Islamische Bestattungen IV - 3.2.1
IV - 3.2.1 Islamische Bestattungen in Deutschland
Von Thomas Lemmen
„ES GIBT KEINEN GOTT AUSSER GOTT
UND MOHAMMED IST GOTTES PROPHET
WIR SCHRITTEN DIE WEGE, DIE UNS DIE ALLMACHT GAB
VON DER BAHN SEINES SCHICKSALS WEICHT NIEMAND
AUF ERDEN AB
IN WELCHEM LANDE EINEM MENSCHEN ZU ENDEN BESTIMMT
DORT UND SONST NIRGENDS FINDET ER TOD UND GRAB
EIN JEGLICHES DING AUF ERDEN IST VERGÄNGLICH
UND ES BLEIBT ALLEIN DAS ANTLITZ DES HERRN
IN SEINER ERHABENHEIT UND GRÖSSE“
(Inschrift auf einem Gedenkstein für kriegsgefangene Muslime auf dem Fried
hof Zehrensdorf, zitiert nach Höpp 1997, S. 133)
Religiöse Grundlagen
Der Glaube an die Auferstehung der Toten gehört zu den wesentlichen Inhalten
islamischen Glaubens. Der Koran bringt diese Überzeugung an vielen Stellen
zum Ausdruck. Diejenigen, die daran zweifeln, fordert er durch den Vergleich
mit der erblühenden Natur nach einem Regenschauer zum Glauben auf: „Dies
(geschieht) deshalb, weil Gott wahrhaftig (w. die Wahrheit) ist, die Toten (wie
der) zum Leben bringt und zu allem die Macht hat, und weil die Stunde (des
Gerichts) - an ihr ist nicht zu zweifeln - kommen und Gott (alle), die in den
Gräbern sind, auferwecken wird“ (Sure 22,6 + 7). Für den gläubigen Muslim ist
das jenseitige Leben daher genauso eine Realität wie das diesseitige. Wie in
seinem Leben, soll er auch im Sterben und Tod ganz Gott gehören: „Sag: Mein
Gebet und meine Opferung (oder: mein Ritual), mein Leben und mein Tod ge
hören Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt“ (Sure 6,162). Die einzelnen
Bestandteile des islamischen Bestattungsrituals verdeutlichen diese Ausrichtung
des Menschen in seinem ganzen Dasein auf Gott. Ihr Vollzug und ihre Bedeu
tung läßt sich allein auf diesem Hintergrund erschließen.
Für das richtige Verständnis dieser Zusammenhänge ist weiterhin wichtig, daß
die Bestattungsvorschriften Gegenstand des islamischen Rechts, der scharia,
sind. Die einzelnen Bestimmungen fallen dabei in den Bereich der sogenannten
gottesdienstlichen Handlungen (ibadat\ wozu die Vorschriften zum rituellen
Pflichtgebet, dem Fasten, der Pflichtabgabe und der Wallfahrt gehören (Antes
1987, S. 155-157). Diese Einordnung bedeutet, daß die Ausführung des Rituals
nicht dem Belieben des einzelnen Gläubigen anheimgestellt ist, vielmehr eine
Verpflichtung für die Gemeinschaft der Muslime darstellt. Indem einige von ih
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 4. EL 2000 1
--- Seite 1 Ende ---
IV - 3.2.1 Islamische Bestattungen
nen die vorgeschriebenen Handlungen vollziehen, erfüllen sie die Verpflichtung
aller. Wenn hingegen die Ausführung bestimmter Bestandteile oder des gesamten
Rituals unterbleibt, sind alle dafür verantwortlich. Daraus ergibt sich, daß Muslime
die Durchführung einer islamischen Bestattung als Angelegenheit der Gemein
schaft betrachten und um die ordnungsgemäße Einhaltung der einzelnen Vorschrif
ten bemüht sind.
Diese lassen sich in ihrer konkreten Gestalt nicht unmittelbar im Koran finden,
sondern vielmehr in der prophetischen Tradition, der sunna, was sie jedoch
nicht weniger verbindlich macht. Während der Koran die grundsätzlichen Aus
sagen über das Leben nach dem Tod und das Gericht am Jüngsten Tag formu
liert, enthalten die Aufzeichnungen der Aussagen und Handlungsweisen des
Propheten Muhammad zahlreiche Einzelheiten zu Bestattungsfragen, die die
Sammler dieser Überlieferungen in ihren Werken zusammengetragen haben.
Aufgrund von Aussagen des Korans, daß der Prophet für die Gläubigen ein
„schönes Beispiel“ (Sure 33,21) ist und er ihnen „gebietet, was recht ist, verbie
tet, was verwerflich ist, die guten Dinge für erlaubt und die schlechten für ver
boten erklärt“ (Sure 7,157), ergibt sich daraus unmittelbar der normative
Bedeutungsgehalt der prophetischen Tradition für islamische Bestattungen.
Dabei haben die einzelnen Handlungen in ihrem Ablauf eine Konkretisierung
durch die jeweiligen Regelungen der vier sunnitischen Rechtsschulen und der
schiitischen Rechtsschule erfahren. Über das Grundmuster einer Bestattung hin
aus haben sich die Gelehrten der verschiedenen Rechtsschulen um eine mög
lichst genaue Festlegung der Einzelheiten in der Durchführung des Geschehens
bemüht. Die sich daraus ergebenden Unterschiede betreffen nicht die Handlun
gen an sich, sondern deren konkrete Ausführung. Es geht zum Beispiel nicht um
die Waschung oder das Totengebet als solches, sondern darum, ob die Waschung
mit kaltem oder warmem Wasser vorzunehmen ist und darum, ob das Gebet in
oder außerhalb der Moschee verrichten werden muß (Nader 1968, S. 136-139).
Das islamische Bestattungsritual hat darüber hinaus seine Prägung durch die
jeweiligen kulturellen oder sozialen Gepflogenheiten erfahren. Auch wenn sie
nie Bestandteil des islamischen Rechts geworden sind und die Rechtsgelehrten
sie stets abgelehnt haben, wurden sie im Verständnis vieler Muslime dennoch
zu unverzichtbaren Bestandteilen der Bestattungskultur. Hierzu gehören die
ägyptischen Hügelgräber genauso wie die in Form von Turbanen gestalteten
Grabsteine der osmanischen Tradition (Makbara, in: Encyclopaedia of Islam
Bd. 6, S. 122-128).
Bestattungsvorschriften im einzelnen
Unmittelbar nach Eintritt des Todes beginnen die Vorbereitungen für die Bestat
tung, die entweder noch am selben oder am folgenden Tag stattfindet. Diese
2 Westarp Science - Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 27 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 27 Seiten