Der Sufismus und seine Westexpansion IV - 2.1
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 46. EL 2015 1
OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit
Stand: 09.11.2015 2. AK Seite 1
IV - 2.1 Der Sufismus und seine Westexpansion
Von Cem Kara
Seit dem letzten Eintrag zum Thema „Sufismus in Deutschland“ im „Hand-
buch der Religionen“ (siehe IV-2) vor genau zehn Jahren haben sich sufische
Ausprägungen in Deutschland ebenso weiter ausdifferenziert wie deren Erfor-
schung. Neben den Autoren der Vorversion dieses Eintrages, Markus Dreßler
und Ludwig Schleßmann, haben insbesondere die Arbeiten der Religionswis-
senschaftlerin Gritt Klinkhammer das Bild vom „deutschen Sufismus“ weiter
geschärft. Dieser Beitrag versucht, einige grundlegende Ergebnisse dieser neu-
eren Forschung wiederzugeben, bisher kaum wahrgenommene Gemeinden aus
kulturwissenschaftlicher Perspektive zu beleuchten und somit einen Überblick
sowie einen Beitrag zur Erforschung des Sufismus in Deutschland zu leisten.
Sufismus ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene aus dem Islam her-
vorgegangene und als dessen mystische Auslegung verstandene religiöse Sinn-
stiftungen. In den meisten vom Islam beeinflussten Regionen der Welt finden
sich sufische Strömungen von teilweise hohem Alter. Gemeinsam ist diesen
die Vorstellung der diesseitigen Erfahrbarkeit des Göttlichen, die wiederum je
nach Auslegung durch verschiedene Lehren und insbesondere Ritualpraktiken
unterstützt wird. Während die Anfänge des Sufismus in die frühislamische Zeit
zurückreichen, setzten frühestens ab dem 12. Jahrhundert verschiedenen Orts-
Vergemeinschaftungen des Sufismus ein, in denen zumeist nach dem Ableben
eines charismatischen Sufis eine sogenannte ṭarīqa (Plural: ṭuruq) gegründet
und nach ihm benannt wurde. Organisiert wird die ṭarīqa (Sufi- oder Derwisch-
Orden) in Konventen (arab. zāwiyah, pers. khāneqāh, türk. tekke), denen ein
Sufi-Meister (arab. murshid, shaykh) vorsteht. Das Meister-Lehrling-Prinzip
stellt einen Grundpfeiler des Sufismus dar: Dem Selbstverständnis der Sufis
entsprechend bedarf der sufische Weg (ebenfalls ṭarīq genannt) der Belehrung
und Beaufsichtigung eines Meisters, der wiederum seine Autorisierung durch
einen anderen Meister erhalten haben sollte. Die Linie der Autorisierung bzw.
Legitimation (arab. silsila) geht den meisten Sufi-Orden zufolge über Genera-
tionen hinweg bis auf den Propheten Muhammad zurück.
1
In ihren konkreten Glaubenslehren und Ritualpraktiken weisen die Sufi-Orden
beträchtliche Unterschiede auf, die z. T. auf diverse religiös-kulturelle Transfer-
prozesse zurückzuführen sind, durch die sufische Gemeinschaften beeinflusst
worden oder erst entstanden sind – zuweilen auch im Austausch mit nicht mus-
limischen religiösen Kulturen. So ist die Verbreitung des Sufismus in vorwie-
--- Seite 1 Ende ---
IV - 2.1 Der Sufismus und seine Westexpansion
2
OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit
Stand: 09.11.2015 2. AK Seite 2
gend nicht islamisch geprägten Regionen aus mehreren Kontexten bekannt: Im
Spätmittelalter ließen sich etwa Wanderderwische aus Anatolien auf dem zu
dieser Zeit mehrheitlich christlich geprägten Balkan nieder, wodurch viele Zen-
tren sufischer Religiosität entstanden. Im Geschichtsbewusstsein dieser Sufi-
Gruppen erstreckte sich diese Westexpansion gar bis Danzig, wo ein Derwisch
im 15. Jahrhundert einen Konvent gegründet habe. Einigen wenigen Autoren
zufolge habe dieser sogar bis in das frühe 20. Jahrhundert fortbestanden.
2
Obgleich vereinzelt auch schon in der Vormoderne bekannt, gehen die ersten
dichteren und nachweisbaren Spuren des Sufismus in Westeuropa zumeist auf
das 19. und 20. Jahrhundert zurück. Dabei verliefen die Kanäle der Rezepti-
on vielschichtig – zuweilen über Ideen- und Medientransfers, zuweilen über
Migrationsbewegungen. Diese verschiedenen Kanäle überschnitten sich zwar
oft, waren aber auch eigenen Dynamiken unterworfen und verliefen häufig
ungleichzeitig. Dies gilt auch für die Rezeption des Sufismus in Deutschland.
Klinkhammer unterteilt die deutsche Rezeptionsgeschichte des Sufismus in
drei Phasen:
3
Demnach wurde in der ersten Phase der Sufismus insbesondere
ab Beginn des 20. Jahrhunderts im mystischen und perennialistischen Kon-
text als eine Manifestation einer immerwährenden Wahrheit in den Religionen
gedeutet; zweitens legten ab der Nachkriegszeit vor allem Vertreter der New-
Age-Bewegung den Sufismus als überreligiöse Spiritualität aus; drittens setzten
ab den 1980er-Jahren in Deutschland Vergemeinschaftungen in Sufi-Orden
an, die die Authentizität des von ihnen gelebten Sufismus hervorhoben. Diese
ungleichzeitig verlaufenen Sufismus-Rezeptionen in Deutschland existieren
Klinkhammer zufolge heute hingegen gleichzeitig und nebeneinander.
4
Den
breiteren Sympathisantenkreis ausgeschlossen, sind heute schätzungsweise an
die 10.000 Menschen Anhänger einer dieser Sufismus-Auslegungen.
5
Der hier angewendete Zugang richtet sich nicht nach den Phasen der Sufismus-
Rezeption, sondern untersucht die divergierenden religiös-kulturellen Kontextu-
alisierungsprozesse in Deutschland exemplarisch anhand von drei Gemeinden.
Daran anschließend wird zudem der Sufismus in medialisierter Form jenseits
von Sufi-Gemeinden und -Zentren skizziert.
Die religiös-kulturelle Vielfalt der Sufi-Gemeinden in Deutschland
Religionsgruppen durchlaufen durch Migrationsbewegungen und / oder Trans-
ferprozesse diverse Transformationen, in denen die religiösen Sinnstiftungen
neu verhandelt werden. Dabei können die Ergebnisse ganz unterschiedlich aus-Westarp Science – Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 24 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 24 Seiten