IV - 3.6.1

Weltethos in Zeiten von Umbrüchen – Ein muslimisch-philosophischer Gedankengang

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Weltethos in Zeiten von Umbrüchen IV - 3.6.1 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 57. EL 2018 1 Zusammenfassung Der Beitrag stellt die Frage, ob das Projekt Weltethos trotz der oftmals gewalt- vollen politischen, sozialen und religiösen Umbrüche unserer Zeit weiterhin Relevanz hat oder gescheitert ist. Hierzu erfolgt zunächst anhand der Abra- hamerzählung ein Gedankengang, was Religion eigentlich ist, nämlich eine sinnstiftende Antwort für das Individuum auf die Erfahrung der Fraglichkeit der Welt. Da sich diese auch anderen erschließt, tendiert Religion immer dazu, eine Erfahrungsgemeinschaft zu bilden. Die Existenz der abrahamischen Ge- meinschaft zeigt, dass es letztendlich keine einzige exklusive monotheistische Religion gibt, sondern von einer monotheistischen Weltbewegung gesprochen werden muss. In weiterer Folge wird Sure 3, Vers 110 eingehend analysiert, der anhand des allgemeinen Gebrauchs der Begriffe al-maʿr ūf („das Rechte“) und al-munkar („das Unrechte“) deutlich macht, dass ethisches Verhalten auch ohne den Gottesglauben rational erschlossen werden kann. Folglich kann es nicht darum gehen, dass eine Religionsgemeinschaft die Welt do- miniert und lenkt, sondern dass auf Grundlage gemeinsamer, allgemein an- erkannter ethischer Vorstellungen, wie etwa der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, Menschen zum Wohle aller zusammenwirken. Trotz der fatalen Weltlage, was die ökonomische Ungleichheit und den Klimawandel sowie seine Folgen betrifft, bleiben die Religionsgemeinschaften wichtige ethische Akteure mit Gestaltungskraft in der Welt. Schlagwörter Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Fraglichkeit der Welt, Kampf der Kulturen, Kapitalismus, Klimawandel, monotheistische Weltbewegung, Religionsbegriff, Religionsgemeinschaft, universales Ethos, Weltethos IV - 3.6.1 Weltethos in Zeiten von Umbrüchen – Ein muslimisch-philosophischer Gedankengang Von Muhammad Sameer Murtaza Summary The article asks whether the project global ethic, despite the often violent political, social and religious upheavals of our time, continues to have rele- vance or failed. For this purpose, first of all, based on the story of Abraham, a train of thought takes place, that religion is first of all a meaningful answer --- Seite 1 Ende --- IV - 3.6.1 Weltethos in Zeiten von Umbrüchen 2 Westarp Science – Fachverlage 1 Die Idee des Weltethos 1990 veröffentlichte der katholische Theologe Hans Küng (geb. 1928) mit dem Projekt Weltethos seinen Gegenentwurf zu der Kampf-der-Kulturen-These des Politikwissenschaftlers Samuel P. Huntington (1927 – 2008). Küng bestritt da- bei nicht die noch in der Zukunft liegenden potenziellen Konflikte entlang von Religions- und Kulturzugehörigkeiten, sah diese aber zugleich nicht als deterministisch vorgegeben an. Würde die Menschheit sich bewusst machen, mit welchen Herausforderungen sie mit dem Aufkommen der Postmoderne konfrontiert wird, so könnte sie sich schon jetzt Gedanken hinsichtlich Kon- fliktregulierungen machen. Sollten die Menschen diese Herausforderungen bewältigen, so beschrieb Küng abstrakt eine Zukunft, die geprägt ist von dem Wandel „einer ethikfreien zu einer ethisch verantwortlichen Wissenschaft; von einer den Menschen beherrschenden Technokratie zu einer der Menschlich- keit des Menschen dienenden Technologie; von einer Industrie, die die Um- welt zerstört, zu einer Industrie, die die wahren Interessen und Bedürfnisse des Menschen im Einklang mit der Natur fördert; von einer formalrechtlichen Demokratie zu einer gelebten Demokratie, in der Freiheit und Gerechtigkeit for the individual to the experience of the questionability of the world. Since this experience happens also to others, religion always tends to form a com- munity. The existence of the Abrahamic community shows that ultimately there is not a single exclusive monotheistic religion, there is a monotheistic world movement. Subsequently, Sura 3, verse 110, is analyzed in detail, which makes clear from the general usage of the terms al-maʿr ūf (“the right”) and al-munkar (“the wrong”) that ethical behavior can be rationally developed even without the belief in God. Consequently, it can’t be that a religious community dominates and directs the world. Rather humankind will work together on common, generally recognized ethical notions, such as the Uni- versal Declaration of Human Rights, to the benefit of all. Despite the fatal world situation in terms of economic inequality and climate change, as well as its consequences, the religious communities remain important ethical actors with creative power in the world.Keywords Universal Declaration of Human Rights, Questionability of the World, Clash of Cultures, Capitalism, Climate Change, Monotheistic World Movement, Concept of Religion, Religious Community, Universal Ethos, Global Ethic
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