Anthroposophie IX - 11
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 47. EL 2016 1
OLZOG Verlag â Handbuch der Religionen â Frau Voit
Stand: 16.03.2016ââ2. AKââSeite 1
IX - 11 Anthroposophie
Von Robin Schmidt
Einleitung
Eine neue Waldorfschule in der Stadt, Demeter-Produkte im Supermarkt,
Weleda-Creme in jeder Drogerie oder Rudolf Steiners Wandtafelzeichungen
zentral bei der Biennale in Venedig ausgestellt, seine Schriften neuerdings bei
einem renommierten Verlag in kritischer Ausgabe, Diskussionen um ein bedin-
gungsloses Grundeinkommen oder die Verleihung des alternativen Nobelpreises
an zwei anthroposophische Kulturschaffende â Anthroposophie ist Teil der
Alltagskultur geworden. Sie hat in den letzten 100 Jahren vielen Menschen
ermöglicht, ihren Ideen und Initiativen neue Horizonte zu eröffnen. Die welt-
weit ĂŒber 10.000 anthroposophischen Einrichtungen wie Kliniken, Schulen,
KindergÀrten, biodynamischen Höfe und heilpÀdagogische Heime, Arztpraxen,
Kulturzentren und viele ungezÀhlte Initiativen finden in allen Erdteilen Aner-
kennung. Dies nicht nur in privilegierten bĂŒrgerlichen Milieus wie vielfach in
Deutschland, sondern auch in sozialen Brennpunkten westlicher GroĂstĂ€dte,
in SĂŒdafrika, SĂŒdamerika, im Nahen Osten und in den letzten Jahren vermehrt
auch in Asien.
Anthroposophie ist in den Worten ihres BegrĂŒnders Rudolf Steiner (1861â1925)
ein âBewusstsein des eigenen Menschentumsâ und ein spirituell orientierter
Erkenntnisweg. Sie versteht sich selbst als Anregung zur Entwicklung des Indi-
viduums und zur Neugestaltung von Lebens- und KulturverhÀltnissen und nicht
als Religion oder Lehre. Die Anthroposophie ist bis heute in weiten Bereichen
des kulturellen Lebens fruchtbar geworden â nicht nur in der persönlichen
LebensfĂŒhrung vieler Menschen, sondern auch in PĂ€dagogik, Medizin oder
Landwirtschaft, in der Kunst und in der Wirtschaft. Diese freien Kulturinitiati-
ven finden teilweise einen menschlichen Zusammenhang â ohne politische oder
religiöse Bindungen â in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.
Diese fördert die Forschung der Freien Hochschule fĂŒr Geisteswissenschaft,
den fachlichen und interdisziplinÀren Austausch. Mit dem Goetheanum, Sitz
der Gesellschaft und der Hochschule, stellt sie einen Raum dafĂŒr zur VerfĂŒgung
und setzt sich so dafĂŒr ein, dass aus einem vertieften âBewusstsein des eigenen
Menschentumsâ auch konkrete Lebenswirklichkeit werden kann.
--- Seite 1 Ende ---
IX - 11 Anthroposophie
2
Obwohl sie sich selbst als einen offenen Kulturimpuls versteht, wird sie oft
â mehr oder weniger berechtigt und mehr oder weniger fruchtbar â unter der
Perspektive von Religion, von Esoterik, von sozialer oder charismatischer
Bewegung, von Weltanschauung oder Alternativkultur wahrgenommen und
untersucht. NaturgemÀà treten dabei die der jeweiligen Untersuchungspers-
pektive entsprechenden Aspekte deutlich hervor, andere treten dabei in den
Hintergrund. Hier sei eine Darstellung aus ihrer eigenen Perspektive versucht.
Zum Begriff âAnthroposophieâ
Aus den griechischen Worten âanthroposâ (Mensch) und âsophiaâ (Weisheit)
zusammengesetzt heiĂt âAnthroposophieâ wörtlich âWeisheit vom Menschenâ.
Das Wort selbst ist keine Schöpfung Rudolf Steiners, sondern ist bereits bis in
die frĂŒhe Neuzeit zurĂŒck nachweisbar. 1575 steht es fĂŒr eine âKenntnis der
natĂŒrlichen Dingeâ und der âKlugheit in menschlichen Angelegenheitenâ.
1
Im
19. Jahrhundert wird der Begriff unter anderem von Friedrich Wilhelm Joseph
Schelling (1775â1854), Immanuel Hermann Fichte (1796â1879) und Robert
Zimmermann (1824â1898) als Name einer neu zu begrĂŒndenden Wissenschaft
verwendet.
Daran knĂŒpft Steiner an. Im Verlauf seines Lebens umreiĂt er verschiedentlich
kurz und prĂ€gnant, was er unter Anthroposophie versteht: âAnthroposophie ist
Bewusstsein seines Menschentumsâ
2
, âeine Versuchsmethode des allgemein-
menschlichen und der allgemeinen Welterscheinungenâ
3
, âAnthroposophie ist
ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im
Weltall fĂŒhren möchte.â
4
Rudolf Steiner wollte aber ursprĂŒnglich keine feste Benennung fĂŒr die von
ihm angeregte Erkenntnis- und Lebenspraxis, insbesondere um dem â unge-
wollten aber gleichwohl leicht entstehenden â Eindruck eines geschlossenen
Lehrsystems entgegenzutreten. Synonym verwendet Steiner auch âGeistes-
wissenschaftâ, âanthroposophische Geisteswissenschaftâ oder âGeheimwis-
senschaftâ im Sinne eines seiner Hauptwerke: âDie Geheimwissenschaft im
Umrissâ (1910). Im engeren Sinn verwendet Steiner den Terminus auch als Titel
einer Fragment gebliebenen Schrift, in der Anthroposophie in einer Mittelstel-
lung zwischen Theosophie und Anthropologie verstanden wird.
5Westarp Science â Fachverlage
âïž Ende der Leseprobe âïž
Der vollstÀndige Artikel umfasst 19 Seiten
Der vollstÀndige Artikel umfasst 19 Seiten