Falun Gong VIII - 19
VIII-19 Falun Gong
Von Renate Pitzer-Reye
Die chinesische Falun Gong-Bewegung wurde weltweit bekannt, nachdem am
25. April 1999 über 10.000 Anhänger vor dem Sitz der Partei- und Staatsführung
in Peking demonstriert hatten. Seitdem gibt es in den Medien immer wieder Be
richte über Protestaktionen von Anhängern sowie über Sanktionen der chine
sischen Regierung.
Der Stifter
Der Gründer der Bewegung ist Li Hongzhi, dessen Biographie von seinen
Anhängern bereits stark mit legendären Zügen angereichert worden ist. Als
Geburtsdatum wird der 13.5.1951 angegeben - nach dem traditionellen Mond
kalender der Geburtstag Buddhas. Möglicherweise ist der 7.7.1952 sein eigent
liches Geburtsdatum. Li stammt aus der Provinz Jilin in Nordost-China; nach
der Schul- und Armeezeit arbeitete er in der Erdölindustrie.
Li Hongzhis religiöser Werdegang ist charakterisiert durch eine jahrzehntelange
Lehrzeit bei verschiedenen religiösen Meistern. Seine spirituelle Ausbildung
soll schon im vierten Lebensjahr bei einem buddhistischen Meister begonnen
haben. Bereits mit acht Jahren habe er übernatürliche Fähigkeiten besessen.
Seit 1963 hatte Li einen taoistischen Lehrer, seit 1972 war er Schüler bei einem
Qigong-Meister. Ein Aufenthalt in Thailand brachte ihn in Kontakt mit dem
Theravada-Buddhismus. Seit 1989 gilt die religiöse Lehrzeit als beendet; Li
hatte sein eigenes religiöses System entwickelt.
Die öffentliche Tätigkeit begann 1992, zunächst im Rahmen der offiziellen
chinesischen Qigong-Vereinigung. 1994 erschien sein erstes Buch „Zhuan
Falun“. Danach betrieb er weltweite Expansion und verkündete seine Lehre auf
Reisen in Europa, Asien und Australien.
Seil 1995, als die Repressionen der chinesischen Behörden gegen Falun Gong
begannen, wurden die Bedingungen seiner Arbeit in China zunehmend schwie
riger. Nachdem 1997 ein Haftbefehl gegen ihn erlassen worden war, wanderte er
ein Jahr später in die USA aus und lebt seitdem in New York.
Was Li Hongzhis religiöses Sclbstverständnis betrifft, so versteht er sich als eine
Person, die übernatürliche Fähigkeiten besitzt und mit den kosmischen Kräften in
ständiger Verbindung steht. Er erhebt den Anspruch, uralte Wahrheiten zu
verkünden, die er neu entdeckt habe. Seine (angebliche) Geburt am Geburtstag
Buddhas soll ihn als reinkarnierten „Lebenden Buddha“ ausweisen - dies ist in der
Geschichte neuer religiöser Bewegungen in China kein ungewöhnlicher Anspruch.
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 10. EL 2005 1
--- Seite 1 Ende ---
VIII -19 Falun Gong
Religion, Sekte, Kult?
Zunächst muss die Frage geklärt werden, ob es sich bei der Falun Gong-Be
wegung überhaupt um eine Religion handelt, denn die Gruppe dementiert dies
vehement. Falun Gong sei weder Religion noch Sekte, sondern eine Kulti-
vierungsmethodc. Um dies zu verstehen, muss man die negativen Konnota
tionen dieser beiden Begriffe kennen: In der konfuzianistischen Tradition Chinas
war Religion dem Verdikt des Aberglaubens unterworfen. Die moderne chine
sische Regierung bedient sich des westlichen Sektenbegriffs und stuft Falun
Gong als einen „häretischen“ und „dämonischen Kult“ ein. Sic unterstellt damit
eine Gefährdung von Staat und Gesellschaft, um ihre massive Verfolgung zu
legitimieren. Die Abstreitung des Religionscharakters verfolgt im Wesentlichen
den Zweck, sozialen und politischen Sanktionen entgegenzutreten.
Eine Analyse unter religionswissenschaftlichen Aspekten zeigt, dass Falun
Gong alle wesentlichen Züge eines religiösen Systems enthält: Zentriert um ein
Unheils- und Heilskonzept bietet die Lehre eine Anleitung zur Lebensbewälti
gung in Form einer spezifischen religiösen Praxis sowie eine Weltcrklärung in
Gestalt einer ausgeprägten Kosmologie.
Religionsgeschichtliche Bezüge sind zu Buddhismus und Taoismus erkennbar.
Das Verhältnis des Stifters dazu ist ambivalent: Einerseits gibt er die Ver
wurzelung seiner Lehre in diesen Traditionen zu, andererseits grenzt er sich
von ihnen ab, indem er ihre Botschaft relativiert. Buddhismus, Taoismus (wie
auch andere große Religionen) stellten historisch überholte Ausprägungen
dar. Falun Gong dagegen repräsentiert nach Lis Auffassung die einzig relevante,
weil zeitgemäße Formulierung der ewigen Wahrheit. Die neue Lehre enthält und
überbietet also die Aussagen der vorhergehenden Religionen - eine für viele
Neureligionen typische Verhältnisbestimmung.
Das Heilskonzept
Die Botschaft Li Hongzhis ist mit Hilfe verschiedener Medien aufgezeichnet
worden. Als zentrale Schrift gilt das „Zhuan Falun“ („Das Gesetzesrad in
Bewegung setzen“, 1994; künftig zitiert als Zh.F.), eine Niederschrift von Kursen,
die der Stifter in den Jahren zuvor in ganz China gehalten hatte. In diesem Werk
werden wichtige Aspekte von Weltbild, Lehre und Praxis erläutert. In den fol
genden Jahren erschienen weitere einführende und kommentierende Schriften.
Daneben gibt es Tonbandaufnahmen von Vorträgen und Videos, in denen Li
die grundlegenden praktischen Übungen demonstriert. Auf Grund der wach
senden Bedeutung audiovisueller Medien bei der Aufzeichnung der Stifterver
2 Westarp Science - Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 9 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 9 Seiten