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Neugermanische Gruppierungen

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Neugermanische Gruppierungen XII-2 XII - 2 Neugermanische Gruppierungen Von Harald Baer Als Antwort auf den gesellschaftlichen, religiösen und kulturellen Pluralismus der Moderne formulierten vor über 100 Jahren völkische Autoren eine dualisti­ sche Rassenmetaphysik. Die Menschheit ist nicht nur ungleich, so lautet ihre zentrale Botschaft, es besteht auch ein nicht zu überwindender Unterschied zwi­ schen der weißen Rasse gottähnlicher Arier und den dunklen Rassen der Tier- und Affenmenschen. Die katastrophalen Auswirkungen des Herrschaftsanspruchs der deutsch-österreichischen Ariosophen führten nach dem Zweiten Weltkrieg dazu, daß neugermanische nationalistische Gruppen ihr rassistisches Weltbild in eine harmloser klingende Terminologie verpackten. Beim genaueren Hinsehen wird jedoch die alte Ideologie der Differenz und Ungleichheit deutlich. Aber mit demokratischer Wachsamkeit ist zugleich Differenzierungsfähigkeit geboten. Es existieren heute Gruppierungen von Neuheiden, z.B. im Rabenclan (Ar­ beitskreis der Heiden in Deutschland e.V.), die die Streichung des Religions­ privilegs im Vereinsrecht begrüßen, um den ariosophischen Gruppen den Deck­ mantel der Religionsfreiheit wegzuziehen. Theosophische Wurzeln Die Theosophische Gesellschaft wurde 1875 von der Russin Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891) als synthetische Zusammenschau (östlicher) Religio­ nen und damaliger westlicher Wissenschaft konzipiert. Theosophie sei keine Religion, sondern eine allen Religionen zugrundeliegende Erkenntnis. Dieses von „Adepten“, „Lehrmeistern“ oder „Mahatmas“ vermittelte okkulte Wissen bezieht sich auf die Herabkunft des Geistigen in die materielle Vielheit, die verschiedenen Entwicklungsstufen des Seins und die Rückkehr zum göttlichen Einen. In den Schriften „Isis Entschleiert“ (1877) und „Die Geheimlehre“ (1888) werden hinduistisch/buddhistische Gedanken wie Karma und Reinkarnation mit der darwinistischen Evolutionslehre sowie elitären Rassentheorien kombi­ niert. Die Synthese des Religiösen und Säkularen zeigt sich im rassen­ ideologischen Stellenwert des gesunden, ästhetischen und kraftvollen Körpers. Letztlich sollen sich beide, Körper und Seele, vom Stofflichen lösen, um zum Göttlichen zurückzukehren. Durch konkrete Anweisungen zur Lebensführung und Übungen zur Entfaltung verborgener Fähigkeiten könne dieser Prozeß be­ schleunigt werden. Das Programm der Selbsterlösung und individuellen Hö­ herentwicklung schreibt im Zusammenhang lebensreformerischer Ansätze u.a. vegetarische Ernährung vor, um nicht auf die Stufe der Tiere hinabgezogen zu werden. Vivisektion wird aus ethischen Gründen vehement abgelehnt. Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 7. EL 2003 1 --- Seite 1 Ende --- XII-2 Neugermanische Gruppierungen Im Rahmen einer rassistischen „Asienrezeption“ hatte Blavatsky die Herkunft der Juden in die verachtete Kaste der nichtbrahmanischen Chandalas verlegt. Im Konzept der Wurzel- und Unterrassen folgen verschiedene Entwicklungs­ stufen der Menschheit aufeinander. An der Spitze der fünften Wurzelrasse ste­ hen die Arier und Atlantier, deren höchste Unterasse die Germanen und Kelten sind, während die Juden als ein „abnormes und unnatürliches Bindeglied“ zwi­ schen vierter und fünfter Wurzelrasse zu betrachten sind. Aber trotz der rassen­ theoretischen Abwertung der Juden bekennen sich Theosophen zu einer univer­ salen Bruderschaft der Menschen, in welcher die Trennungen nach Rasse, so­ zialer Herkunft, Geschlecht und politischer Einstellung aufgehoben sind. Letz­ ten Endes sind alle Menschen gleich, da jeder, unabhängig von Rasse und Ab­ stammung, das Göttliche in sich trägt. Deshalb repräsentieren die Hauptströ­ mungen der Theosophie keine „völkische“, sondern eine „internationalistische“ Religiosität (Linse 2001, 291). Darin liegt ein dezidierter Unterschied zur ariosophischen Lehre, die wie keine zweite Weltanschauung die Ungleichheit der Menschen in ihrem Kem betont. Ariosophie Auch bei den Ariosophen werden Kombinationen okkulter und (pseudo-)wis- senschaftlicher Versatzstücke herangezogen, um die Höherentwicklung der Menschheit zu beschreiben. Die Ariosophie hat mehr als jede andere geistesge­ schichtliche Bewegung Relevanz für die Vermittlung rassistischer Ideen. Der Begriff wurde 1915 von Jörg Lanz von Liebenfels (1874-1954) in seiner Zeit­ schrift Ostara geprägt (Nanko 2001,213) und kann als der völkische Spezialfall der Theosophie angesehen werden. Das „Völkische“ stellt eine Metapher für die Gesamtheit der Gefühlslagen, Wesenszüge und Verhaltensweisen dar, die für ein nationales Kollektiv typisch sind. Die Eigenart der Rasse macht das Zentrum völkischer Identität aus. Guido von Lists (1848-1919) phantasievolle Schilderungen sind völkisch in dem Sinn, daß sie den Anspruch auf die Welt­ herrschaft des deutschen Volkes durch Rückgriff auf die glorifizierte Vergan­ genheit der Germanen begründen. Die Anleihen an den prähistorischen Zeugnissen der Vergangenheit zur Stabi­ lisierung des Selbstverständnisses waren jedoch nur die eine Seite jener Uto­ pie nach hinten. Die andere Seite war die Behauptung, daß deutschfeindliche Kräfte, zu denen die Juden und die dunklen Rassen gerechnet wurden, eine Verschwörung in der Absicht durchführen würden, die germanische Kultur durch Rassenvermischung zu unterwandern und auszuhöhlen (Goodrick-Clarke 1997, 10). Rassenmischung war in den Augen der Ariosophen das biologische Verbrechen schlechthin, da jede kulturelle Degeneration ihre Ursache im Ver­ 2 Westarp Science - Fachverlage
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