Aufgaben des Dialogs IV - 3.6
IV - 3.6 Aufgaben des Dialogs
Von Udo Tworuschka
Teile der Medien sind sensibler geworden, was den Islam angeht. Die mani-
chäische Gleichung zivilisierter Westen gegen unzivilisierten Islam ist als sim
ples Zerrbild entlarvt, anders als früher, etwa beim Golfkrieg oder als Chomeini
seine Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie wegen dessen Satani
schen Versen aussprach. Vielen Zeitgenossen ist klar: Die Terroristen von heu
te stehen nicht einfach für die Muslime. Sie repräsentieren nicht einmal eine
schlechte Spielart derselben. Viele Muslime sprechen den Terroristen rundweg
das Muslimsein ab. Aus guten Gründen: Bei der Katastrophe in den USA ha
ben Verbrecher eine Religion instrumentalisiert.
Unmittelbar berührt von der Tragödie ist das Thema Christentum und Islam.
Nicht, daß die Kirchen die Probleme des Zusammenlebens mit Muslimen nicht
schon früher erkannt hätten. Aber es war bislang allenfalls ein Thema am Ran
de. Gleichsam mit einem Schlag ist das jetzt anders. Es mußte erst ein Unglück
derart apokalyptischen Ausmaßes geschehen, um den Weg für den Dialog auf
breiter Basis endgültig freizumachen. Seit dem 11. September lautet die Frage
nicht mehr, ob es einen Dialog mit dem Islam geben soll, sondern wie dieser
unumkehrbar gewordene, überlebenswichtige Dialog wesentlicher, wirkungs
voller, ehrlicher und kontinuierlicher geführt werden kann.
Dialog mit dem Islam muß sein: aus gesellschaftlichen, religiösen und theologi
schen Gründen. Wir können weltweit und vor Ort nicht mehr aneinander vorbei
leben. Angesichts gemeinsamer (überlebens-)wichtiger Probleme sind wir auf
einander angewiesen.
Diese Erkenntnis gilt es durchzubuchstabieren: in Kindergarten, Schule und Uni
versität, in Kirche und Theologie. Christen und Muslime müssen einander
gründlicher kennenlernen, mehr und besser übereinander wissen. Sie müssen
aber auch mehr und besser voneinander lernen, damit wir angesichts der uns
gemeinsam bedrängenden Probleme besser miteinander leben können.
Damit es zur echten Kommunikation zwischen Christen und Muslimen kommen
kann, sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen nötig, die eine herrschafts
freie Kommunikation (Habermas) zwischen beiden Dialogpartnem ermöglichen.
Aufgrund der ökonomisch, politisch und kulturell asymmetrischen Welt
gesellschaft ist der Dialog auf Seiten des Islam vielfach nicht nur von ge
schichtlich gewachsenen antiwestlichen Vorurteilen bestimmt, sondern auch
von einem Minderwertigkeitskomplex.
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 6. EL 2002 1
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IV - 3.6 Aufgaben des Dialogs
Beispiel Schule:
Als mein Kollege Abdoldjavad Falaturi (1926 -1996) und ich Anfang der achtziger
Jahre in zwei langjährigen, zunächst deutschen, dann europäischen Forschungs
projekten damit begannen, das Islambild der Schulbücher zu analysieren, galt es
zahlreiche Klischees und Vorurteile über den Islam abzubauen. Rückblickend
sage ich nicht ohne Stolz: Der enorme zeitliche und personelle Aufwand hat sich
gelohnt. Das Islambild in den Schulbüchern der achtziger und neunziger Jahre
ist nachweislich optimiert worden. Inzwischen hat der Monitor-Beitrag in der
ARD vom 18.10.2001 Zweifel an der Qualität des Islambildes in deutschen Schul
büchern genährt. Immer noch sind Bücher für verschiedene Schulfächer in
Gebrauch, deren Islambild fragwürdig ist. Offensichtlich wurde der Beschluß
der Kultusministerkonferenz von 1996 nicht umgesetzt, die zugelassenen Schul
bücher zu überarbeiten, damit andere Kulturen - insbesondere der Islam -
nicht diskriminierend dargestellt werden. Ob also der erreichte Qualitätsstan
dard (insbesondere in den Religionsschulbüchern) gehalten wurde, können
nur Kontrolluntersuchungen der neueren und neuesten Schulbücher ergeben.
Solange der Islam als Bedrohung wahrgenommen wurde, nahm ihn die Schule
sehr wichtig. Trat er jedoch weltpolitisch in den Hintergrund, so schwand auch
das (bei einigen offenbar bloß vordergründige) Interesse an ihm. Von jetzt an ist
Kontinuität gefordert. Lehrpläne und Schulbücher, Lehrerfortbildung und
Akademietagungen dürfen nicht nachlassen, den Islam zu thematisieren. Ange
sichts der Ereignisse hat auch die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung,
Marieluise Beck, Lehrstühle für die Ausbildung einheimischer islamischer Reli
gionslehrer gefordert. Die Massenmedien sind ebenso in der Pflicht.
Es muß darüber nachgedacht werden, in welchen, vielleicht noch ungewohnten
Kontexten sich der Umgang mit dem Islam anbietet: Biblische Themen sind
davon ebenso betroffen wie ethische (Frieden, Gewalt, Umweltproblematik, Gen
technologie) und spirituelle.
Christen können vom Islam in ethischer, spiritueller Sicht lernen. Dasselbe gilt
umgekehrt. Die ungeheure Kraft der monotheistischen Gottesvorstellung mit
ihrer Konsequenz der einen Gesellschaft und einen geschwisterlich vereinten
Menschheit, der realistische Optimismus (Paul F. Knitter) angesichts unserer
globalen ethischen Herausforderungen, die Kraft des Rituals, der Gedanke der
Solidarität und so weiter.
Dies sind nur erste Anregungen. Die Erkenntnis, daß Christen von Muslimen
etwas lernen können, ist für viele ungewohnt. Sie setzt nämlich voraus, daß ich
den anderen wirklich ernstnehme. Daß er gleichwertig und gleich wichtig ist.
Daß ich ihm zutraue, mir etwas geben zu können, was ich möglicherweise nicht
habe oder jedenfalls so nicht habe. Wer einander besser kennt, wer gegenüber
den unsäglichen Vorurteilen hüben wie drüben sensibler geworden ist, wer das
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Der vollständige Artikel umfasst 4 Seiten
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