IV - 6.1

Der Stoff, aus dem die Häute sind – Körpergrenzen und Grenzüberschreitungen in Werken muslimischer Künstlerinnen

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Der Stoff, aus dem die Häute sind IV - 6.1 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 69. EL 2021 1 Zusammenfassung Über das Stereotyp der unterdrückten Muslimin hinaus ist den Werken, die in diesem Beitrag vorgestellt werden, eine feministische Variante islamischer Weiblichkeit gemein, die auch auf islamischen Traditionen fußt. Die musli- mischen Künstlerinnen beschäftigen sich mit dem Überwinden von Gren- zen, dem weiblichen Körper als sakralem Raum. Ihre moderne islamische Kunst nimmt so Teil am internationalen Diskurs. Ihr futuristischer Umgang überwindet scheinbar persistente Grenzen und bietet damit die Möglichkeit, islamische Weiblichkeit als heiligen Körper neu zu begreifen. Schlagwörter Orientalismus, Postkolonialismus, Grenzen, Islam, Körpergrenzen, moderne islamische Kunst, Maïmouna Guerresi, Azra Akšamija, 120 Dezibel, isla- mische Architektur, islamischer Feminismus, Kopftuch IV - 6.1 D er Stoff, aus dem die Häute sind. K örpergrenzen und Grenzüberschreitungen i n Werken muslimischer 1 Künstlerinnen [The stuff the skins are made of. B ody boundaries and border crossings in the w orks of female Muslim artists] Von Paulina Rinne Submitted March 25, 2021, and accepted for publication June 22, 2021 Editor: Serdar Kurnaz Summary It is not a suppression of femininity in conservative societies that binds the artists in this article, but rather a progressive perspective that fuses Islamic and western traditions to create a new vision of modern womanhood. The hybrid character of their artwork fits neatly into an appropriate international discourse. It is in their progressivism that they overcome stubbornly persis- tent borders and reilluminate the holiness of Islamic womanhood. --- Seite 1 Ende --- IV - 6.1 Der Stoff, aus dem die Häute sind 2 Westarp Science – Fachverlage Einleitung: Das Barometer des sozialen Wandels Das muslimische Kopftuch war für die amerikanische Frauenrechtlerin Ruth Francis Woodsmall schon 1938 ein Zeichen der Rückständigkeit: „Ohne Zwei- fel ist der Schleier das Barometer des sozialen Wandels in der Welt des Islam […] In manchen Gegenden hebt er sich langsam, und da und dort ist er sogar schon völlig verschwunden.“ 2 Die hier aufscheinende pauschale Gleichsetzung von Fortschrittsoptimismus, Säkularismus und Emanzipation ermöglichte den Kolonialmächten im 19. Jahrhundert die ideologische Legitimation für die scheinbar notwendige Befreiung unterdrückter muslimischer Frauen 3 aus der rückständigen und patriarchalen muslimischen Gesellschaft. Über ein halbes Jahrhundert später zeichnen Burkini- und Kopftuchverbote und die Unter- stellung einer misogynen, islamisch geprägten, den Westen 4 bedrohenden Gegengesellschaft ein vergleichbares Bild. Darin spiegelt sich die Geschichte pauschalisierender, orientalistischer, sexistischer und vor allem rechter Ten- denzen, die seit einigen Jahren in der westlichen Öffentlichkeit und Politik verstärkt aktiv sind und die sowohl die gegenläufigen Tendenzen in islami- schen Kulturen als auch die Zwänge neoliberaler säkularer Gesellschaften ignorieren. Nicht erst seit Eugène Delacroixs Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ (1830), in dem die barbusige Marianne (die Freiheit) die sogenannten Brüder der französischen Revolution (das Volk) anführt, gilt der entkleidete weibliche Körper als Beleg kultureller Errungenschaften und Freiheiten und begrenzt das Außen eines imaginierten Europas. Dieser Beitrag zeigt Entwicklungen innerhalb islamischer Kulturen auf, die solche gefährlichen Pauschalisierungen durchbrechen. Es werden Arbeiten von zwei islamischen Künstlerinnen vorgestellt und ihre Werke vor dem Hinter- grund islamischer Religiosität und Traditionen analysiert. Maïmouna Guerresi und Azra Akšamija erschaffen in ihrer Kunst neue, futuristisch anmutende Körper und Identitäten, zerstören Stereotype und drücken ihre Finger ins Auge einer alles entdeckenden, männlich-wissenschaftlichen Ratio. Ihre Arbeiten verbinden Spiritualität, Religiosität sowie Vorstellungen von Moderne und überwinden dadurch scheinbar persistente Grenzen. Der weibliche Körper wird in ihren Kunstwerken zu einem Haus des Göttlichen. Anhand ihrer Kunst- Keywords Orientalism, Postcolonialism, Borders, Islam, physical boundaries, modern Islamic art, Maïmouna Guerresi, Azra Akšamija, 120 Dezibel, Islamic ar- chitecture, Islamic feminism, head scarf
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