Psychobewegungen in Deutschland IX - 16
IX- 16 Psychobewegungen in Deutschland
Von Michael U rsen
„Psychogruppen“, die dem Erscheinungsbild einer organisierten, religions
ähnlichen Bewegung gleichen, weil sie von einem erleuchteten Meister geleitet
werden und sich durch weitere charakteristische Merkmale wie die geschlosse
ne Gruppenstruktur, eine visionäre Ideologie, transformative Bewusstseins
techniken etc. auszeichnen, existieren nur noch vereinzelt-z.B. die Gruppe um
die Psychologin Heide Fittkau-Garthe (vgl. Materialdicnstder EZW 3/1998 und
2/2001). Andere bekannte Beispiele für derartig konfliktträchtige Psychogruppen
sind die Scientology-Organisation, der VPM oder die Osho-Bewegung, die im
vorliegenden Handbuch bereits durch Einzeldarstellungen berücksichtigt wur
den (vgl. IX - 7, IX - 8 und VIII - 8). Alle drei haben allerdings in den letzten
Jahren einen deutlichen Mitgliederschwund zu verzeichnen.
Die Scientology-Organisation verlor insbesondere durch die Aufklärungsarbeit
staatlicher Stellen in Deutschland an Einfluss. Der VPM tritt heute primär als
rechtskonservative Gruppe und kaum noch als individuelles Lebenshilfe-An-
gebot in Erscheinung - und hat vielleicht auch deshalb Anhänger verloren. Die
Osho-Bewegung hat durch interne Streitigkeiten um Lizenzen und den weite
ren Kurs an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Die weit verbreitete Tendenz zur Indi
vidualisierung der religiösen Erfahrung schlägt sich hier in den populären
Satsang-Veranstaltungen nieder, in denen nicht primär Körper- und Meditations
techniken sowie die Gruppendynamik, sondern das individuelle Wahrneh-
mungs- und Deutungsschema wirkt (vgl. VIII - 8, S. 8 und M. Utsch, Vier Ver
sprechen der Psychoszene, in R. Hcmpelmann et al. (Hg.), Panorama der neuen
Religiosität, Gütersloh 2001). Dabei kann kaum von einer regelrechten Bewe
gung gesprochen werden, sondern eher von einem Veranstaltungstypus oder
einer Seminarmethodik, die unverbindlich besucht und ausprobiert werden kann.
In den einschlägigen Zeitschriften oder im Internet können Orte und Termine
abgerufen und die gewünschten Veranstaltungen besucht werden. Mittlerweile
existiert sogar ein virtuelles Satsang-Angebot „online“. Eine feste Gruppen
zugehörigkeit bildet sich erst, wenn eine weiterführende Einweihung und spiri
tuelle Begleitung ersehnt wird. Zwei in Deutschland sehr aktive Satsang-Leh-
rer, der Amerikaner Andrew Cohen und der Hamburger Cederic Parkin, haben
deshalb mittlerweile eigene spirituelle Gemeinschaften im Gefolge (vgl.
www.andrewcohcn.org und www.satsang-allionce.de).
Durch die in den letzten Jahren sich stärker ausbreitende „Patchwork-Religiosi
tät“ hat ein „Perspektivenwechsel von der Ebene der Organisation auf die Ebene
der Individuen“ stattgefunden (I - 9, S. 17). Deshalb hat die institutionalisierte
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 9. EL 2004 1
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Religion, nicht aber subjektive Religiosität an Bedeutung verloren. Noch lieber
spricht man heute von „Spiritualität“, um das Innerliche, Undogmatische und
Subjektive der religiösen Erfahrung zu betonen. Im Zuge der Individualisierung
ereignet sich Religiöses heute nur noch selten in spezifischen Gemeinschafts
zusammenhängen oder an dafür bestimmten heiligen Orten. Das eigene Selbst
ist zum Objekt der Verehrung und Anbetung geworden. Die Beschäftigung mit
dem eigenen Innenleben, mit Geflihlszuständen, Wünschen, Bedürfnissen und
Entwicklungsmöglichkeiten, aber auch seelischen Verwundungen und deren
Folgen wird in der Psychoszene mit heiliger Inbrunst betrieben.
Zur Rechtfertigung individueller Eigenarten wird die persönliche Lebensge
schichte als maßgebliche Einflussgröße intensiv untersucht. Psychologische
Theorien werden herangezogen, um subjektives Erleben und persönliches Ver
halten zu begründen und zu erklären. „Nimm’ deine eigenen Bedürfnisse deut
lich wahr und bemühe dich um ihre Verwirklichung, dann findest Du zu dir
selbst“ - so lautet vielfach die einfache Botschaft. Weil sie Freiheit von er
ziehungsbedingten Dogmen und Verpflichtungen verheißt, folgen dieser Maxi
me viele Menschen. Offensichtlich passt das populärwissenschaftlich verbrei
tete psychologische Denken von der Erlösung und Heiligung des Selbst
hervorragend zum gegenwärtigen Zeitgeist.
Eine weltanschaulich-kritische Untersuchung der Psychologie und Psycho
therapie erscheint angesichts ihrer Verbreitung angemessen und notwendig.
Nach dem Niedergang der großen Heilsichren und jenseits der großen ideolo
gischen Entwürfe ist nun die Psychologie für viele zum universellen Glücks
bringer und Weg zum gelingenden Leben geworden. Dem Unbehagen an der
eigenen momentanen Befindlichkeit mit ihren inneren Spannungen und Konf
likten wird mit der Annahme einer ursprünglichen Reinheit und Harmonie des
Ichs begegnet. Dieser Zustand wird mystifizierend als „wahres Selbst“ um
schrieben. Durch entsprechende psychologische Methoden sei es nun mög
lich, so die Vorstellung, in Kontakt zu diesen tiefsten Schichten der Innerlich
keit zu treten und „an jenen Ort der Eigentlichkeit zu gelangen, der den wahren
Kern der Person ausmacht, jenes Zentrum, von dem es heißt, dort sei man mit
sich selbst identisch“ (A. Dördel, Vom Wunsch, ganz bei sich selbst zu sein, in:
PsychoManie, Leipzig 1996, S. 208).
Psycho-Angebote unterstützen diesen gesellschaftlichen Trend. Das Zeitalter
des Cyberspace und die neue Dimension virtueller Gemeinschaft bringen darüber
hinaus auch lür religiös-spirituelle Gruppen besondere Herausforderungen mit
sich. Cyberspace „ist das Medium von Weltflucht und ... die technische Form
Gottes; ubiquitäre Gegenwart in der Form abwesender Anwesenheit“ (H. Böh
me zit. nach C. Rätsch, Schamanismus, Techno und Cyberspace, in C. Scharf-
etter/C. Rätsch (Hg.), Religion - Mystik - Schamanismus, Berlin 1998, S. 250).
2 Westarp Science - Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 23 Seiten
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