IX - 10

Die Familie (Kinder Gottes), Family of Love

📖 Leseprobe – 2 von 5 Seiten
Die Familie (Kinder Gottes), Family of Love IX- 10 IX - 10 Die Familie (Kinder Gottes), Family of Love Von Joachim Süss Geschichte Die heute gebräuchliche Bezeichnung dieser unter dem Namen „Kinder Got­ tes“ (Children of God) bekannt gewordenen neuen Religion lautet „Die Fami­ lie“, bis ca. 1983 auch „Familie der Liebe“. Im Zusammenhang einzelner Akti­ vitäten dieser Gruppierung wurden auch weitere Namen verwendet, u.a. Mis­ sionare für die Welt/Weltdienste/Gospel Service/Music with Meaning/Der Club/ Heaven‘s Love/Heaven‘s Magie. Ihr Stifter war David Berg, der sich jedoch Mose, MO oder Dad nennen ließ. Berg wurde am 18.02.1919 in Oakland geboren und starb im November 1994, wobei jedoch der exakte Ort und Zeitpunkt seines Todes nicht bekannt gegeben wurden. Berg verdiente seinen Unterhalt durch Gelegenheitsarbeiten und war Vater von vier Kindern, Jonathan, Paul, Linda und Faith. Sie übernahmen den missionarischen Auftrag ihres Vaters und führten ihn weiter. Bergs Vorfahren waren Mennoniten, seine Eltern arbeiteten jedoch als freie Evangelisten und verkündeten jene pietistisch-ekstatische Frömmigkeit, die ihren Ausdruck in spontanen Wunderheilungen und Erweckungserlebnissen findet. Der Vater war Zeitweilig Mitglied der calvinistisch-reformierten Kir­ che, wurde aus ihr jedoch ausgeschlossen, weil er sich infolge einer Heilungs­ erfahrung seiner Ehefrau vom vorgegebenen Dogma der Kirche gelöst hatte. Die Mutter war visionär veranlagt und empfing Offenbarungen, die Berg tief beeindruckten. Sie wurden von ihm aufgegriffen und in seine eigene Lehre integriert. Die tiefe Religiosität seiner Familie und die Erfahrung, dass diese in entschei­ denden Momenten immer wieder zum Konflikt mit den religiösen Institutionen führte, hat Berg hinsichtlich der Verwirklichung eines eigenen Sonderweges bestärkt. In der Familiengeschichte finden wir zentrale Elemente des eigenen Selbstverständnisses damit bereits präfiguriert: das Bewußtsein einer eigenen religiösen Sendung und die Erfahrung der Gottfeme des Establishments. Gegründet wurden die Kinder Gottes auf dem Höhepunkt der Flower-Power und der Hippie-Bewegung 1968/69 im US-Bundesstaat Kalifornien. Das äuße­ re Erscheinungsbild der Berg-Jünger und ihre Organisation, die Kommunen, entsprach den Idealen der damaligen Zeit. 1970 wurde Berg eine Offenbarung über die bereits angebrochene Endzeit zu­ teil, in deren Folge er biblische Prophezeiungen auf seine Person umdeutete: Er begann sich nach prophetischem Vorbild als der Vollender des göttlichen Heils­ plans zu fühlen, der als Hirte die umherirrenden Schafe sammelt. Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 4. EL 2000 1 --- Seite 1 Ende --- IX-10 Die Familie (Kinder Gottes), Family of Love 1978 erfolgte eine umfassende Reorganisation seiner Gruppe, nachdem sich der Druck der Öffentlichkeit auf die Children of God wegen ihrer als anstößig empfundenen Praktiken massiv verstärkt hatte. Berg löste zunächst die Kom­ munen als Lebensform seiner Anhänger auf, wegen interner Schwierigkeiten mussten auch etliche Führungsfunktionen wieder beseitigt werden. 1987 verabschiedete man sich vom „Flirty Fishing“ (s.u.), jener höchst umstritte­ nen Missionsmethode, die noch heute zuallererst assoziiert wird, wenn von den Kindern Gottes die Rede ist. Seither ist man sichtlich bemüht, seriös aufzutreten. Auch von anderen Elementen der Anfangsphase, die zu heftiger öffentlicher Kri­ tik führten, distanzierte man sich, namentlich von den pornographischen Ausfüh­ rungen und der sexistischen Sprache einiger MO-Briefe und der Werbecomics. 1994, nach dem Tod des Gründers, ging die Leitung der Kinder Gottes auf seine zeitweilige Sekretärin und spätere Frau Maria über. Das religiöse Alltagsleben verläuft heute konventionell und erstreckt sich auf die Lektüre der Bibel, der MO-Briefe sowie auf Singen und Gebet. Weltdeutung und religiöses Heilskonzept Die Religiosität der Kinder Gottes wurzelt in der pietistischen Grundorientie­ rung Bergs. Sie umfaßt sowohl ein wörtliches Bibel Verständnis als auch eine strikte Ablehnung der modernen naturwissenschaftlichen Welterklärung, na­ mentlich der Evolutionslehre. Seine Schriftauslegungen und eigene Lehren pu­ blizierte er in den sog. MO-Briefen und in religiösen Comics. Vor allem die MO- Briefe werden von seinen Anhängern bis heute als direkte Willenskundgaben Gottes verstanden und gelten hinsichtlich der Auslegungen der Hl. Schrift als verbindlich. Auch die Offenbarungen seiner Mutter sind von Bedeutung. Ne­ ben der Hl. Schrift und Bergs eigenen Texten werden sie als weitere verbind­ liche Quelle göttlicher Kundgaben betrachtet. Außerdem erweist sich die religiöse Überzeugungswelt der Kinder Gottes stark von den gesellschaftspolitischen Themen der sechziger Jahre geprägt, nament­ lich von linker Gesellschaftskritik, der Hoffnung auf revolutionäre Umwälzun­ gen in der unmittelbaren Zukunft, der Präferenz für eine kommunitäre Lebens­ weise und einer freizügigen Sexualmoral. Integriert wurden jedoch auch Ele­ mente der New-Age-Bewegung. So stilisierte sich Berg gerne als Heiland und Wegbereiter des Wassermannzeitalters. Berg dachte in den Kategorien einer strengen, eschatologisch ausgerichteten Dichotomie. Das existierende gesellschaftspolitische System ist zum Unter­ gang verurteilt. Eine gottesfürchtige Weltordnung wird kommen, und sie wird das sündige alte System vollständig verdrängen. Dennoch sind die Repräsen­ tanten dieser neuen Welt bereits hier und dort gegenwärtig. Berg glaubte sie in den Aussteigem, Hippies, den kalifornischen Blumenkindem und anderen Ver- 2 Westarp Science - Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 5 Seiten