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Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 25. EL 2010 1
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VONCONSTANCEHARTUNG
Geschichte
Hintergrund
Trotz relativ junger Entstehungsgeschichte ist die Bah ’ -Religion mit ihren
etwa fünf Millionen Gemeindeangehörigen
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weltweit längst nicht mehr aus
der Religionsgeschichte der letzten beiden Jahrhunderte wegzudenken.
Wer nach dem geistigen Hintergrund dieser Religion fragt, wird zunächst
deutliche Einflüsse der Glaubenswelt und Geschichte des schiitischen Islam
erkennen, aber zugleich ist sie in ihren Anfängen als „iranische Religion“
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zu
begreifen, d. h. beeinflusst von Lehren des Zoroastrismusund Manichäismus.
Kennzeichen der Schiasind die besonderen Imam-Vorstellungen, die eine
eigene Eschatologie beförderten. Innerhalb der Zwölfer-Schia steht der
12. Im m, ‘Al ibn Muhammad Simmari, der 873 (= 260 nach islamischer
Zeitrechnung) entrückte, und damit der verborgene Mahdiim Mittelpunkt. Als
Muhammad ibn al-Mahdiwird er am Ende aller Zeit wieder erscheinen. In der
Zwischenzeit treten nach schiitischer Vorstellung Mittlergestalten auf, die den
Kontakt zwischen ihm und den Menschen bewirken können. Der al-Mahdigilt
als soteriologische Gestalt und geistiger Führer in einem Reich des Friedens
und der Gerechtigkeit.
Geprägt von den eschatologischen Vorstellungen der iranischen Shaikhiya,
einer Gruppe am Rande der schiitischen Orthodoxie, und der Erwartung des
al-Mahdierklärte sich Sayyid ‘Al Muhammad in der Nacht vom 22. zum
23. Mai 1844 zum B b, d. h. zum „Tor zum kommenden Imam“. Er erhob da-
mit den Anspruch, der Wegbereiter des Mahdi zu sein. In einer Kaufmannsfa-
milie 1819 in Shiraz geboren und in einem schiitischen Umfeld aufgewachsen,
kam er auf der Suche nach dem verborgenen Imam, dessen Kommen er in na-
her Zukunft wähnte, in Berührung mit der Shaikhiya. Naherwartungen des
Retters der Endzeit waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht selten, da der
1000. Jahrestag des Verschwindens des 12. Imam (= 1260 nach dem islami-
schen Mondkalender) kurz bevorstand. Nach ersten Verkündigungen seiner
Offenbarungen sammelte sich um den B b eine zunächst aus 18
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Anhängern
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bestehende Gefolgschaft, die später zu einer Massenbewegung anwuchs und
zunehmend auch Kritik an religiösen sowie politischen Missständen übte. Un-
ter den frühen Anhängern befand sich auch eine Frau, Qurrat al-‘Ayn T hira.
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Viele theologische Lehrinhalte, die im Islam zentral sind, wurden aufgenom-
men und neu diskutiert.
Infolge seiner öffentlichen Wirksamkeit im kritischen Gegenüber zu den po -
litischen wie auch religiösen Führern im Land wurde der B b im Jahr 1845
verhaftet. Er kam nach Isfahan, danach über weitere Haftorte bis nach Tabriz.
In dieser Zeit entstanden seine Hauptwerke, u. a. der persische und der arabi-
sche Bay n. Im Bay n wurden religiöse Neuerungen gegenüber dem Islam ge-
nannt, u. a. die Änderung der Gebetsrichtung von Mekka zum Haus des B b
in Shiraz, die Abschaffung eines geistlichen Standes und die kultische Neuge-
staltung des rituellen Jahres. Er bildet somit als zentrale Schrift das systema-
tische religiöse Fundament des B bismus. Seine Verkündigung führte 1848
auf der Versammlung von Badasht zur endgültigen Trennung seiner Bewegung
vom Islam und der offiziellen persischen Staatsreligion. Das Verhältnis zur po-
litischen Führung Persiens verschlechterte sich zusehends. In dieser Zeit be-
gann der B b sich selbst in seinen Verkündigungen zunehmend als den Imam
al-Mahdizu deuten, der am Ende der Zeiten zurückkehrt. Die Idee eines eige-
nen B bi-Staates im Iran wurde öffentlich laut. Diese Entwicklungen führten
zu bewaffneten Revolten, an deren Ende grausame Verfolgungen und das Ver-
bot der Bewegung standen. Am 9. Juli 1850 wurde der B b hingerichtet.
Zunächst verborgen gehalten, fanden die sterblichen Überreste im Jahr 1909
am Abhang des Karmel über der Stadt Haifa ihre letzte Ruhestätte.
Die eschatologische Vorstellung von der Gestalt des zukünftigen Offenbarers,
„den, den Gott offenbaren wird“ (man yuzhiruhu’ll h), innerhalb der B bi-Re-
ligion eröffnete in den folgenden Jahren Möglichkeiten weitreichender Inter-
pretation.
Die frühe Gemeinschaft
Nach seinem Tod musste innerhalb der ahl-i Bay n, den Anhängern des B b,
ein neues Oberhaupt bestimmt werden. Die beiden Halbbrüder M rz Husain
‘Al N r , bekannt unter dem Ehrentitel Bah ’u’ll h („Herrlichkeit Gottes“),
und M rz Yahy N r , genannt Subh-i Azal(„Morgenglanz der Ewigkeit“)
gehörten zur charismatischen Jüngerschaft der ersten Zeit. Zunächst übernahm
der jüngere Subh-i Azal (geb. 1830) die Leitung der B bis. Nach einem ge-Westarp Science – Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 29 Seiten
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