Rezension V - 3.3
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 76. EL 2023 1
V - 3.3 Udo Schaefer: Studien zum Bahā’ītum –
Ethische Aspekte der Schrift
Band 1 – Grundlagen
Gundula Negele
Udo Schaefers Monografie erschien bereits 2007 in der englischen Fassung
Bahá’í Ethics in Light of Scripture – An Introduction, Volume I: Doctrinal Fun-
damentals beim George Ronald Verlag, Oxford/England, und wurde nun durch
seine Frau Sigrun Schaefer nach seinem Tode (2019) ins Deutsche übersetzt.
In seinen „Studien“ beschäftigt sich Udo Schaefer mit einer religiösen Ethik,
einer Offenbarungsethik. Grundlage dieser Ethik ist zunächst das offenbarte
Wort Gottes durch den Báb und Bahá’u’lláh, den sog. Manifestationen und als
unfehlbar geltenden Vermittlern zwischen Gott und dem Menschen.
Der Autor hat mit dieser Abhandlung einen Versuch unternehmen wollen, die
„zugrunde liegenden Strukturen und die innere Architektur des Bahá’í-Mo-
ralsystems zu erkennen und zu analysieren“ (S. 14). Dabei hatte er bereits auch
seinen zweiten Band im Blick: Volume II:
Virtues and Divine Commandments.
Schaefer (geb. 1926), ein ausgewiesener Rechts- und insbesondere Kirchen-
rechtsgelehrter, hat bereits vor 2007 in zahlreichen Publikationen und Vorträ-
gen einzelne hier erörterte Fragestellungen im Lichte der heiligen Schriften der Bahá’í-Religion behandelt. Diese führte er in den zwei englischen Bänden
von 2007 und 2009 zusammen. Mit der deutschen Übersetzung des ersten
Bandes soll das englische Werk nun auch dem deutschsprachigen Diskurs zur Verfügung stehen (vgl. S. 11, 19).
Nach einem Vorwort von Sigrun Schaefer entfaltet Udo Schaefer nach einer
längeren Einleitung zehn logisch aufeinander aufbauende Kapitel (allgemein
zur Bahá’í-Religion und zur Bahá’í-Ethik mit vertiefenden Problematiken und
Udo Schaefer Studien zum Bahā’ītum – Ethische Aspekte der Schrift Band 1 – Grundlagen Peter Lang GmbH 2022 428 Seiten, Hardcover ISBN 978-3-63187-419-6 39,95 EUR
Editor: Sasha Dehghani
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V - 3.3 Udo Schaefer: Studien zum Bahā’ītum 2© Westarp Science Fachverlag
einem Vergleich mit anderen Moralsystemen). Es folgt ein Anhang zu speziel-
len Fragen über das Gewissen und eine 27-seitige Bibliografie, ein Stichwort-
und Namensverzeichnis. Der Autor erörtert sein Begriffsverständnis von Ethik
als Disziplin, die dem Menschen zur Erkenntnis verhilft, zu dem Zustand zu
gelangen, den er als Mensch erreichen kann oder sollte.
Schaefer zeichnet anhand seines erforschten und ihm zugänglichen Materials
die (meta-ethischen) Voraussetzungen der Bahá’í-Ethik nach: Ein allmächtiger,
allwissender, unveränderlicher, liebender, gnädiger und barmherziger Gott
entscheidet darüber, was moralisch gut ist oder nicht, mit dem Ziel, wie es mit
Bahá’u’lláh (Botschaften 11:15) ausgedrückt wird, „das Wohl der Menschheit
zu sichern, seine Einheit zu fördern und den Geist der Liebe und Verbundenheit
unter den Menschen zu pflegen“ (vgl. S. 187–192). Schaefer thematisiert die
eigene und freiwillige Bemühung des Menschen aus der Liebe zu Gott, die
Rolle der Vernunft und des Gewissens als Erkenntnisquellen auf dem Weg zum
moralischen Verhalten dieses an sich edel erschaffenen Wesens, dessen Seele
unsterblich ist. Der frei gewählte Verzicht auf die moralische göttliche Füh-
rung aufgrund des Anspruchs moralischer „Autonomie im Sinne der völligen
Souveränität der Vernunft“ (S. 295) des Menschen stelle sich als arrogant und
irreführend heraus, hingegen göttlich geleitete „Verstandesgabe“ (S. 296), die
beständig nach Wahrheit sucht, führe zu rechtem Verhalten. Das Gewissen,
welches das angeborene Potenzial (inhärent) habe, Moral zu erkennen, wird
als zentral für die Menschenwürde hervorgehoben und sei in der Kombination
mit der Freiheit des Menschen – in den Grenzen der göttlichen Vorgaben –
autonom. Es wird gleichzeitig als Instanz beschrieben, die – abhängig vom
Gesetz Gottes als Maßstab – für die Beurteilung des Handelns aber moralische
Erziehung göttlichen Maßstabs benötige (vgl. z.
B. S. 237–356).
Schaefer lädt zum Nachdenken und mancherorts durch eigene Interpretationen
des Schrifttums zur (kritischen) Diskussion, auch bezüglich weiterer viel-
fältiger Themenbereiche, ein. Die Komplexität von Ethik, Moral und Recht
auf Basis der heiligen Schriften kann deutlich erkannt werden, mit der die
Erforschung der ethischen Grundlagen einer so jungen Religion (1844/1863) konfrontiert ist, deren umfangreiches und (noch) zu sichtendes arabisches und persisches Schrifttum – auch Schriften von der Nachfolgeschaft Bahá’u’lláhs – zu moralischen Gesichtspunkten ein exaktes Studium erfordert. So ist das Ergebnis dieser Studie eigener Art und Weise ein vorläufiges.
Schaefers fach- und religionsübergreifende sowie tiefgründige Vorgehensweise
in seiner Darstellung ist bemerkenswert. Im gesamten Werk wird die Suche nach Wahrheit des zunächst juristisch geschulten, doch auch in anderen Ge-
bieten sehr belesenen Autors deutlich, und tritt seine Vorsicht bei der Erkennt-
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Der vollständige Artikel umfasst 3 Seiten
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