IV - 1.9.1

Islamische Seelsorge etabliert sich – aber welche?

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Islamische Seelsorge etabliert sich – aber welche? IV - 1.9.1 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 59. EL 2019 1 Zusammenfassung Es zeichnet sich ab, dass sich die „islamische Seelsorge“ in zahlreichen Be- reichen im deutschsprachigen Raum etabliert. Der Beitrag gibt eine Übersicht über die jüngsten Entwicklungen, stellt aber infrage, inwieweit die non-di- rektiven Intentionen der Pilotprojekte zur Ausbildung mit kommunikativ- psychologischem Schwerpunkt den Begründungen entsprechen, die man aus der islamischen Tradition ableitet. Diese weisen eher deutlich in Richtung auf eine normativ-direktive Form der „Seelenführung“ hin. Schlagwörter Islamische Seelsorge, Gefängnisseelsorge, Krankenhausseelsorge, Anstalts- seelsorge, interreligiöse Seelsorge, Islamische Theologie, Seelsorgeausbil- dung Editor: Udo Tworuschka IV - 1.9.1 I slamische Seelsorge etabliert sich – aber welche? [An Islamic Chaplaincy is being established – but w hat type?] Von Wolfram Reiss Summary It seems that during the last decade „Islamic chaplaincy“ is going to be established in many fields in German speaking countries. The paper gives an overview about the recent developments. However, it questions if the non- directive intentions of newly introduced pilot projects with focus on commu- nicative and psychological skills correspond with the reasoning of „Islamic chaplaincy“ in Islamic tradition, which points clearly to directive-normative spiritual guidance. Keywords Islamic chaplaincy, prison chaplaincy, hospital chaplaincy, state institutions, public institutions, interfaith chaplaincy, Islamic theology, spiritual care --- Seite 1 Ende --- IV - 1.9.1 I slamische Seelsorge etabliert sich – aber welche? 2 Westarp Science – Fachverlage 1 Einführung: Zu den jüngsten Entwicklungen Während bis zur Jahrtausendwende im deutschsprachigen Bereich die Dis- kussion um den islamischen Religionsunterricht und die Errichtung von Lehr- stühlen islamischer Theologie im Vordergrund der Debatten um die institutio- nelle Verankerung des Islam stand, rückt seit ca. zehn Jahren die „islamische Seelsorge“ immer mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit und beginnt sich zu etablieren. In mehreren Arbeitsfeldern (insbesondere in der Notfall- und Krankenhausseelsorge sowie in der Gefängnis- und Militärseelsorge) wurden konkrete Schritte eingeleitet, um eine islamische Betreuung zu begründen und praktisch einzuführen. Hintergrund war, dass PraktikerInnen in diversen Fel- dern der Seelsorge immer häufiger mit Personen islamischer Prägung zu tun hatten und schwierige Situationen zu bewältigen waren, bei denen Sprache, Kultur und Religion Verständnisprobleme bereiteten. 1 Zudem begannen islami- sche Verbände die Forderungen von Einzelpersonen, die als Volontäre bereits in verschiedenen Einrichtungen tätig waren, aufzugreifen, um muslimischen Betreuern Zugang zu diesen Institutionen zu erleichtern und sie den christlichen Seelsorgern gleichzustellen. Erste Tagungen und Begegnungen wurden orga- nisiert, in denen die konzeptionellen Grundlagen entfaltet und Praxisprojekte vorgestellt wurden. Die Frage nach der Qualifikation der zu beauftragenden Personen führte zu Pilotprojekten zur Ausbildung insbesondere in der Kran- kenhaus- und Notfallsorge. So begann man in Landau-Mannheim 2008 mit einer Ausbildung von Krankenhaus- und Notfallseelsorgern 2 . Seit 2010 be- ziehungsweise 2011/12 wurde eine Klinische Seelsorgeausbildung (KSA) im Ruhrgebiet nach Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsycholo- gie durchgeführt. 3 Im Rheinland wurden des Weiteren zwischen 2009 und 2014 auf Initiative der Christlich-Islamischen Gesellschaft in Kooperation mit dem Landespfarramt für Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland ca. 80 Musliminnen und Muslime zu ehrenamtlichen Notfallbegleitern ausge- bildet. 4 In Frankfurt am Main wurde vom 2006 gegründeten Grünen Halbmond e.V. eine Ausbildung zum/zur Kranken- und NotfallseelsorgerIn initiiert 5 . In Wiesbaden wurden seit 2008 im Projekt „Muslimische Seelsorge in Wiesba- den“ (MUSE) Fortbildungen begonnen und seit 2010 eine Kooperation mit den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken begründet. Seit 2013 sind 23 ehrenamtliche HelferInnen aktiv, die eine Ausbildung durchlaufen haben und Beratung in neun Sprachen anbieten. 6 Die evangelische Pastorin Christina Kayales startete 2012 in Hamburg eine zehnwöchige Seelsorgefortbildung für Imame. 7 An verschie- denen Standorten wurden beziehungsweise werden Versuche unternommen, eine Seelsorgeausbildung auch in das Studium der Islamischen Theologie zu integrieren oder zusätzliche besondere Ausbildungsgänge zu schaffen. Osna-
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