Sahaja Yoga VIII -11
VIII -11 Sahaja Yoga
Von Helmut Langel
Entstehung
Eine mühelose, natürliche, leichte (sahaj) Meditationstechnik, die sich gegen
über den anstrengenden Yoga-Übungen abheben will, wird im Sahaya Yoga
angeboten. Sie spricht die sogenannten Energiezentren im Körper an (Chakras)
und weckt die schlummernden Energien, um einen spirituellen Reinigungspro
zeß in Gang zu setzen. Zwei Namen spielen beim Sahaja Yoga eine besondere
Rolle: Der Guru Shri Ramcandra (1899-1983), der vor allem aber im Westen
nicht so große Erfolge erringen konnte wie die 1923 geborene Shri Mataji
Nirmala Devi. In Indien sind weibliche spirituelle Persönlichkeiten mit welt
weiter Wirkung relativ selten und treten meistens nur als Partnerin eines be
rühmten Gurus, Yogis oder Bhagwans auf. Shri Mataji Nirmala Devi ist es
gelungen, eine eigene Bewegung ins Leben zu rufen, die eine grenzüberschrei
tende Bedeutung erlangte. Sie wurde in Chindvara (M.P.) geboren und ent
stammt einer protestantischen Familie aus der Mittelklasse. Nach einer Schul-
und Collegeausbildung studierte sie Medizin und erwarb dabei Kenntnisse, die
sie später bei der Herausbildung ihres Sahaja Yoga fruchtbar machen konnte.
Sie heiratete den Generalsekretär der Internationalen Schiffahrtsorganisation
der UNO Chandrika Prasad Shrivastava. Als Jugendliche soll sie einige Zeit in
dem Ashram von Mahatma Gandhi (1869-1948) zugebracht haben. Außerdem
wird von ihr erzählt, daß sie auch Kontakt zu Bhagwan Shree Rajneesh hatte
(Finger, S. 209). Schon in jungen Jahren zeigte sie die Begabung einer
Glaubensheilerin. Sie bekam zwei Töchter und ist mittlerweile auch Großmut
ter. Ein Erleuchtungserlebnis wird auf den 5. Mai 1970 datiert. 1973 reiste sie
mit ihrem Mann nach London. Von nun an begann ihre Wirksamkeit in den
westlichen Ländern. Es gibt mittlerweile eine Reihe von Sahaja-Yoga-Zentren
in der ganzen Welt.
Die Verbindung indischer Spiritualität mit christlichen Elementen ist ein Kenn
zeichen vieler „Guru-Bewegungen“ im Westen. Das hat einerseits mit dem bio
graphischen Hintergrund der Guru-Persönlichkeiten zu tun, die ja häufig in
einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft aufgewachsen sind; zum
anderen versucht das Anliegen einer Religionssynthese, gerade im Umgang
mit westlichen Schülern und Adepten, den interreligiösen Aspekt in den Vor
dergrund zu stellen, um auf diese Weise inklusivistisch den Zugang zu indi
scher Spiritualität zu erleichtern. Der dabei häufig unterstellte vordergründige
werbepsychologische Aspekt einer Instrumentalisierung christlichen Gedan
kenguts für neohinduistische Ideologie erscheint zumindest vor dem biogra
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 2. EL 1999 1
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phischen und sozialen Hintergrund der Guru-Persönlichkeiten religions
wissenschaftlich problematisch.
Shri Mataji Nirmala Devi entwickelt eine tantrische Yogaphysiologie, eine Art
Kundalini-Meditation, die sowohl spirituelle Reinigung wie medizinische Hei
lung ermöglichen soll. So heißt es in einem französischsprachigen Informati
onsblatt des Sahaja Yoga, Nirmala Devi habe in einer Meditation gesehen, „wie
die Erweckung der Kundalini auf eine fühlbare und wieder-übertragbare Art
übertragen werden konnte; dies um zu vermeiden, daß Sahaja Yoga zu großen
Reden um eine hypothetische Wirklichkeit wird, denn diese Wirklichkeit wird
ja allen, die sie wünschen, direkt zugänglich“ (zitiert nach Finger, S. 209).
Um Nirmala Devis Kundalini Yoga zu verstehen, seien einige grundlegende
Bemerkungen zur tantristischen Grundlage ihres Konzepts dargestellt.
Der Tantrismus spielt in zahlreichen neuhinduistischen Bewegungen eine we
sentliche Rolle. Das Wort Tantra bedeutet Faden, Gewebe, Lehrsystem und
bildet seit dem 6. Jahrhundert n.u.Z. eine Kosmologie heraus, die auf der Ana
logie von Mikrokosmos und Makrokosmos basiert. Sie beeinflußte in Indien
den Shivaismus, den Shaktismus, den Jainismus aber auch den Mahayana-Bud
dhismus. Die tantristische Philosophie sieht im physiologischen Aufbau des
Menschen eine Entsprechung zum Aufbau des ganzen Kosmos. Der Schöpfer
und Hervorbringer ist Brahman, das All-Eine, dessen schöpferische Kraft so
wohl weibliche wie männliche Aspekte enthält. Als Shabda-Brahman (shabda=
Klang, Laut) ist ihm Shakti als dynamische Kraft zugeordnet, die durch stufen
weise Verdichtung der Ursubstanz (prakriti) von der feinsten Ebene (akasha)
bis zur grob-stofflichen Ebene die Elemente des Lebens herausbildet, sich von
Shiva entfernt und dabei sich ihres entfalteten Daseins entäußert, d.h. sie ver
liert die Weite ihres Urbewußtseins und wird zur Maya-Shakti (maya= Täu
schung). Hat sie sich indessen durch die Schaffung des Erdelements veraus
gabt, liegt sie zusammengerollt und schläft (Kundalini= die Zusammengeroll
te). Diesem kosmologischen Ansatz entspricht der Aufbau des Menschen, der
als einzelnes Ich sieben Körperzentren enthält, die vom unteren Teil des Rük-
kens bis in den Scheitelpunkt verlaufen. „Diese Cakras werden in der Literatur
oft vielfarbig, mit verschiedenen Eigenschaften, Gottheiten und Mantras aus
gestattet dargestellt“ (Finger, S. 213). Im Zustand derTäuschung oder der Tren
nung von der Welt und dem All-Einen, liegt die Kundalini-Kraft im unteren
Bereich des Körpers, vorgestellt in der Metapher einer aufgerollten Schlange.
Die Aufgabe des Yogis besteht darin, durch bestimmte rituelle, teilweise auch
magische Handlungen, gelegentlich auch verbunden mit der Berührung be
stimmter Körperteile (nyasa), diese Kraft zu wecken und durch das Meditieren
heiliger Silben (Mantra) auf den Rück-Weg zu bringen zu immer höheren und
feineren Bewußtseinsebenen, die am Scheitelpunkt (Fontanelle, Spitze der Schä
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Der vollständige Artikel umfasst 7 Seiten
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