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Spiritistische Zirkel

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Spiritistische Zirkel IX-14 IX - 14 Spiritistische Zirkel Von Joachim Süss Phänomen Der Terminus „spiritistische Zirkel“ kennzeichnet Gruppen, die eine der vielen Spielarten des im 19. Jhd. entstandenen Spiritismus praktizieren. Da die Not­ wendigkeit zur Abschottung der entsprechenden Überzeugungen und Prakti­ ken, so wie sie im Wort „Zirkel“ mitschwingt, heute nicht mehr besteht, gelangt er allerdings allmählich außer Gebrauch. Ursache hierfür ist die wachsende Po­ pularisierung spiritistischen Gedankengutes. Der Begriff Spiritismus, vom lat. Substantivum Spiritus („Geist“) abgeleitet, wird in der Forschung zumeist als Teilaspekt des umfassenderen Themas Ok­ kultismus gesehen. Vielfältige Bezüge weist er auch zur Esoterik, der neuen Reli­ giosität, dem New-Age-Denken und der Theosophie, zu den Neuoffenbarungs­ bewegungen oder zum UFO-Glauben auf. Als geistesgeschichtliche Strömung stellt er ein äußerst disparates, fließen­ des Phänomen dar, das historisch in vielfältigen Organisations- und Gemeinschaftsformen Gestalt angenommen hat. Darüber hinaus gingen spi­ ritistische Anschauungen mannigfache Symbiosen mit bestehenden Philo­ sophien und Religionen ein und erzeugten synkretistische Mischformen mit ihnen. Auf diese Weise drangen spiritistische Vorstellungen allmählich in die Weltanschauung breiter Bevölkerungsschichten ein und wurden wie der Glaube an die Möglichkeit von Jenseitskontakten mit Verstorbenen populär. Gemeinsam mit den ESP-Phänomenen (extrasensory perception) hat der Spi­ ritismus überdies zur Begründung einer eigenen akademischen Disziplin, der Parapsychologie, beigetragen. Vorstellungswelt Beim Spiritismus handelt es sich um eine äußerst facettenreiche Weltanschau­ ung, nicht jedoch um eine kohärente Philosophie. Lediglich einige Vorstellun­ gen können als verbindende Grundannahmen gelten, die allerdings nicht mit Elementen einer Lehre des Spiritismus o.ä. verwechselt werden dürfen. Eine solche existiert nicht, zu disparat sind die religionsgeschichtlichen und philoso­ phischen Einflüsse, die in den einzelnen Strömungen bzw. Gruppen Gestalt ge­ wonnen haben. Gemeinsam ist die Vorstellung einer neben der empirischen Wirklichkeit exi­ stenten, verborgenen Welt. Diese Welt wird als nicht-materiell und daher den menschlichen Sinnesorganen auch nicht unmittelbar zugänglich gedacht. Be­ völkert wird sie - je nach Ausrichtung eines Zirkels - mit den Seelen Verstorbe­ Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 4. EL 2000 1 --- Seite 1 Ende --- IX-14 Spiritistische Zirkel ner, mit Geistern, mit Elfen und Feen, Dämonen, Naturwesen und anderen numinosen Geschöpfen, aber auch mit Wesenheiten aus anderen Dimensionen. Seit dem 20. Jhd. kamen außerdem Vertreter kosmischer Intelligenzen und Mani­ festationen höherer Bewußtseinsebenen hinzu. Diese Mächte stellen von sich aus Kontakte zu den Menschen her, oder sie lassen sich medial befragen und erteilen spirituelle bzw. lebenspraktische Weisungen. Die Vorstellung von einem Weiterleben der Verstorbenen und der Existenz jen­ seitiger Wesenheiten ist weltweit, in allen Kulturen und Zeitaltern in den vielfältigsten Erscheinungsformen verbreitet, ihre Wurzeln reichen weit hinab in die Religionsgeschichte. Als Glaube an Geister und Dämonen ist sie sogar in der Bibel bezeugt und hat bis in die Neuzeit hinein die Volksfrömmigkeit v.a. im katholischen Bereich mitgeprägt. In den ethnisch-religiösen Traditionen und im Schamanismus ist die Annahme, die Seelen Verstorbener griffen unmittelbar in das Leben der Menschen und ihren Alltag zum Guten oder Bösen ein, ein weit­ verbreitetes Phänomen. Dieser Ahnenglaube ist ein prägendes Element afro­ amerikanischer Religiosität, findet sich aber genauso in asiatischen Religionen wie denen Tibets. Seit dem 19. Jhd. gelangten solche Vorstellungen - von Nordamerika ausge­ hend - zu neuer Blüte. Dieser Boom hält noch immer an; er hat mittlerweile eine unüberschaubare Literaturfulle hervorgebracht. Spiritistische Praktiken wie Pendeln oder Gläserrücken sind ein Phänomen der Jugendkulturen geworden, und in der modernen esoterischen Szene ist das Channeling (s.u.) seit einigen Jahren zu einer regelrechten Modetechnik avanciert. Anfänge der spiritistischen Bewegung Als Grunddatum der spiritistischen Bewegung gilt das Jahr 1848. Damals traten im Haus des methodistischen Farmers John D. Fox in Hydesville bei Rochester (USA) merkwürdige Klopfgeräusche auf, und zwar im Beisein seiner minder­ jährigen Töchter Margaretta und Catherine. Diese Klopfzeichen erwiesen sich nach mehrfachem Auftreten als möglicherweise intelligenten Ursprungs, denn sie schienen Fragen zu beantworten. Die Geräusche ließen angeblich erkennen, daß sie von der im Haus noch präsenten Seele des verstorbenen Vorbesitzers stammten. Nach diesem Vorkommnis bildete sich ein früher spiritistischer Kreis um die Familie, der auch schon bald zu Vorführungen der betreffenden Phänomene ein­ lud. Die Öffentlichkeit zeigte sich tief beeindruckt. Die Wirkung hinsichtlich der Ausbreitung spiritistischer Vorstellungen war enorm, und die Ereignisse lösten eine Welle weiterer Kontaktversuche mit jenseitigen Mächten und Verstorbe­ nen aus. Bereits 1855 glaubten zwischen einer und zwei Millionen Amerika­ 2 Westarp Science - Fachverlage
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