IX - 6

Feministische Spiritualität

📖 Leseprobe – 2 von 11 Seiten
Feministische S piritualität IX -6 IX - 6 Feministische Spiritualität Von Edith F ranke Einführender Überblick „Feministische Spiritualität“ umfaßt eine mehr oder weniger eng vernetzte Bewegung einzelner, feministisch orientierter Frauen und Gruppierungen, die sich in spezifischerWeise von traditionellen Religionen und religiösen Institu­ tionen abgrenzt und in der unter Bezugnahme auf unterschiedlichste religiöse Traditionen neue Formen und Inhalte religiöser Praxis entwickelt werden. Gemeinsames Merkmal der zum Teil sehr unterschiedlichen Strömungen Fe­ ministischer Spiritualität ist die Kritik und Ablehnung patriarchaler Kultur und Gesellschaft sowie das Streben nach einer frauenbezogenen, nicht länger androzentrischen Religiosität. Feministische Spiritualität ist in ihren Ursprüngen untrennbar mit der Entste­ hung der Frauenbewegung der späten 60er Jahre in Nordamerika und Nord- und Mitteleuropa verbunden und hat sich entsprechend in diesen Regionen be­ sonders verbreitet. Aufgrund der auch unter diesem Blickwinkel bis vor weni­ gen Jahren disparaten Entwicklung in den beiden deutschen Staaten haben sich vielfältige feministisch-spirituelle Formen vor allem im Bereich der alten Bun­ desländer etabliert. Mittlerweile sind in vielen Großstädten aber auch im länd- Iichen Bereich Bildungs- und Kulturzentren, Frauenstadthäuser, Frauenbewegungszentren oder Frauengesundheitszentren mit spirituellen An­ geboten entstanden. Feministische Spiritualität hat ihren zentralen Ort vor allem außerhalb klassi­ scher religiöser Systeme. Sie ist konfessionell nicht gebunden, wirkt jedoch in vielfältiger Hinsicht auf traditionelle religiöse Kontexte zurück. So praktizie­ ren zunehmend auch christliche oder jüdische Feministinnen innerhalb oder am Rande ihrer Konfessionen bzw. Kirchen Formen Feministischer Spirituali­ tät (vgl. z.B. Franke 1995, Pahnke/Sommer 1999 u. Schmidt-Biesalski 1989). Getragen wird Feministische Spiritualtiät insbesondere von denjenigen „freien und größtenteils privaten Frauengruppen, die ihre Rituale in Abgrenzung von bestehenden patriarchalen Traditionen und vorgegebenen religiösen Inhalten und Strukturen feiern und sich dabei radikal an den eigenen Erfahrungen und Bedürfnissen orientieren“ (Pahnke 1995, S. 114). Einige der Frauen bzw. Gruppen bezeichnen sich als „neue Hexen“. Sie knüp­ fen mit diesem Verständnis explizit an die historischen Hexen an und geben damit ihrer Verbundenheit mit diesen im Mittelalter und in der Neuzeit verfolg­ ten oder ermordeten Frauen Ausdruck. Zugleich soll damit die Anknüpfung an sehr alte, nicht-christliche Überlieferungen und religiöse Traditionen, die sich Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 1 --- Seite 1 Ende --- IX-6 Feministische S piritualität über viele Generationen mündlich und im Brauchtum erhalten haben, deutlich gemacht werden. Innerhalb dieser Strömung kommt cs zu weiteren Spezifizie­ rungen dadurch, daß bestimmte Kreise der feministischen Hexen ihre Anfänge im sogenannten „Wicca-Hexentum“ verorten. So zum Beispiel die Bewegung um die Amerikanerin Starhawk, die zunächst besonderen Wert auf die Wicca- Tradition legte, sich dann aber stärker feministisch akzentuierte und einen ei­ genen „Coven“/Hexenkonvent gründete (vgl. Starhawk 1985 u. 1991). Für die Feministische Spiritualität ist außerdem das Fehlen eines Absolutheits­ oder Allgemeingültigkeitsanspruchs charakteristisch. Daraus resultiert eine große Bandbreite möglicher Bezugnahmen und Deutungen. Hinsichtlich der sehr unterschiedlich gestalteten Orientierung an der Großen Göttin bzw. an verschie­ denen Göttinnen hat Pahnke dies treffend zusammengefaßt: „Das Symbol der Göttin hat so viele Gesichter wie es Frauen gibt, die sie beschreiben.“ (Pahnke 1991, S. 221). Zum Entstehungszusammenhang Die in der Frauenbewegung von vielen geteilte Überzeugung, daß Religion eines der wichtigsten Instrumente zur Legitimierung und Stabilisierung der Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen war und ist, führte bei vielen Feministinnen zu einer grundlegenden Ablehnung von Religion und Religiosi­ tät. Religion wurde dabei oft gleichgesetzt mit dem institutionalisierten Chri­ stentum und eine Religionszugehörigkeit bzw. die Ausübung religiöser Praxis als mit einem feministischen Bewußtsein unvereinbar angesehen. Ausdruck dieser Kritik war der in feministischen Kreisen auf vielfältige Weise vollzoge­ ne Abschied vom traditionellen christlichen Vatergott. Eine der Wortführerin­ nen war die amerikanische Theologin und Philosophin Mary Daly, die in ihrem erstmals 1973 erschienenen Buch „Jenseits von Gottvater, Sohn und Co“ den Androzentrismus im Verlauf der Kirchengeschichte und in den elementaren christlichen Glaubensdogmen analysiert und zu dem Schluß kommt, Femini­ stinnen bleibe nur noch der Auszug aus der grundlegend patriarchalen Religi­ on. In Abgrenzung gegenüber dieser radikalen Position artikulierten sich allerdings auch zunehmend feministische Stimmen, die für frauenadäquate religiöse In­ halte und Formen plädierten. Diese, zunächst im amerikanischen Kontext auf­ gebrochene, Richtung spiegelt sich in dem Ende der 70er Jahre erschienenen Sammelband „Womanspirit Rising. A Feminist Reader in Religion“ von Carol Christ und Judith Plaskow. Darin finden sich Beiträge von Frauen aus unter­ schiedlichen religiösen Traditionen, die ihre Religiosität mit einem selbstbe­ wußten und starken Frauenbild bzw. mit einem feministischen Bewußtsein in 2 Westarp Science - Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 11 Seiten