Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 54. EL 2017 1
Carl Gustav Jung und das Religio-Therapeutische XIV - 4.2
XIV - 4.2 Carl Gustav Jung und das Religio-Therapeutische
– eine religionswissenschaftliche Einschätzung
VON DIMITRY OKROPIRIDZE
“For me the establishment of Jungian therapy in a secular West is a pointer
to an unslaked spiritual thirst, which the traditional religions cannot satisfy.
Even if the quest is spiritual, the Western client demands a modicum or
even [a] veneer of ‚science‘, which Jungian therapy also offers.”
Sudhir Kakar,
persönliche Kommunikation via E-Mail am 17.05.2016
Zusammenfassung
C.G. Jung gilt weithin als einflussreicher Akteur innerhalb des religiösen und
psychotherapeutischen Diskurses der letzten hundert Jahre. Auf der Suche nach einer Theorie und Praxis der individuellen Selbstverwirklichung kom-
biniert Jung in seinem Werk zahlreiche religiöse und psychotherapeutische
Elemente. Obgleich Jung punktuell immer wieder in den Fokus der Religions-
wissenschaft gerückt ist, fehlt bislang eine tiefgreifende strukturelle Analyse seiner Fusion von Religion(en) und Psychotherapie – Letztere wird hier als
das Religio-Therapeutische expliziert. Bis in die Gegenwart beeinflusst dieses
von Jung maßgeblich geprägte Dispositiv gesellschaftliche Diskurse: In der
Vermittlung zwischen konfligierenden Vorstellungen von Materialismus und
Metaphysik überbrückt das Religio-Therapeutische den diskursiven Graben zwischen „Wissenschaft“ und „Religion“. Die intellektuelle Ausrichtung für diesen interpretativen Kraftakt findet sich schon in Jungs Studium der Medi-
zin in Basel; sie festigt sich später in der ebenso produktiven wie problemati-
schen Beziehung zu Sigmund Freud und gelangt in den Jahrzehnten zwischen
den Weltkriegen zu voller Reife. Ob durch gemeinsame Seminare mit dem
Indologen Jacob Wilhelm Hauer oder den Briefwechsel mit dem Physiker
Wolfgang Pauli – Jung entwickelt das Religio-Therapeutische als holistische
Theorie des menschlichen Seins. Schließlich wird das Religio-Therapeutische
nach Jungs Tod von zahlreichen religiösen und psychotherapeutischen Akteu-
ren rezipiert und adaptiert, sodass es bis in die postsäkulare Gegenwart des 21. Jahrhunderts als aktiver Bestandteil religiöser und psychotherapeutischer Ideale identifiziert werden kann.
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XIV - 4.2 Carl Gustav Jung und das Religio-Therapeutische
Summary
C.G. Jung is widely regarded as an influential figure of the last century’s re-
ligious and psychotherapeutic discourses. In his quest for a theory and praxis
of individual self-realization, Jung combines various religious and psycho-
therapeutic elements. Although selectively dealt with in the study of religion,
Jung’s fusion of religion(s) and psychotherapy has not yet been explored in its
structural dimension – this endeavor is taken up in this essay on the Religio-
Therapeutic. Up to the present day this dispositif, which is significantly shaped
by Jung himself, is influencing societal discourses: Through the mediation bet-
ween conflicted views of materialism and metaphysics the Religio-Therapeutic
bridges the discursive gap between „Science“ and „Religion“. The intellectual
alignment required for this interpretive effort can be found as early as in Jung’s
medical training in Basel; it later consolidates through the equally productive
and problematic relationship with Sigmund Freud and attains full maturity in
the years between the First and Second World Wars. Whether in shared semi-
nars with Indologist Jacob Wilhelm Hauer or through the correspondence with
physicist Wolfang Pauli – Jung develops the Religio-Therapeutic as a holistic
theory of human being. Finally, after Jung’s death the Religio-Therapeutic is
adopted and adapted by numerous religious and psychotherapeutic agents so
that it remains identifiable as an active ingredient of religious and psychothe-
rapeutic ideals up to the postsecular present of the 21. Century.
Einleitung
Ziel der folgenden Ausführungen ist über den Fokus auf Person, Werk und Re-
zeption C.G. Jungs eine bislang wenig beachtete Lücke im diskursiven Schnitt-
feld zwischen „Religion(en)“ und „Psychotherapie“ sichtbar zu machen. Dabei
soll verdeutlicht werden, dass es Jung gelungen ist, religiöse und nicht religiöse
Diskurse über den Bezug zur individuellen Selbstverwirklichung erfolgreich
miteinander zu kombinieren; das hieraus resultierende Religio-Therapeutische
dient spätestens seit den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart als erfolgreiches
Instrument zur Selbstsorge jenseits eines Positionierungszwangs zu Religion(en)
oder Psychotherapie.
1
Gleich zu Beginn sei darauf hingewiesen, dass das Re-
ligio-Therapeutische als hypothetisches Konstrukt eingebracht wird, das zwar
nicht direkt als Faktum beobachtet werden kann, sich aber zuverlässig aus dem
präsentierten Material also (Wirk-) Faktor rekonstruieren lässt.
2
C.G. Jung (1875–1961) kann als ebenso facetten- wie einflussreicher Akteur
des 20. Jahrhunderts gelten. Unübersehbar hat Jung eine Reihe von Diskur-Westarp Science – Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 28 Seiten
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