Religion und Vorurteile XIII - 1.4
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 46. EL 2015 1
OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit
Stand: 09.11.2015 2. AK Seite 1
XIII - 1.4 Religion und Vorurteile – empirische Zusammen-
hänge über individuelle Einstellungsmuster
Von Beate Küpper und Andreas Zick
Einleitung
Werte der Nächstenliebe und Barmherzigkeit, wie sie das Christentum und
andere Religionen für sich beanspruchen, scheinen unvereinbar mit der Ab-
wertung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Zuweisung zu einer
sozialen Gruppe. Dennoch finden sich neben vielen beeindruckenden Beispielen
der Nächstenliebe auch viele historische und aktuelle Beispiele für eine solche
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ausgehend von religiösen Menschen
und unter Bezug auf die Religion gegenüber Anders- und Nicht-Gläubigen, aber
auch gegenüber vielen weiteren sozialen Gruppen. Sie beginnt bei abwertenden
Einstellungen und ausgrenzenden Verhaltensweisen im Alltag, setzt sich fort in
privilegierenden und diskriminierenden Regelungen von Institutionen, zemen-
tiert sich in den geschaffenen Strukturen von Organisationen und Gesellschaft,
und kann im schlimmsten Fall in Verfolgung und Gewalt münden. Pogrome
gegen Juden, Hexenverfolgung, Kreuzzüge gegen Andersgläubige, Verurtei-
lung von homosexuellen Menschen, christlich legitimierter Entzug von Kindern
indigener Völker […] all dies sind besonders krasse Beispiele davon. Aktuell
wird unter dem Vorwand, das christliche Abendland zu verteidigen, Hetze und
Ausgrenzung gegenüber Menschen – in diesem Fall Muslime und Flüchtlinge –
betrieben, aber auch gegen sexuelle Vielfalt und die Gleichstellung von Frauen
Stimmung gemacht. Repräsentative Meinungsumfragen belegen ein nach wie
vor hohes Ausmaß menschenfeindlicher Einstellungen in der Bevölkerung. So
stimmten z. B. im Jahr 2014 37 % der Deutschen der Aussage zu „Es leben zu
viele Ausländer in Deutschland“, 38 % vermuten „Sinti und Roma neigen zur
Kriminalität“, 40 % sind überzeugt „wer schon immer hier lebt, sollte mehr
Rechte haben als die, die später zugezogen sind“, 14 % meinten „Juden haben
in Deutschland zu viel Einfluss“, 31 % befürworteten „bettelnde Obdachlose
sollten aus den Fußgängerzonen entfernt werden“, 18 % fanden „Frauen sollten
sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen“ und 12 %
meinten „Homosexualität ist unmoralisch“.
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Sind diese menschenfeindlichen
Einstellungen auch unter religiösen Menschen verbreitet?
Der vorliegende Beitrag berichtet über empirische Zusammenhänge zwischen
Religion bzw. Religiosität und Vorurteilen als Elemente einer Gruppenbezo-
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XIII - 1.4 Religion und Vorurteile
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OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit
Stand: 09.11.2015 2. AK Seite 2
genen Menschenfeindlichkeit. Bereits Gordon Allport (1897–1967), der als Be-
gründer der modernen Vorurteilsforschung gilt, war von der hier untersuchten
Fragestellung angetrieben und bilanzierte, Religion befördere Vorurteile, könne
aber auch vor ihnen schützen: „The role of religion is paradoxical. It makes
prejudice and it unmakes prejudice.“
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Der Beitrag bietet eine sozial- bzw. reli-
gionspsychologische Perspektive auf das Thema an, die auf die individuellen
Einstellungen von Personen fokussiert; die Religionszugehörigkeit bzw. die
Religiosität werden hier üblicherweise über die Selbsteinschätzung erfasst.
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Neben Befunden aus Studien anderer AutorInnen werden eigene Ergebnisse
aus der Langzeitstudie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (2002–2011;
im Weiteren abgekürzt als GMF-Studie) und der Studie „Fragile Mitte“ (2014)
ergänzt; beide Studien wurden vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und
Gewaltforschung der Universität Bielefeld durchgeführt; einige Analysen wur-
den bereits an anderer Stelle publiziert, andere eigens für diesen Beitrag durch-
geführt.
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Zunächst wird in einem kurzen Abriss in das Thema „Vorurteile“ und
„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ eingeführt.
Vorurteile als Elemente einer Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit
Die eingangs zitierten abwertenden Einstellungen gegenüber Menschen auf-
grund ihrer zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit werden in der sozialpsycho-
logischen Forschung als Ausdruck von Vorurteilen verstanden.
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Im folgenden
Abschnitt werden der Prozess der Vorurteilsbildung, offene und subtile Aus-
drucksweisen von Vorurteilen und Vorurteile als Elemente eines Syndroms
Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sowie das gleichnamige Projekt
skizziert.
Der Weg zum Vorurteil
Menschen werden dabei anhand eines Merkmals wie Nationalität, Hautfarbe,
Religionszugehörigkeit, Geschlecht, sexuelle Orientierung, einer Behinderung
usw. kategorisiert, mit Stereotypien über das, was für diese Gruppe vermeint-
lich „typisch“ ist belegt und auf dieser Grundlage als besser und schlechter
bewertet.
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Für diesen Prozess der Vorurteilsbildung ist es unerheblich, ob eine
Person tatsächlich das jeweilige Merkmal trägt (z. B. „Ausländer“, „jüdisch“
oder „homosexuell“ ist) oder sich mit der ihr zugewiesenen Gruppe identifiziert
(z. B. besonders religiös ist). Vorurteile bilden sich in der Wahrnehmung und
Kognition derjenigen, die sie haben – und nur die wenigsten Menschen sind
frei von jeglichen Ressentiments. Vorurteile sind nicht einfach nur vorschnelle Westarp Science – Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 20 Seiten
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