XIV - 4.3

Argumente für eine religions- und spiritualitätssensible Psychologie

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Religions- und spiRitualitätssensible psychologie XIV - 4.3 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen | 72. EL 2022 1 Zusammenfassung Der Aufsatz weist auf konzeptuelle Unterschiede zwischen Religion und Spiritualität hin und geht von einer spirituellen Dimension als anthropolo- gischer Konstante aus. Das menschliche Grundbedürfnis nach Bezogenheit auf ein größeres Ganzes hat unter den verschiedenen kulturellen und ge- sellschaftlichen Bedingungen unzählige Formen von Religionen hervorge- bracht. Spirituelles Erleben und religiöses Verhalten nehmen Einfluss auf die Identitätsbildung des Einzelnen und sind damit psychologisch relevant. Weil Religiosität und Spiritualität aber psychologisch wenig erforscht sind und dennoch hohe Heilungserwartungen damit verknüpft sind, hat sich ein alternativer Gesundheitsmarkt etabliert, auf dem Wirkweisen weniger wissenschaftlich als weltanschaulich begründet werden. Nach Begriffsklä- rungen wird die wachsende Bedeutung einer kultursensiblen Einbeziehung religiöser und spiritueller Bedürfnisse dargestellt und werden Merkmale und Wirkprinzipien zur Aktivierung religiös-spiritueller Ressourcen beschrie- ben. Sowohl die Theorien des religiösen Copings, der Positiven Psychologie als auch die therapeutischen Effekte des Vergebens bieten günstige psycho- logische Anknüpfungspunkte, um Religiosität und Spiritualität besser zu verstehen. Auf Grenzen der Einbeziehung spiritueller Interventionen wird hingewiesen. Schlagwörter Spiritualität, Religiosität, spirituelle Bedürfnisse, Ressourcen, Coping, Po- sitive Psychologie, Vergebung XIV - 4.3 Argumente für eine religions- und sp iritualitätssensible Psychologie [Reasons for a more religious and spiritual s ensitive psychology] Michael utsch Submitted December 08, 2021, and accepted for publication April 01, 2022 Editor: Udo Tworuschka --- Seite 1 Ende --- XIV - 4.3 R eligions- und spiRitualitätssensible psychologie 2 © Westarp Science Fachverlag 1 Anthropologische Relevanz: Religion/Spiritualität als eine Säule von Identität, Kultur und Gesellschaft In den letzten Jahrzehnten hat sich die in einer Mitgliedschaft ausgedrückte Religionszugehörigkeit massiv gewandelt. In Westdeutschland gehörten im Jahr 1951 noch 96 % der Bevölkerung einer christlichen Konfession an. Im Jahr 2022 wird damit gerechnet, dass die Zahl der Kirchenmitglieder unter die 50-Prozent-Marke sinkt. Nach der Wiedervereinigung veränderte sich die konfessionelle Struktur der Bundesrepublik Deutschland beträchtlich. Die Flüchtlingswelle der letzten Jahre hat zu einer weiteren Pluralisierung der Welt- anschauungen und kulturell-religiösen Praktiken beigetragen. Zunehmend ist ein Patchwork-Glaube vorzufinden, in dem verschiedene religiös-spirituelle Überzeugungen miteinander verwoben sind. Diese Mixtur wird permanent erweitert und verändert – den „spirituellen Wanderer“ zeichnet seine „fluide Religiosität“ aus. 1 Dieser unübersichtlichen Vielfalt entspricht der vage und in Summary The essay reflects on conceptual differences between religion and spiri- tuality and assumes a spiritual dimension as an anthropological constant. The basic human need to be related to a larger whole has given rise to in- numerable forms of religions under the various cultural and social condi- tions. Spiritual experience and religious behavior influence the formation of an individual’s identity and are therefore psychologically relevant. But because religiosity and spirituality have not been researched psychologically and high healing expectations are still associated with them, an alternative health market has established itself, the modes of action are justified less scientifically than ideologically. After clarifying the terms, the growing im- portance of a culturally sensitive inclusion of religious and spiritual needs is presented and characteristics and operating principles for the activation of religious-spiritual resources are described. Both the theories of religious coping, positive psychology and the therapeutic effects of forgiveness offer beneficial psychological points of contact to better understand religiosity and spirituality. Limitations integrating the spiritual dimension are mentioned. Keywords spirituality, religiosity, spiritual needs, ressources, coping, positive psychol- ogy, forgiveness
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