neuzeitlichen Religionskritik in Ge-
stalt von Nietzsche, Marx, Freud und Sartre, dem modernen Atheismus sowie
mit den Formen des Säkularismus greift Pannenberg vor dem Hintergrund der
gesellschaftspolitischen Debatten in den 1960er-Jahren konsequent auf, um der
Behauptung von der Fremdbestimmung, die mit der Religion für den Einzelnen
und die Gesellschaft einhergehe, mit der gegenläufigen These zu begegnen,
dass Religion zum Gelingen wahren Menschseins und für den Zusammenhalt
der Gesellschaft, die von einer gelingenden Vermittlung zwischen Individuum
und Gemeinschaft lebt, unabdingbar sei.
„Die Unentbehrlichkeit der religiösen Thematik für das gesellschaftliche
Leben beruht darauf, daß die Gegensätze zwischen Individuum und Ge-
sellschaft auf der Ebene der ökonomischen und politischen Ordnung der
Gesellschaft nicht aufhebbar sind.“
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Theologisch und religionspolitisch denkt Pannenberg dabei an die Bedeutung
der christlichen Religion für das politisch gemeine Wesen. Schon früh ver-
knüpft er mit seiner Argumentation für die gesellschaftliche Bedeutung der
christlichen Religion das Plädoyer für die Öffnung von Kirche und Gesellschaft
auf andere Religionen hin und wirbt für Toleranz und die Anerkennung von Pluralität. Dass dies vom Standpunkt des Christentums aus möglich ist, darin sieht er das eigentümliche Potenzial des Christentums und seinen Beitrag für die moderne Welt. Er argumentiert dafür, das Eigentümliche des Christentums
mit Verve zu vertreten, sich jedoch nicht dogmatistisch abzuschließen, sondern
von der genuinen Wahrnehmung des Eigenen her die Öffnung auf das Andere hin zu vollziehen. Insofern betont er die Westarp Science – Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 21 Seiten
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