Vishwa Hindu P arishad e.V. VIII -17
VIII - 17 Vishwa Hindu Parishad e.V.
Von Matthias Dech
Allgemeine Kennzeichen
Die Vishwa Hindu Parishad („Versammlung aller Hindus“) ist eine pan-hin
duistische Gruppierung und versteht sich als Interessenvertretung aller Hin
dus. Gemäß diesem Anspruch und Ziel gehört sie nicht eigentlich einer
bestimmten religiösen Richtung bzw. Denomination (Sanskrit, sampradaya)
an. Im Gegenteil bemüht sie sich, viele verschiedene hinduistische Denomi
nationen unter einem organisatorischen Dach zusammenzubringen. Ein ty
pisches Kennzeichen der Vereinigung ist die Tatsache, daß der Selbstan
spruch als gesamthinduistisches Interessenforum nicht nur religiös-ideelle,
sondern insbesondere auch politische Implikationen aufweist. Aus diesem
Grunde ist die VHP verschiedentlich dem Spektrum des „politischen Hindu
ismus“ zugerechnet worden. Religiöse Ideen, Glaubensvorstellungen und kul
tische Praktiken haben neben ihrer - vordergründig - religiösen Bedeutung
zusätzlich oft einen ideologischen oder konkret politischen Sinngehalt. Es
sei aber bereits anfänglich darauf hingewiesen, daß derartige politische Ziel
setzungen in erster Linie auf Indien und die indische Gesellschaft abzielen;
in Deutschland verlieren sie an Bedeutung, auch wenn bei verschiedenen
Gelegenheiten solche Töne anklingen.
Entstehung und Geschichte
Die Vishwa Hindu Parishad e.V. Germany ist organisatorischer Teil der Vishwa
Hindu Parishad, die ihren Sitz und ihr hauptsächliches Betätigungsfeld in In
dien hat. Aufgrund der organisatorischen Zugehörigkeit ist es sinnvoll, die
Mutterorganisation in Indien näher vorzustellen. Ins Leben gerufen wurde sie
am 29.08.1964 in Bombay. Der Gründungstag war nicht zufällig gewählt, son
dern fiel auf das Geburtstagsfest, das Krishna als einem der populärsten Gott
heiten Indiens gewidmet ist. Als Initiatoren der Gründung wirkten Svami
Chinmayananda [1916-93] und Shivram Shankar Apte, ein hoher Funktionär
des nationalistisch orientierten Rashtriya Svayamsevak Sangh, der „Nationa
len Freiwilligenorganisation“. Zur Gründungsfeier waren 150 Führer verschie
dener hinduistischer Denominationen eingeladen, was den Anspruch als pan
hinduistisches Forum zum Ausdruck bringt. Ein geeinter Hinduismus ist nach
Ansicht der VHP-Oberen eine notwendige Voraussetzung, um gesellschaftli
che Mißstände zu beheben und allgemeinverbindliche religiöse Lebensmaxime
zu etablieren. Einen wichtigen Stellenwert nimmt in diesem Konzept der Be
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 4. EL 2000 1
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VIII -17 Vishwa Hindu P arishad e.V.
griff Dharma ein, auf den weiter unten noch näher eingegangen wird. So heißt
es beispielsweise zu den Zielen im Grundsatzprogramm der Organisation: Auf
gabe ist es, „die Hindu-Gesellschaft zu stärken und auszubauen; ethische,
lebenspragmatische und spirituelle hinduistische Werte zu schützen, voranzu
treiben und zu verbreiten.“ Zur Umsetzung dieser Ziele wurden und werden
verschiedene Maßnahmen ergriffen: karitative und edukative Hilfsprogram
me unter sozialen Randgruppen wie Kastenlosen und tribalen Gesellschafts
gruppen, Missionszentren mit Schulen und medizinischen Versorgungs
stationen; Rekonversionsprogramme; landesweite Prozessionen und
Propagandaaktionen; Organisation von Festivals; Ausbildungszentren von ri
tuellen Spezialisten u.a.
Die Effektivität und reibungslose Koordination dieser vielfältigen Aktionen
und Projekte wird gewährleistet durch die straffe Organisationsstruktur der
VHP. Das Organisation Department bildet das höchste Gremium in der
Organisationshierarchie. Die praktische Arbeit wird von derzeit 17 Abteilun
gen übernommen, die nach verschiedenen Aufgabengebieten unterteilt sind.
Seit 1982 gibt es ein sogenanntes „Religiöses Parlament“ (Dharma Samsad),
das aus 1008 Sadhus - religiösen Spezialisten - besteht. Diese Einrichtung
unterstreicht zum einen den Anspruch der VHP, Sprachrohr des gesamten Hin
duismus zu sein, und zum anderen werden hier die Direktiven und politischen
Weisungen des Organisation Department religiös legitimiert und als religiöse
Pflicht der Mitglieder deklariert.
Beispielsweise beschloß das „Religiöse Parlament“ 1984 die Veranstaltung der
„Kampagne für die Befreiung des Geburtsplatzes von Rama“ - die Ramarajabhumi-
Kampagne. Damit ist die folgenreichste Aktion der Vishwa Hindu Parishad
bezeichnet, welche die Organisation weltweit in negative Schlagzeilen brach
te. Diese Kampagne wurde ins Leben gerufen, um den mythologischen Ge
burtsort des Gottes Rama in Ayodhya von der - aus Sicht der VHP -
muslimischen Okkupation zu befreien. Im 16. Jahrhundert entstand auf den
Resten eines alten hinduistischen Tempels eine muslimische Moschee, die nach
einer regionalen Überlieferung direkt auf den niedergerissenen Fundamenten
des Geburtsplatzes von Rama errichtet worden sein soll. Regionale Konflikte
zwischen Rama-Anhängern und Muslimen versuchten bereits die Briten an
fangs des 20. Jahrhunderts zu entschärfen, indem sie neben der Moschee eine
Plattform für hinduistische Andachten und Feiern errichten ließen. Nach der
Unabhängigkeit Indiens wurde die Moschee geschlossen, um periodisch auf
tretende Auseinandersetzungen zwischen den beiden Religionsgemeinschaf
ten zu schlichten. Mit der Begründung, einen laut VHP-Propaganda überhand
nehmenden Einfluß von Muslimen in Indien zurückzudrängen, forderte die VHP
die Wiedereröffnung und Übergabe des Gebäudes an die Hindus. 1986/87 wurde
2 Westarp Science - Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 7 Seiten
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