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Aurobindo und der „Integrale Yoga"

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Aurobindo und der „Integrale Yoga 4 VIII - 2 VIII - 2 Aurobindo und der „Integrale Yoga“ Von Helmut Langel Entstehung Aravinda Ghosc wurde nach seinem Vornamen als Aurobindo bekannt und zu einer der wichtigsten Identifikationsfiguren des im 19. Jahrundert erwachten indischen Nationalismus. Er wurde am 15.8.1872 in Kalkutta als drittes von fünf Kindern in einer Kayastha-Familie geboren. Sein Vater, der indische Arzt Krishna Dan Ghose, war ein außerordentlich anglophiler Mann und ließ des­ halb seinen Sohn ganz nach westlichem Muster erziehen, frei vom indischen „Aberglauben“, wie er es nannte. Aurobindo erhielt ein Stipendium in Cam­ bridge. Trotz der ihn prägenden englischen Einflüsse setzte er sich auch mit seiner eigenen Kultur auseinander. Er begann, Sanskrit und Bengali zu lernen. Nach seiner Rückkehr nach Indien studierte er beim Maharaja von Baroda die indische Kultur (1893-1906). Aurobindo schloß sich militanten nationalisti­ schen Kreisen an und übte gleichzeitig Yoga-Meditation. Dieses Zwitterdasein „eines Pendelns zwischen politischer Agitation und Yoga-Meditation“ führte zu Konflikten mit den Behörden: „Ich hatte anfänglich gedacht, daß ein Yoga, der von mir verlangt, die Welt aufzugeben, nichts für mich sei. Aber ich betrieb den Yoga ernstlich, als ich erfuhr, daß dieselbe Disziplin, die man auf sich nimmt, um von der Welt zu scheiden, auch in aktives Handeln verwandelt werden kann. Yoga gibt Kraft, so hörte ich, und ich dachte: Warum in Teufels Namen sollte ich dieser Kraft nicht teilhaftig werden, und sie zur Befreiung meines Landes einsetzen?“ (Hecker 1986, S. 1591) Aurobindos politische Aktivitäten, die er versuchte, mit seinem religiösen Sclbstverständnis in Einklang zu bringen, brach­ ten ihm eine Gefängnisstrafe ein. Während seiner Gefangenschaft hatte er eine Vision Krishnas, die einen tief­ greifenden Wandel in seinem Leben bewirkte. Nach einjähriger Haftstrafe wur­ de er 1909 freigesprochen. Danach zog sich Aurobindo aus dem politischen Leben zurück, floh 1910, „von erneuter Verhaftung bedroht, in die französi­ sche Besitzung Pondichcry, wo er bis zu seinem Tod 1950 bleiben sollte.“ (Fin­ ger 1987, S. 161) In Pondichcry fing Aurobindo an, sich durch eine Reihe von Veröffentlichun­ gen bekannt zu machen. Freunde, vor allem der Franzose Paul Richards, unter­ stützten ihn. Dessen Frau, die französische Jüdin Mira Richard-Alfassa, die aus Nordafrika stammte, wurde seine wichtigste Partnerin. Der Kreis um Aurobindo wurde immer größer, und Mira fing an, ab 1922 den entstandenen Kreis als Ashram zu organisieren. Offiziell wurde er am 24.11.1926 gegründet. An die­ sem Tag soll Aurobindo ein inneres Erlebnis gehabt haben, das er als die Erfah­ Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 1 --- Seite 1 Ende --- VIII - 2 Aurobindo und der „Integrale Yoga‘ rung des Über-Geistes (over-mind) beschreibt. Dieser Tag wird noch bis heute als Jahrestag seines großen Gcistelerlebnisscs gefeiert. Während sich Aurobindo immer mehr zurückzog - nur noch viermal im Jahr zeigte er sich seinen Schülern und Besuchern im „Darshan“ („Anblick“, „An­ schauen“) übernahm Mira alle organisatorischen Angelegenheiten. Sic grün­ dete die Aurobindo Society und übernahm 1950 nach dem Tod Aurobindos auch die geistige Leitung des Ashrams. Mira wurde zur „Mutter“ (mere) der Organisation. 1964 wurde die Musterstadt Auroville gegründet und mit Unterstützung der UNESCO aufgebaut. Sie bildet das geistige Zentrum der Anhänger Aurobindos. 1977 sollte durch die „Gemeinschaft zur Förderung von Auroville und Mirapuri“ eine weitere Ausbreitung der Bewegung im Westen erreicht werden. Doch der Organisator dieses westlichen Unternehmens scheint sich der Aurobindo Society und dem Ashram in Auroville entfremdet zu haben. (Finger 1987, S. 162) 1973 starb Mira. Konsequenz waren eine Reihe von Streitigkeiten unter den Anhängern. Sie hatten sich so stark auf die Personen Aurobindo bzw. auf seine Nachfolgerin, die „Mutter“ orientiert, daß in der Nachfolge organisatorische Pro­ bleme entstanden, die intern offensichtlich nur schwer zu lösen waren. Die Streitigkeiten wurden beendet durch die Einsetzung eines indischen Be­ amten der Zentralregierung, der die organisatorischen Geschäfte übernahm in Auroville, das neben dem Ashram in Pondichery immer noch das Zentrum der Lehre Aurobindos bildet. Lehre Aurobindos intensive Ausbildung in England, seine kulturelle Prägung durch westliche Philosophie wirken sich auch auf sein Verständnis indischer Religio­ sität aus. Seine frühe Lehre gründet sich auf die upanishadischen Seher, die er im Sinne seines frühen nationalen Engagements als Ausdruck indischer Eigen­ art interpretiert. Shakti, höchste göttliche Energie, leitet den Einsatz für die Verbreitung indischer Nationalwcrtc. Politisches und religiöses Denken bilden für Aurobindo immereine Einheit. Die spirituellen Erfahrungen Indiens liefern ihm einen universellen Impuls, der über allen Religionen steht und zur höch­ sten Bewußtseinsstufe führt, dem sat-cid-ananda (Sein-Wissen-Wonne). Aurobindo versucht, die beiden großen und grundlegenden indischen Lehren von dvaita und advaita zu verbinden. Der Begriff maya ist für ihn nicht wie im Advaita-Systcm negativ als Täuschung oder Illusion bestimmt, sondern als Erfahrungsebene der Vielheit der Einheit gegenübcrgcstellt. Beide Erlebnis­ möglichkeiten sind für ihn wichtig. Die politischen Auseinandersetzungen, in die Aurobindo hineingezogen wurde, seine Haft und seine Auditionen und Vi­ 2 Westarp Science - Fachverlage
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