Transpersonale Psychologie IX - 15
IX - 15 Transpersonale Psychologie / Transpersonale
Bewegung
Von Joachim Süss
Hinter den Bezeichnungen Transpersonale Psychologie und Transpersonale
Bewegung verbirgt sich eine komplexe spirituell-therapeutische Theorie, die sich
seit den 1960er Jahren vor allem durch die Arbeit amerikanischer Psycholo
gen und Philosophen herausgebildet hat.
Ursprünglich wurde die Transpersonale Psychologie als rein therapeutische
Schulrichtung konzipiert, die Heilung durch eine Rückbindung an jene größe
re, „transpersonale“ Existenz anstrebt, aus der der Mensch nach dem dort vor
herrschenden Verständnis hervorging und zu der er am Ende seines Lebens
zurückkehren wird. Sie entwickelte sich inzwischen jedoch zu einer umfas
senden Weltdeutung mit spirituellem Anspruch weiter. Ihr Einfluß reicht weit
über die Psychotherapie hinaus, so daß von einer regelrechten Transpersonalen
Bewegung gesprochen werden kann.
Crossover-Philosophie
Mit ihren integrativen Ansätzen ist die Transpersonale Psychologie/Trans-
personale Bewegung eine Vertreterin der zeitgenössischen Crossover-Phi-
losophien. Diese sind Grenzgänger zwischen verschiedenen (Fach-)Gebie-
ten, die gerade dadurch, daß sie Fremdes, gelegentlich auch durchaus Gegensätz
liches, kombinieren zu überraschenden Perspektiven und neuen, weiterfüh
renden Einsichten gelangen. Weitere Vertreter dieser Richtung sind die For
schungen über die sog. Orgon-Lebensenergie des Psychoanalytikers und
Freud-Schülers Wilhelm Reich, die Theorie der morphischen (gestaltverur
sachenden) Felder, die der britische Biochemiker Rupert Sheldrake entwik-
kelte, das „Neue Denken“ des amerikanischen Atomphysikers Fritjof Capra
oder die Veröffentlichungen von Prof. Joachim-Ernst Berendt über den Klang
charakter der Welt. Wie namhafte Persönlichkeiten der Transpersonalen Be
wegung wurden auch diese Wissenschaftler in ihrem Denken mehrheitlich
stark von der indischen Religionsphilosophie beeinflußt.
Nicht nur die orthodoxe Wissenschaft tut sich mit der Anerkennung solcher
Theorien überaus schwer. Wilhelm Reich wurde wegen seiner Theorien in
den USA sogar vor Gericht gestellt und verurteilt. Verbittert starb er 1957
im Gefängnis.
Crossover-Philosophien verfolgen den Anspruch, Religion und Alltag, Spiri
tualität und Wissenschaft, Sichtbares und Unsichtbares zu verbinden, um auf
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 7. EL 2003 1
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IX-15 Transpersonale Psychologie
diese Weise eine für die Lebenswirklichkeit umfassende Sinnkonstruktion zu
entwerfen. So wird auch die Wirklichkeitserfahrung des modernen Menschen zum
Ausgangspunkt dieser Systeme: Sie weisen die Erkenntnisse der Naturwissen
schaften nicht zurück, die das gegenwärtige Weltbild bestimmen. Und gleichzei
tig erkennen sie - meist expressis veibis - das Bedürfnis nach spiritueller Sinnfin
dung an, das ebenfalls zur Signatur dieser Zeit gehört. Beide, die wissenschaft
lich geprägte Weitsicht und die spirituelle Erfahrung, werden als wechselsei
tige Interpretationsinstrumente genutzt; die vorwiegend aus Indien entlehnte
Anthropologie und Kosmologie erklärt die naturwissenschaftlich erhärtete
Weltwahrnehmung der Gegenwart. Diese wiederum hilft, die asiatische Re
ligionsphilosophie unserer Zeit zu erschließen. So fügen sich beide Elemente
zu einem größeren, ganzheitlich verstandenen Weltbild zusammen.
Die Crossover-Philosophien erfüllen damit durchaus jene Funktion, die ge
wöhnlich mit einer religiösen Lehre verbunden wird: Sie bieten eine dem Zeit
genossen akzeptabel scheinende, ganzheitlich angelegte Welterklärung und
auf dieser Grundlage auch Lebensbewältigung an. Daß sie beide Bereiche
verbinden, wissenschaftliche Weltdeutung und Religiosität, dürfte ein Grund
für den wachsenden Einfluß solcher Crossover-Philosophien sein, denen sich
immer mehr Zeitgenossen verbunden fühlen. Ein zweiter ist der Rückgriff auf
die asiatische Religionsphilosophie, mit der das wissenschaftliche Weltver
ständnis des Abendlandes konfrontiert und auf neue, von vielen als zeitgemäß
empfundene Weise interpretiert wird. Vor allem Capra und Wilber (s.u.) ha
ben diese Konvergenz in ihren Publikationen herausgearbeitet. Ein dritter
Grund liegt schließlich darin, daß sie eine eminent religiöse Aufgabe - Sinn
stiftung - wahrnehmen, ohne religiös-doktrinär zu wirken.
Psychologische Konzeption
Die Geschichte der Transpersonalen Psychologie wurzelt in der von dem ame
rikanischen Psychologen Abraham Maslow entwickelten Humanistischen Psy
chologie. Bei dieser handelt es sich um eine psychotherapeutische Schule, die
Heilung nicht als bloßes Kurieren psychischer Konflikte verstand, sondern als
Entwicklung des menschlichen Potentials, seiner emotionalen, kreativen, und
sozialen Fähigkeiten - im Interesse einer ganzheitlich verwirklichten Persön
lichkeit.
Die Transpersonale Psychologie geht noch einen Schritt weiter. Heilung gelingt
dieser Konzeption zufolge nur, wenn der Klient eine über seine personale Iden
tität hinausgehende Sinndimension erschließt, eine absolute, letzte Wirklich
keit, vor deren Hintergrund es ihm möglich ist, sein Leben zu interpretieren und
zu verstehen. Heilung geschieht, wenn das Ich-Bewußtsein als relativ und zeit
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Der vollständige Artikel umfasst 7 Seiten
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