Religion in der Kunsttheorie der Frühromantik XIV - 1.4
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 70. EL 2021 1
Zusammenfassung
In der Spätphase der Aufklärung setzen sich die hellsten Köpfe der jungen
Generation – ernüchtert vom blutigen Ausgang der Französischen Revolution
und erschrocken aufgewacht aus der Illusion, der konsequente Gebrauch der
Vernunft würde die menschlichen Lebensbedingungen zum Guten wenden –
für eine Reha bilitierung der Fantasie, der Kunst und der Religion ein. Unter
ihnen Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck, zwei ehemalige
Schulfreunde aus Berlin, die im Sommer 1793 Wanderungen durch das Fran-
kenland unternehmen. Dabei ent decken sie die Schönheiten deutscher Mit-
telgebirge, mittelalterlicher Städte, Bur gen und Kirchen und die bedeutenden
Leistungen spätmittelalterlicher Künstler, die in der Aufklärung verkannt
wurden. In ihren begeisterten Begegnungen mit Natur und Kunst wird den
beiden Freunden die Gegenwart des Unendlichen im Endlichen bewusst.
Während sich die mittelalterlichen Künstler an die Ordnungen Gottes hielten,
streben die modernen Künstler nach Selbstverwirklichung, Autono mie und
Freiheit und versinken in Melancholie und „Weltschmerz“. Dagegen setzt
Wackenroder die Theorie der drei Sprachen. Da ist zunächst die „Sprache
der Worte“, die der rationalen Verständigung dient. Dann gibt es die „Spra-
che der Natur“, die dem Menschen die Erfahrung göttlicher Schöpferkraft
ermöglicht. Und schließlich ist da die „Sprache der Kunst“, die zwischen den
beiden anderen Sprachen vermittelt und über das sinnlich Wahrnehmbare
hinausweist und somit dem Menschen die Möglichkeit einer Transzenden-
zerfahrung bietet.
Schlagwörter
Frühromantik, Wilhelm Heinrich Wackenroder, Ludwig Tieck, Kunsttheorie,
Theorie der drei Sprachen, das Unendliche im Endlichen
XIV - 1.4 Religion in der Kunsttheorie der Frühromantik
( Wilhelm Wackenroder und Ludwig Tieck)
[Religion in the Art Theory of Early Romanticism
(Wilhelm Wackenroder and Ludwig Tieck)]
Von Rainer Neu
Submitted May 25, 2021, and accepted for publication August 23, 2021
Editor: Sybille Fritsch-Oppermann
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XIV - 1.4 R eligion in der Kunsttheorie der Frühromantik
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Westarp Science – Fachverlage
1 Das Licht der Aufklärung verblasst
Das Licht der Aufklärung verliert gegen Ende des 18. Jahrhunderts an Glanz.
Der Glaube an die Durchsichtigkeit, Berechenbarkeit und Gestaltbarkeit der
Welt ist in eine Krise geraten, das pragmatisch-rationalistische Pathos der Vor-
hersehbarkeit und Planbarkeit hat an Überzeugungskraft verloren. Die letzten
Jahre dieses „aufge klärten“ Jahrhunderts werden von Wirtschaftskrise und
Krieg begleitet. Kann man den ersten Akt der Französischen Revolution noch
mit Hegel als Tat der Vernunft und Tri umph des Gedankens verstehen, lässt der
zunehmende Terrorismus der Jakobiner eher die dunkle Natur des Menschen
als den hellen, planenden Verstand zum Durch bruch kommen.
Summary
In the late stage of the age of Enlightenment the brightest minds of the young
generation – shaken by the bloody outcome of the French Revolution and
disillusioned from the illusion that the consistent use of reason would change
human living conditions for the better – stand up for a rehabilitation of imagi-
nation, art and religion, among them Wilhelm Heinrich Wackenroder and
Ludwig Tieck, two former school friends from Berlin, undertaking hikes
through the Franconian region in the summer of 1793. They are discovering the beauty of German hill countries, medieval towns, castles and churches, and the outstanding achievements of late medieval artists who were little ap- preciated in the age of Enlightenment. In their enthusiastic encounters with nature and art, the two friends become aware of the presence of the infinite in the finite. While medieval artists adhered to divine orders, modern artists strive for self-realization, autonomy and freedom, sinking into melancholy and “world-weariness”. In contrast, Wackenroder develops the theory of the three languages. First there is the “language of words”, which serves rational understanding. Then there is the “language of nature”, which enables man to experience God’s creative powers. And finally, there is the “language of art”, which mediates between the other two languages and points beyond the sensually perceptible, thus offering man the possibility of a transcendental experience.
Keywords
Early Romanticism, Wilhelm Wackenroder, Ludwig Tieck, Art Theory, The
Theory of the Three Languages, The Infinite in the Finite
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Der vollständige Artikel umfasst 16 Seiten
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