Interreligiöses Lernen - evangelisch XIV - 5.1.2.1
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 52. EL 2017 1
XIV - 5.1.2 Interreligiöses Lernen
XIV - 5.1.2.1 Interreligiöses Lernen – evangelisch
Von Karlo Meyer
Der Rahmen: Evangelischer Religionsunterricht als Beitrag zu einer
pluralitätsfähigen Schule
Der evangelische Religionsunterricht (RU) wird entsprechend den einschlägi-
gen Denkschriften der Evangelischen Kirche in Deutschland zwar konfessionell
bestimmt, aber nicht allein als binnenkirchliche Angelegenheit aufgefasst; viel-
mehr ist er für Schülerinnen und Schüler anderer Konfessionen oder Religionen
offen (1994).
1
Pointiert und ausgebaut wurde diese Sichtweise im Jahr 2014 mit
einer Ausrichtung des RU als „Beitrag zur einer pluralitätsfähigen Schule“.
Im Vorwort des Ratsvorsitzenden zur letztgenannten Verlautbarung heißt es:
„Schülerinnen und Schüler sollen befähigt werden, in einer pluralen Ge-
sellschaft in gegenseitigem Respekt und friedlich zusammenzuleben. Dazu
kann der Religionsunterricht einen entscheidenden Beitrag leisten. [...] In
diesem Horizont treten die konfessionellen Differenzen zwischen den
christlichen Kirchen zurück, während die Notwendigkeit wächst, sich im
Dialog mit islamischen Glaubensüberzeugungen zu verständigen und mit
atheistisch geprägten Haltungen auseinanderzusetzen.“
2
Während in den 1960er-Jahren andere Religionen noch ein exotisches Opti-
onsthema für den evangelischen RU waren und vornehmlich in der Oberstufe
unterrichtet wurden, zieht sich die Klärung und Auseinandersetzung um unter-
schiedliche Religionen heute durch die Curricula aller Jahrgänge. Schulformen-
und jahrgangsübergreifend wurde vom Comenius-Institut 2006 als achte von
zwölf Kompetenzen formuliert, dass Schülerinnen und Schüler sich
„mit anderen religiösen Überzeugungen begründet auseinandersetzen und
mit Angehörigen anderer [...] Religionen respektvoll kommunizieren und
kooperieren“
3
.
Entsprechendes findet sich auch in den einschlägigen, kompetenzorientierten
Texten der letzten Jahre.
Inhaltlich wird dabei eine Balance zwischen „Identität und Verständigung“
angestrebt, wie es auch als Titel für die Denkschrift von 1994 formuliert wurde.
Dies wurde in der Folgeschrift 2014 weiter ausgeführt:
--- Seite 1 Ende ---
XIV - 5.1.2.1 Interreligiöses Lernen - evangelisch
2
„Die harmonisierende Konzentration allein auf das Gemeinsame und Ver -
bindende ist häufig im Blick auf die christliche Ökumene anzutreffen,
findet sich aber auch im interreligiösen Bereich. Gegenüber einem solchen
,weichen Pluralismus‘ wurde in der Religionspädagogik auf die bleibenden
Unterschiede, Gegensätze und Widersprüche hingewiesen, deren Trag-
weite eher einen ‚harten Pluralismus‘ (Karl Ernst Nipkow) angemessen
erscheinen lassen – nicht im Sinne einer Haltung der Unnachgiebigkeit,
sondern einer realitätsbezogenen Berücksichtigung von Gemeinsamkeiten
und Unterschieden, einer starken Toleranz und einer entsprechenden Dif-
ferenzkompetenz im Dienste des Friedens.“
4
In diesem Sinne wird die Einladung von und der Austausch mit Vertretern und
Vertreterinnen anderer Religionen ausdrücklich begrüßt.
Anders als bei der katholischen Kirche (u.
a. mit dem Vatikanum II) steht im
Hintergrund dieser evangelischen Aussagen keine systematisch-theologische
Rahmung, da es evangelischerseits kein Lehramt gibt.
5
Auch die Folgerungen
für die Form des Religionsunterrichts sind nicht einheitlich, da zwar einerseits
die Mehrheit der Bundesländer und Landeskirchen einen konfessionellen RU
nach dem oben beschriebenen Profil befürwortet und durchführt, ein Bun-
desland wie Hamburg aber mit Unterstützung der dortigen Landeskirche ein
Modell eingeführt hat, bei dem im (de iure) evangelischen (!) RU alle Religionen
vorkommen und dieser Unterricht von verschiedenen Religionsgemeinschaf-
ten neben und mit der evangelischen als „dialogischer Religionsunterricht f
ür
a
lle“ getragen wird.
6
In diesem Fall kann nicht mehr von einem konfessionell-
evangelischen Modell gesprochen werden. Im Folgenden gehen wir von der
Mehrheitssituation in Deutschland aus.
Die Frage der Bezugswissenschaft
Eine eigene Frage ist die nach der Bezugswissenschaft oder präziser die nach
der Gewichtung der unterschiedlichen möglichen Bezugswissenschaften für
dieses Thema im konfessionell evangelischen Religionsunterricht. Die zustän-
dige Kommission des Rates der EKD formulierte 2014 zurückhaltend:
„Ein
übür interreligiöses Lernen ist darin zu sehen,
dass die Selbstinterpretation der Religionen und also auch die jeweilige
Glaubensübücksichtigung findet.“
7
Vier Akzentsetzungen sind denkbar und je nach Unterrichtsausrichtung unter-
schiedlich zu gewichten.Westarp Science – Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 17 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 17 Seiten