Salafismus in Deutschland IV - 1.10.1
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 60. EL 2019 1
Zusammenfassung
Der Beitrag skizziert die Entstehungsgeschichte des gegenwärtigen deutschen
Salafismus ab den 1990er-Jahren. Zu diesem Zweck erfolgt zunächst eine
kurze zeitliche Einordnung der jeweiligen salafistischen Zentren und Phasen.
Anhand ausgewählter Gruppen und Prediger soll die Heterogenität dieser
Gruppen und ihre wechselseitige Abgrenzung, zum Beispiel im Hinblick auf
den sogenannten Islamischen Staat, abgebildet werden.
Schlagwörter
Salafismus, religiöser Fundamentalismus, Radikalisierung, Jihadismus,
Takfirismus, heterogene Bewegung, empirische Sozialforschung, qualitative
Sozialstudie
Editor: Udo Tworuschka
IV - 1.10.1 Salafismus in Deutschland – Gegenwärtige
E rscheinungsformen und Protagonisten
[Salafism in Germany – Present manifestations
a nd protagonists]
Von Nina Käsehage
Summary
The article sketches the genesis of present German Salafism starting from
the 1990s. For this purpose, a brief temporal classification of the respective
Salafist centres and phases takes place first. By means of selected groups and
preachers, the heterogeneity of these groups and their mutual demarcation,
for example with regard to the so-called Islamic State, is depicted.
Keywords
Salafism, religious Fundamentalism, Radicalisation, Jihadism, Takfirism,
heterogeneous Movement, empirical sociological Research, qualitative
sociological Study
--- Seite 1 Ende ---
IV - 1.10.1 Salafismus in Deutschland
2
Westarp Science – Fachverlage
1 Ursprünge
Der Salafismus wurde ab den 1990er-Jahren zunächst durch seine politischen
beziehungsweise dschihadistischen Ausprägungsformen in Deutschland sicht-
bar. Insbesondere vier große Zentren, die zunächst wahhabitisch geprägt waren,
entwickelten sich gegen Ende der 1990er-Jahre zu salafistischen Sammelstellen
und legten damit den Grundstein für die gegenwärtige salafistische Bewegung
in Deutschland.
1
Der Einflussbereich der salafistischen Prediger der „ersten Stunde“ in Deutsch-
land war regional begrenzt und konzentrierte sich auf das Umfeld ihres di-
rekten Wirkungskreises. Ursächlich hierfür waren zum einen die Dominanz
arabischsprachiger Prediger und Predigten, denen nur Muttersprachler oder Per-
sonen mit den notwendigen Sprachkenntnissen inhaltlich folgen konnten. Zum
anderen war dieses Milieu von der von den autoritär auftretenden Predigern
erwünschten engen „Lehrer-Schüler-Beziehung“ geprägt, die den AnhängerIn-
nen absoluten Gehorsam abverlangte. Ein weiterer Grund für den begrenzten
Predigereinfluss zu dieser Zeit war die Abwesenheit sozialer Medien, die den
Bekanntheitsgrad der Prediger zumeist auf wenige „Eingeweihte“ begrenzte,
die durch Mundpropaganda und Lesematerialien auf sie aufmerksam geworden
waren.
Die König-Fahd-Akademie wurde 1995 in Bonn für die Kinder arabischer Bot-
schafter begründet und orientierte sich religiös an der saudischen Wahhabiyya.
In diesem Umfeld bewegte sich auch der Marokkaner Shaikh al-Araby, der in
der Al-Muhajiroun-Moschee in Bonn predigte.
2
Im Jahr 1996 entstand das Multikultur-Haus (MKH) in Neu-Ulm, dessen Imam
Abu Omar (Yehia Yusuf) seit zwölf Jahren in Deutschland lebte. Seine Kon-
takte erstreckten sich von Al-Qaida (AQ) bis zur Jamaat al-Islamiyya
3
, und er
vermittelte über seinen Vertrauten Aleem N. Ausreisen junger Dschihadisten
nach Afghanistan. Im Jahr 2005 wurde das MKH aufgrund dieser Dschihad-
Verbindungen geschlossen.
4
Im Jahr 1999 wurde das Islamische Informationszentrum (IIZ) in Ulm begrün-
det. Nachdem sich Mitglieder des IIZs seit 2002 verstärkt nach Tschetschenien
abgesetzt hatten und vor Ort im Zuge des kriegerischen Dschihad verstorben
waren, wurde das IIZ 2007 geschlossen. Die Szene zerfaserte in der Folge in
Richtung Bonn und Berlin.
5
Sowohl das MKH als auch das IIZ waren wichti-
ge Anlaufstellen der politisch-dschihadistischen und dschihadistischen Szene
Deutschlands, die sich eindeutig anti-westlich und antisemitisch positionierten.
6
Hamburg stellte zu diesem Zeitpunkt ein weiteres wichtiges Sammelbecken
dschihadistischer Protagonisten dar: Die Al-Quds-Moschee war eine Anlauf-
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 25 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 25 Seiten