Kardezismus I X - 26.1
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 59. EL 2019 1
Zusammenfassung
Der Kardezismus kann als die bedeutendste spiritistische spirituelle Religi-
onsgemeinschaft der Neuzeit betrachtet werden. Seine gegenwärtige Stärke
beruht wesentlich auf seiner Verbreitung und gesellschaftlichen Verankerung,
besonders im gehobenen BĂĽrgertum in Brasilien. Seine kulturelle Bedeu-
tung in Europa liegt wesentlich darin, dass er in besonderer Weise Vorstel-
lungen, Ideen und spirituelle sowie therapeutische Praktiken aus der späten
Aufklärung und Romantik aufgenommen und bewahrt hat. Zugleich ist er
vom Empirismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt. In seinem
spiritistischen Aspekt, der fĂĽr seine Glaubensvorstellungen und spirituelle
Praxis zentral ist, ist er verbunden mit der kulturellen und wissenschaftli-
chen Gegenbewegung zur positivistischen „Entzauberung der Welt“, die seit
Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart wirksam ist. Seine besondere
Deutung der biblischen Zeugnisse stellt ihn in die neuzeitliche Rezeptions-
geschichte des Christentums.
Im vorliegenden Artikel werden der geistesgeschichtliche Hintergrund des
Kardezismus, seine GrĂĽndung und Entwicklung, vor allem in Frankreich und
Brasilien, seine Lehre und Praxis und seine Rezeption im deutschsprachigen
Raum dargestellt.
Schlagwörter
Spiritismus, Spiritualismus, Medialität, Reinkarnation, feinstoffliche Vor-
stellungen, Äther, Fluida, Magnetismus, spirituelle Energie, Neureligion, „Entzauberung der Welt“, „Wiederverzauberung der Welt“, Romantik,
Spätaufklärung, Anthropologie, Kosmologie, Fortschrittsglaube, Synkretis-
mus, Brasilianische Kultur, Christentum, Esoterik, brasilianisch-deutsche
Beziehungen, Kardec, Kardezismus, Swedenborg, Justinus Kerner, Bezerra de Menezes, Chico Xavier, „spirituelle Heilung“, „energetische Reinigung“
Editor: Udo Tworuschka
IX - 26.1 K ardezismus
[Kardecism]
Von Ullrich Relebogilwe Kleinhempel
u nd Inga Scharf Da Silva
--- Seite 1 Ende ---
IX - 26.1 Kardezismus
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Westarp Science – Fachverlage
1 Einleitung
1.1 Die Verfassung des brasilianischen Kardezismus
Der Kardezismus ist eine spiritistische und spirituelle Lehre, die wesentlich
durch Allan Kardec, eigentlich Denizard Hippolyte Léon Rivail (Lyon, 1804
– Paris 1869) begründet wurde und die sich zu einer Glaubensgemeinschaft
entwickelt hat, die heute ihren Schwerpunkt in Brasilien hat.
Hier gehören, der amtlichen Volkszählung von 2010 zufolge, 2 % der Bevöl-
kerung dem Kardezismus („EspĂrita“) an, also 3,8 Millionen. Im SĂĽdosten,
Summary
Kardecism is certainly the foremost spiritual and spiritist religious commu-
nity of the modern age. Its power relies strongly on the strong membership
base and its social position in the upper ranks of Brazil’s society. Its cultural
significance in Europe results in particular from its reception of significant
cosmological, anthropological and spiritual ideas of the Late Enlightenment
period and of Romanticism. Kardecism has preserved and developed spiri-
tual and therapeutic practises of that century, including “Magnetism” and
Spiritism. In this respect it belongs to the movement of countering the po-
sitivistic “disenchantment or the world”, which formed from the mid-19th
century onwards in the fields of science and culture. Kardecism’s peculiar
reinterpretation of the Bible on this basis posits it in the modern tradition of
reception of Christianity.
This article traces the cultural background of Kardecism, its formation and
development, especially in France and Brazil, its doctrine and practise and
its reception in the German speaking realm.
Keywords
Spiritism, spiritualism, mediality, reincarnation, ethereal ideas, ether, fluids,
magnetism, spiritual energy, neureligion, “disenchantment of the world”,
“re-enchantment of the world”, romance, late enlightenment, anthropology, cosmology, belief in progress, syncretism, Brazilian culture, Christianity , Esotericism, Brazilian-German relations, Kardec, Kardecism, Swedenborg,
Justinus Kerner, Bezerra de Menezes, Chico Xavier, “spiritual healing”,
“energetic purification”
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Der vollständige Artikel umfasst 41 Seiten
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