Alevitischer Religionsunterricht an öffentl. SchulenXIV - 5.3.1
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 43. EL 2015 1
XIV - 5.3.1 Alevitischer Religionsunterricht an öffenlichen
Schulen und die Institutionalisierung der
alevitenbezogenen Forschung und Lehre an den
deutschen Hochschulen. Der Erweiterungsstudien-
gang „Alevitische Religionslehre/-pädagogik“ an
der Pädagogischen Hochschule Weingarten
Von Hüseyin Aguicenoglu
Einleitung
Mit der Gründung des Erweiterungsstudienganges „Alevitische Religionsleh-
re/-pädagogik“ an der Pädagogischen Hochschule Weingarten werden welt-
weit zum ersten Mal LehrerInnen für den „Alevitischen Religionsunterricht“
(ARU) an öffentlichen Schulen ausgebildet. Der Studiengang hatte zum Zeit-
punkt seiner offiziellen Eröffnung im WS 2013 / 14 bereits eine zweijährige Mo-
dellprojektphase hinter sich, in der das Curriculum entwickelt und erfolgreich
umgesetzt wurde. Das neue Fach soll den eklatanten Lehrermangel beseitigen,
unter dem der seit 2002/ 03 an den Schulen einiger Bundesländer angebotene
alevitische Religionsunterricht leidet – auch dieser stellt weltweit eine Novität
dar. Man kann somit weder beim Religionsunterricht noch in der akademi-
schen Disziplin „Alevitische Religionspädagogik“ auf irgendwelche Vorbilder
zurückgreifen. Die LehrplangestalterInnen, DozentInnen und LehrerInnen
leisten hier echte Pionierarbeit, noch dazu unter den besonderen Bedingungen
der Migration. Auf die wichtigsten Etappen dieses Formationsprozesses, der
als Teil alevitischer Selbstverortung anzusehen ist, möchte ich im Folgenden
skizzenhaft eingehen.
Alevitischer Religionsunterricht in Deutschland
Die Geschichte des ARUs in Deutschland zeigt gewisse Parallelen, aber auch
große Unterschiede zu der des „Islamunterrichts“, der ab Mitte der 1980er-Jahre
unter verschiedenen Bezeichnungen wie „Islamische religiöse Unterweisung“,
„Islamkunde“ oder auch explizit als „Islamischer Religionsunterricht“ im Rah-
men zahlreicher lokaler und regionaler Schulversuche in Erscheinung trat. Es
werden seitdem diverse Modelle erprobt, die z.T. einen hybriden Charakter
aufweisen. Dabei spielte der muttersprachliche Ergänzungsunterricht mit einem
islamkundlichen Teil als Frühform und Wegbereiter eine besondere Rolle. Da
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im Rahmen dieses Unterrichts sowie des in Bayern seit dem Schuljahr 1987/88
praktizierten und stark am „Religions- und Ethikunterricht“ in der Türkei orien-
tierten Mischmodells „Religiöse Unterweisung türkischer Schüler islamischen
Glaubens“ nur die sunnitische Glaubensrichtung berücksichtigt wird, konnte
man von diesen Versuchen bei der Einführung des alevitischen Religionsun-
terrichts weder personell noch materialtechnisch profitieren. Es entstand somit
in Deutschland bis Anfang der 2000er-Jahre eine Situation, in der die Ale-
viten, verglichen mit den Sunniten, hinsichtlich des Religionsunterrichts de
facto benachteiligt waren. Die überwiegende Mehrheit der alevitischen Eltern
betrachtete den muttersprachlichen Ergänzungsunterricht, dessen Lehrer und
Lehrmaterialien aus der Türkei kamen, als Missionierungsversuch ihrer Kinder
im Sinne eines sunnitischen Islam und hielten sie deswegen, zum Nachteil ihrer
muttersprachlichen Entwicklung, von diesem Angebot fern.
Diese Ungleichbehandlung war eine der treibenden Kräfte für die alevitischen
Bestrebungen nach einem eigenen Religionsunterricht in Deutschland. Die lau-
ter werdenden Forderungen der alevitischen Organisationen, auch die aleviti-
schen Glaubensinhalte in irgendeiner Form in den Schulunterricht einfließen
zu lassen, fanden erstmals in Hamburg Gehör. Dort werden seit dem Schul-
jahr 1998/99 im Rahmen des „Interreligiösen Religionsunterrichts“ für die
Grundschulen auch alevitische Themen und Inhalte wie u. a. das Cem-Ritual,
das Muharrem-Fasten, Semah und A úura behandelt. Aber erst in Berlin bot
sich den Aleviten – zum ersten Mal in ihrer Geschichte – die Gelegenheit,
an öffentlichen Schulen eigenen Religionsunterricht zu organisieren und ihre
Glaubenslehre zu vermitteln. In Berlin wird der Religionsunterricht an öffent-
lichen Schulen als Privatunterricht unter alleiniger Verantwortung der Religi-
onsgemeinschaften angeboten. Die alevitischen Organisationen beantragten
Ende der 1990er-Jahre, ebenfalls Religionsunterricht erteilen zu dürfen. Das als
Religionsgemeinschaft anerkannte Kulturzentrum Anatolischer Aleviten e. V.
hatte schließlich Erfolg, und so gab es seit dem Schuljahr 2002 / 03 an mehreren
Berliner Schulen alevitischen Religionsunterricht. Bei der Lehrplangestaltung
für dieses neue Schulfach, das weder versetzungs- noch prüfungsrelevant ist,
war die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. (AABF) federführend.
Nachdem die AABF aufgrund zweier Fachgutachten aus den Jahren 2003 und
2004
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ebenfalls als Religionsgemeinschaft anerkannt worden war, gewann sie
vor allem in der Frage des Religionsunterrichts beträchtliche Handlungsfrei-
heit. Der alevitische Dachverband und seine Ortsvereine fühlten sich nicht
mehr an das bisherige Verfahren gebunden, das im Wesentlichen darin bestand,
dass man auf Landes- oder kommunaler Ebene zusammen mit den Sunniten Westarp Science – Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 8 Seiten
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