Bö Yin RÄ IX-12
IX-12 BöYinRä
Von Renate Pitzer-Reyl
Bö Yin Rä ist der spirituelle Name für Joseph Anton Schneiderfranken (geb.
1876 in Aschaffenburg, gest. 1943 in Lugano). Aufgewachsen in ländlicher,
streng katholischer Tradition, wählte er später den Beruf des Malers. Er studier
te u.a. am Frankfurter Städel. Ein großer Teil seines malerischen Werks dient
dem Ausdruck seiner religiösen Botschaft. In die Zeit eines Griechenland
aufenthalts (1912/13) fällt sein Durchbruchserlebnis, die Beauftragung durch
einen religiösen Meister. Eine Schriftenreihe von 32 Bänden, erschienen zwi
schen 1916 und 1936, bildet sein „geistiges Lehrwerk“.
Nach seinem Selbstverständnis gehört Bö Yin Rä zu einem Bund „weiser Män
ner des Ostens“, die Zugang zum geheimen geistigen Erbgut der Menschheit
haben und in verschiedenen Zeiten und Ländern auftreten, um den Menschen
den Weg zur Erlösung zu zeigen. In strengem Verständnis dieser Mittlerrolle
versuchte Bö Yin Rä jedem Persönlichkeitskult entgegenzuwirken und trat nie
mals öffentlich auf. Sein Name will kein chinesisches Pseudonym sein, sondern
eine Formel, die seine geistige Wesensart ausdrückt.
Nach der Lehre Bö Yin Räs unterteilt sich die Welt in zwei Sphären: die sichtba
re, materielle Welt und die unendlich viel größere unsichtbare, geistige Welt.
Diese bildet die eigentliche Wirklichkeit. Ihr Kem ist der seiner selbst bewußte,
absolute Geist, auch das „Urlicht“ genannt. Diese letzte geistige Wirklichkeit
ist schöpferisch als Ursache allen Seins und wirkt in Form der „Urseinskräfte“.
Gott ist nicht personal gedacht, sondern identisch mit dem absoluten Geist; er
repräsentiert seine höchste Selbstformung. Die physische wie die geistige Welt
sind Erscheinungsformen des höchsten Geistes, wobei der materielle Kosmos
die unterste, dem absoluten Geist entgegengesetzte Qualitätsstufe des Seins
darstellt.
Der Mensch war einst in rein geistiger Gestalt vereint mit Gott, also eins mit dem
Geist. Dann ereignete sich eine unheilvolle Wende: Er löste sich von Gott und
fiel herab in die materielle Welt. In irdischer Gestalt kann er nun die Urseins
kräfte, die in ihm als Seelenkräfte wirken, nicht mehr beherrschen und ist ihrem
chaotischen Wirken hilflos ausgesetzt. Es gibt jedoch in jedem Menschen einen
unzerstörbaren Kem in Form eines „Funkens“ des ewigen Geistes. Dieser bildet
das Potential für die Erlösung aus dem materiellen Dasein.
Der Heilsweg zielt darauf, die verlorene Einheit mit dem absoluten Geist wieder
herzustellen. Er vollzieht sich in unzähligen Stufen: Die Entwicklung beginnt in
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 7. EL 2003 1
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dieser Welt, wird nach dem Tod in der jenseitigen Welt fortgesetzt und schließ
lich vollendet. Der Wiederaufstieg wird eingeleitet durch das „Erwachen“, dem
ein kontinuierlicher Prozeß der (Selbst-)Bewußtwerdung folgt. Es ist ein Weg
nach innen, denn das Wiedererlangen der verlorenen Seinsqualität kann nur im
eigenen Ich geschehen. Bö Yin Rä formuliert das auch so: Gott kann nur gefun
den werden, wenn er im eigenen Selbst geboren wird.
In der praktischen Umsetzung bedeutet das aber nicht, sich aus der Welt zurück
zuziehen, sondern das gesamte Leben in allen seinen Aspekten auf dieses Ziel
hin auszurichten und danach zu gestalten. Die Aufgabe besteht darin, das Be
wußtsein für den eigenen göttlichen Wesenskem zu schärfen und den Willen zu
stärken, um die Seelenkräfte zu beherrschen und in sich zu einen. Meditative
Übungen sollen diesen Prozeß unterstützen.
Die Gründung einer Gemeinschaft hat Bö Yin Rä ausdrücklich untersagt, weil
dies zu einer Erstarrung führe, die den lebendigen Glauben abtöte. Erlaubt bzw.
erwünscht ist aber die Bildung kleiner „Zellen“ von zwei bis drei Personen, die
seine Schriften lesen und sich untereinander austauschen. Es gibt eine kleine
Bruderschaft (Ebdar, d.h. Ermächtigte Bruderschaft der Alten Riten), die nicht
von Bö Yin Rä gegründet wurde, für die er aber später die geistige Führung
übernahm. Sie versteht sich als Neugestaltung der Eleusinischen Mysterien. Das
Ziel ist die Entfaltung des inneren geistigen Menschen nach einem von Bö Yin
Rä entwickelten Meditationszyklus; die Inhalte sind geheim.
Im Verhältnis zu anderen Religionen grenzt Bö Yin Rä sich scharf ab von Theo
sophie und Spiritismus. Sehr positiv steht er den mystischen Traditionen in al
len Religionen gegenüber (z.B. Kabbala, Sufismus, christliche Mystik). Mit dem
Christentum hat er sich intensiv beschäftigt; er versteht seine Lehre als „Vertie
fung christlicher Lebensauffassung“. Jesus ist für ihn ein geistiger Meister, der
höheres Wissen besaß.
Religionsgeschichtlich betrachtet, sind in der Lehre Bö Yin Räs, besonders in
der Kosmologie und Anthropologie, gnostische Strukturen auszumachen. Die
Konzeption des Heilswegs trägt mystische Züge.
1973 wurde die Deutsche Bö Yin Rä-Stiftung gegründet, mit dem Ziel, das künst
lerische Werk des Stifters zu bewahren und die Inhalte der Schriften bekannt zu
machen. Seit 1974 gibt es auch eine Stiftung in der Schweiz. Es werden Anfra
gen beantwortet und Kontakte zwischen Interessenten vermittelt. Ein weiterer
Schwerpunkt ist die Förderung von Übersetzungen der Schriften. Diese liegen
2 Westarp Science - Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 3 Seiten
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