Osho-Bewegung VIII - 8
VIII - 8 Osho-Bewegung
Von Joachim Süss
Geschichte
Die Osho-Bewegung wurde im September 1970 in der westindischen Stadt Bom
bay von Rajneesh Chandra Mohan (1931-1990) gegründet, der von 1958 bis
1966 als Philosophieprofessor am Mahakoshal Arts College der Universität
Jabalpur lehrte und sich später Bhagwan nannte. Seit 1989 trägt er den Namen
Os ho.
In Anlehnung an das traditionelle hinduistische Mönchsideal des Sannyasin
wurden die Anhänger Rajneeshs als „Neo-Sannyasin“ bezeichnet, um sowohl
die Verwurzelung in der indischen Religionsphilosophie als auch den Anspruch
des Guru auf eine durchgreifende Erneuerung derselben nach außen hin deut
lich zu machen.
Die offizielle Bezeichnung seiner Gemeinschaft lautet daher „Neo-Sannyas-
Intemational-Movement“, davon abgeleitet ist die gelegentlich anzutreffende
Titulierung „Neo-Sannyas-Bewegung“, auch „Bhagwan-Bewegung“ findet sich
noch immer, obwohl sich intern und in der Öffentlichkeit seit 1990 „Osho-
Bewegung“ als Name weitgehend durchgesetzt hat.
Rajneesh, von Hause aus Jain und Sohn eines Tuchmachers, trat bereits in den
sechziger Jahren als religiöser Erneuerer in Erscheinung. Bei zahlreichen Auf
tritten, Reden und Meditationsveranstaltungen formte er das für ihn charakte
ristische Programm einer ganzheitlichen, d.h. Geist, Seele und Körper inte
grierenden Spiritualität. Er berief sich nicht nur auf die indische Geistesge
schichte, hier insbesondere die Tradition des Tantra, in der bereits seit Jahr
hunderten körperliche Erfahrungen als ein Instrument des spirituellen Erwachens
begriffen und in entsprechenden Übungen kultiviert werden. Darüber hinaus
übernahm er charakteristische Techniken der in den sechziger Jahren in den
USA entwickelten humanistischen Psychologie und integrierte damit Elemen
te westlicher Weltanschauung und Anthropologie in seine Lehre.
Er fand mit diesem Ansatz viel Zustimmung unter traditionskritisch denkenden
Landsleuten, die die asketische Weltüberwindung des Hinduismus mit der
Wirklichkeitserfahrung des modernen Menschen für unvereinbar hielten. Zu
gleich aber artikulierte er auch den Zeitgeist der sechziger und siebziger Jahre
im Westen, einer Zeit, in der sich viele jüngere Menschen nach dem Scheitern
der revolutionären Ziele der Hippiebewegung und der APO enttäuscht von der
Politik abwandten und nunmehr nach religiösen Lebensbezügen suchten.
Rajneesh, der bis zu seinem Tod ein intensiver Vortragsredner war, vermochte
angesichts dieser Situation mit Diskursen (Sannyas-Jargon: Vortrag) über The
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 5. EL 2001 1
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men wie „Vom Sex zum kosmischen Bewußtsein“, „Esoterische Psychologie“
oder „Ekstase, die vergessene Sprache“ viele Sinnsucher aus dem Westen für
sich zu gewinnen.
Im März 1974 erfolgte der Umzug von Bombay in den neugegründeten Ashram
von Poona. Die folgenden Jahre wurden zu einer Phase exzessiver Erfahrun
gen für die Sannyasin. Man experimentierte nicht nur mit neuentwickelten
Meditationstechniken, sondern überschritt auch in den spirituellen Therapien
manche bürgerliche Konventionen durch einen freizügigen Umgang mit Kör
per und Gefühl.
In den Gruppentherapien, die in den siebziger Jahren in Poona durchgeführt
wurden, stand Dekonditionierung im Vordergrund: Tiefsitzende emotionale
Blockaden und Gefühlsstaus wurden offensiv ausgelebt, weil man sich davon
eine nachhaltige Befreiung von selbst-entfremdenden Erziehungsmustern ver
sprach. Auch Sexualität war ein zentrales Thema dieser Zeit. Der 1977 wäh
rend einer Reportagereise zum Sannyasin initiierte Stern-Reporter Jörg-Andrees
Elten beschreibt die Erfahrungen dieser Phase eindrücklich in seinem Poona-
Tagebuch „Ganz entspannt im Hier und Jetzt“.
Im Herbst 1981 wurden die Aktivitäten des Ashrams in den US-Bundesstaat Ore
gon verlegt. Auf einem 250 Quadratkilometer großen ehemaligen Farmgelände
entstand durch den Einsatz der Sannyasin die neue Großkommune Rajneeshpuram
(Rajneeshstadt). Dieser Umzug leitete eine neue Phase ein: Sie brachte die Grün
dung einer Religion des Rajneeshismus, die Einführung einer Ämterhierarchie
und eine strenge Zentralisierung der Bewegung. Gelingen konnte dieses Pro
jekt freilich nur durch den unermüdlichen Einsatz tausender Anhänger, die den
Aufbau der neuen Kommune durch ihre generell unbezahlte Arbeit, Überstun
den und mit ihrem Geld unterstützten.
Rajneesh trat in eine dreijährige Schweigephase ein und überließ die Geschik-
ke der Kommune seiner Sekretärin Ma Anand Sheela. Er selbst beschränkte
sein öffentliches Auftreten auf den Drive-By, eine kurze tägliche Ausfahrt mit
einem der 93 Rolls-Royce, die ihm zur Verfügung standen. Gerüchte über kri
minelle Machenschaften des Kommunemanagements, über Bespitzelungen,
Wahlmanipulationen und Unterschlagungen in Millionenhöhe riefen die loka
len Staatsanwälte auf den Plan. Ende 1985 wurde Rajneesh des Landes verwie
sen, Sheela zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, das Kommune-Experi
ment in Oregon war damit beendet.
Der Guru kehrte nach einer anderthalbjährigen sogenannten Weltreise, einer
Verkettung von Einreiseverboten und Ausweisungen aus insgesamt 21 Staaten
wieder nach Poona zurück. Dort verfügte er die Auflösung der Religion des
Rajneeshismus durch eine spektakuläre Verbrennung ihrer Agenda, des Book of
Rajneeshism. Wie vor Oregon, rückte nun das Moment der individuellen spi
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Der vollständige Artikel umfasst 10 Seiten
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