IX - 22 K fuku no kagaku
VONFRANZWINTER
Auf dem bekanntermaßen äußerst bunten und vielgestaltigen religiösen Markt
Japans ist die japanische Neureligion K fuku no kagakueine der jüngsten
Erscheinungen. Zwar ist außerhalb Japans (noch) nicht von einer wirklich aus-
geprägten Präsenz auszugehen, jedoch bemüht sich diese neue Bewegung um
eine weltweite Verbreitung, die auch den deutschsprachigen Raum im Fokus
hat. Beredtes Zeugnis dafür geben die ersten deutschen Übersetzungen der
zentralen Texte, die in den letzten Jahren erschienen sind und immer wieder –
vornehmlich in Esoterikbuchhandlungen – auftauchen. Dazu kommen diverse
Vortragsaktivitäten vor allem seit 2005, die auch in den kommenden Jahren
intensiviert werden sollen. Konkrete Niederlassungen bzw. erste organisierte
Kleingruppen gibt es bislang im deutschsprachigen Raum u.a. in Wien,
Düsseldorf, Köln und Hamburg. In Japan selbst wird sie als etablierte Größe
unter den jüngsten Neureligionen wahrgenommen und ist durch eine intensive
Medienpräsenz besonders Anfang der Neunzigerjahre und die reiche
Bautätigkeit, die mittlerweile größere Anlagen über ganz Japan verteilt zeitigt,
allgemein bekannt.
Die Anfänge von K fuku no kagaku
Die Selbstbezeichnung K fuku no kagaku bedeutet wörtlich „Wissenschaft
vom Glück“. Mit den beiden Begriffen treten zwei zentrale Elemente der
Lehre entgegen: die Verwirklichung des „Glücks“ als höchstes Ziel und der
Anspruch, dies mit einer „wissenschaftlichen“ Methode erreichen zu wollen,
die vom Begründer und Leiter der Gruppe gelehrt wird. Dies kann als das
Grundanliegen vor allem in der Frühphase deklariert werden, das jedoch im
Laufe der weiteren Entwicklung eine massive Erweiterung erfuhr. Die Ge -
schichte der K fuku no kagakuist nämlich zu einem guten Teil eine
Geschichte des Wandels im Selbstverständnis ihres Gründers kawa Ry h .
Dieser wurde 1956 unter seinem Geburtsnamen Nakagawa Takashi in der klei-
nen Stadt Kawashima auf der Insel Shikoku geboren. Über seinen Lebens -
verlauf sind wir an sich durch eine Reihe von Selbstbekundungen recht gut
informiert, jedoch sind alle diese Beschreibungen bereits aus der Perspektive
der späteren Entwicklung geschrieben. Dabei ist die Tendenz deutlich, jeden
Schritt als angestoßen durch die „Geister einer höheren Dimension“
(k ky rei) zu beschreiben, was im Laufe der Zeit noch zusätzlich verstärkt
K FUKU NO KAGAKU IX - 22
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 23. EL 2010 1
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wurde. Als Grundgerüst lässt sich folgendes herausdestillieren: Seine Kindheit
und die Jugend verliefen in erfolgreichen und geordneten Bahnen entlang der
Vorgaben der japanischen Gesellschaft. Nach der Schulzeit in Kawashima und
Tokushima konnte er an einer der renommiertesten Universitäten Japans, der
Universität von Tokyo, studieren. Er scheiterte zwar anfänglich an der
Aufnahmeprüfung, schaffte diese aber dann doch und begann ein Studium an
der Liberal Arts-Abteilung (ky y gakubu). 1978 wechselte er an die juridi-
sche Fakultät. Dort konnte er das Grundstudium abschließen, scheiterte jedoch
1980 am Aufnahmeverfahren in den Postgraduate-Studiengang. So begann
kawa ab 1981 bei dem renommierten Handelshaus T men in Tokyo zu arbei-
ten. Bislang würde man seinen Lebensverlauf als den eines sich innerhalb der
Bahnen der japanischen Gesellschaft durchaus erfolgreich voranbewegenden
Geschäftsmannes, ein klassischen „sarar man“, bezeichnen.
Doch erfuhr dieses Leben eine entscheidende Wende ab dem Anfang der
Achtzigerjahre. Für den 23. März 1981 behauptet kawa ein spirituelles
Erlebnis gehabt zu haben, das mittelbar zur Gründung der Religions -
gemeinschaft führte. In Form des „automatischen Schreibens“ werden ihm die
Worte „gute Nachricht“ (ii shirase) übermittelt. Diese sollen von einem der
Schüler des buddhistischen Religionsreformators Nichiren (1222–1282),
Nikk , übermittelt worden sein, wie sich nach weiterer Befragung herausstellt.
Auf den Schüler folgt bald Nichiren selbst, der ihm den für die weitere Folge
fundamentalen religiösen Auftrag erteilt, unter dem das weitere Schaffen ka-
was stehen soll: „Liebe die Menschen, inspiriere die Menschen, vergib den
Menschen“ (jap. hito o aishi, hito o ikashi, hito o yuruse). Nach diesen ersten
Begegnungen in Form des „automatischen Schreibens“ kommt es laut
Selbstdarstellung rasch zum Übergang zu der ab nun relevanten Form der
Vermittlung der Inhalte, nämlich der medialen Tätigkeit kawas: Er agiert als
spirituelles Medium, aus dem heraus einem Gegenüber, d.h. Personen, die er
ins Vertrauen zieht, Fragen vonseiten der auf diese Weise vermittelten
Instanzen beantwortet werden. Die Liste der auf diese Art evozierten Kontakte
liest sich wie ein who’s who bedeutender Religionsgründer, Reformatoren,
aber auch Politiker sowohl der asiatischen, vornehmlich der japanischen, als
auch der westlichen Tradition. So stellen sich nach den schon genannten
Nikk und Nichiren unter anderen folgende Gesprächspartner ein: Jesus,
Moses, Swedenborg, Konfuzius, Laotse, Kukai, Shinran, Deguchi Onisabur ,
aber auch politisch bedeutsame Persönlichkeiten wie Gandhi oder Lincoln, zu
denen sich auch der ägyptische Gott Amon oder die zentrale Gottheit der japa-
nischen mythologischen Tradition, die Sonnengöttin Amaterasu, gesellt. Diese
Gespräche werden ab 1985 der Öffentlichkeit zugeführt, und zwar in Form
IX - 22 K FUKU NO KAGAKU
2Westarp Science – Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 9 Seiten
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