III - 13.3

Antisemitismus und Islam in Deutschland – Ausmaß und Herkunft antisemitischer Einstellungen bei Jugendlichen mit muslimischem Sozialisationskontext

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Antisemitismus und Islam in Deutschland III - 13.3 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 49. EL 2016 1 OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit Stand: 17.08.2016  2. AK  Seite 1 III - 13.3  Antisemitismus und Islam in Deutschland Ausmaß und Herkunft antisemitischer Einstellungen bei Jugendlichen mit muslimischem Sozialisations- kontext VON MICHAEL KIEFER Einleitung In der öffentlichen Wahrnehmung aber auch in der sozialwissenschaftlichen Forschung wurde der Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland über nahezu vier Dekaden als ein Phänomen angesehen, das überwiegend in rechten und in einem weitaus geringeren Maße in linken bzw. linksradikalen Milieus vorzufinden war. Die Fokussierung auf die genannten Milieus war nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass man den gesellschaftlichen Veränderungen, die durch jahrzehntelange Zuwanderung ausgelöst wurde, keine oder allenfalls eine geringe Beachtung zukommen ließ. Im Selbstverständnis des politischen Mainstreams war Deutschland bis in die 1990er-Jahre keine Zuwanderungs- gesellschaft. Vielmehr herrschte die irrige Vorstellung, dass Zuwanderung und Arbeitsmigration als ein temporäres Phänomen angesehen werden können. Folglich fanden politische und religiöse Einstellungen in den heterogenen Zu- wanderungscommunities, in denen durchaus auch schon in den 1970er-Jahren antisemitische Einstellungen beobachtbar waren, kein hohes Interesse. Eine sukzessive Veränderung der Wahrnehmung setzte erst ab dem Jahr 2000 ein. Auslöser war der Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge, der von zwei Jugendlichen mit einem muslimischen Sozialisationshintergrund begangen wurde. Im Kontext der Zuwanderungsgeschichte bedeutete dieses Ereignis eine Zäsur. Es war das erste Mal, dass auf deutschem Boden ein Brandanschlag gegen eine jüdische Einrichtung von Jugendlichen mit einem Zuwanderungshin- tergrund begangen wurde. Leider blieb die Tat kein Einzelfall. Bereits wenige Tage später griff eine Gruppe demonstrierender Libanesen nach einer Demons- tration die alte Essener Synagoge an und zerstörte mehr als 30 Glasscheiben. Beide Straftaten standen nach Angaben der ausschließlich männlichen Täter in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Palästinakonflikt. Diese wollten mit ihren Aktionen gegen das Vorgehen der israelischen Streitkräfte im Rahmen der sogenannten „Zweiten Intifada“ demonstrieren. 1 Mobilisierend war hier erstmalig die hoch emotionalisierte und einseitige Be- richterstattung der SAT-TV-Sender „Al-Manar“ (gegründet 1991) und „Al- --- Seite 1 Ende --- III - 13.3 Antisemitismus und Islam in Deutschland 2 Jazeera“ (gegründet 1996), die zum damaligen Zeitpunkt erst seit kurzer Zeit in Deutschland empfangen werden konnten. Nicht zuletzt die Berichterstattung der genannten Fernsehsender trug mit dazu bei, dass Berichte über Kriegsereignisse in den palästinensischen Gebieten zunehmend mit antisemitischen Narrationen aufgeladen werden konnten. Auch in den Folgejahren gab es weitere antisemitische Vorfälle, die Personen mit muslimischem Sozialisationshintergrund angelastet wurden. Viel Beach- tung in den Medien fand u. a. ein Zwischenfall in Hannover im Jahr 2010. Dort hatte eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit offenbar arabischem Zuwanderungshintergrund auf einem Straßenfest eine jüdische Tanzgruppe mit Kieselsteinen beworfen und antisemitische Parolen skandiert. Aufmerksamkeit erregten ferner zwei antisemitische Übergriffe in Berlin. Am 29. August 2012 schlugen am helllichten Tag in Berlin Jugendliche auf einen Rabbiner ein und verletzten ihn erheblich. Eine Woche später wurden jüdische Schülerinnen vor ihrer Schule bespuckt und als Juden beschimpft. In beiden Fällen gingen die Ermittlungsbehörden von jugendlichen Tätern mit einem muslimischen Sozia- lisationskontext aus. 2 Zu weiteren antisemitischen Vorfällen kam es 2014. Auf mehreren Demonstrationen, die sich gegen die israelische Militäroffensive im Gaza richteten, wurden wiederholt antisemitische Parolen skandiert. In Essen wurden 14 Personen vorübergehend festgenommen, die verdächtigt wurden, einen Anschlag gegen die alte Synagoge vorzubereiten. Die angeführten Beispiele und wissenschaftlichen Untersuchungen aus den ver- gangenen fünf Jahren, die im Kapitel „Antisemitische Einstellungen bei Musli- men in Deutschland – Wissenschaftliche Befunde“ vorgestellt werden, zeigen, dass antisemitische Einstellungen und hieraus resultierende Handlungen in den heterogenen muslimischen Communities durchaus eine problematische Größe darstellen können. Dieser Sachverhalt gilt mittlerweile auch in der Forschung als unstrittig. Kontrovers diskutiert werden jedoch – aktuell auch wegen der verstärkten Zuwanderung syrischer und irakischer Flüchtlinge – das Ausmaß des Antisemitismus und die Herkunft der antisemitischen Stereotype. Beim letzten Punkt geht es vor allem um die Frage, ob der Antisemitismus sich aus Koran, Sunna und der islamischen Tradition speist. Die nachfolgenden Ausführungen fokussieren die angerissenen Fragestellungen in drei Kapiteln. Im ersten Kapitel „Was ist Antisemitismus?“ sollen zunächst grundlegende terminologische Fragen geklärt werden. Darüber werden die wichtigsten Formen des zeitgenössischen Antisemitismus vorgestellt, die im deutschen Kontext Relevanz beanspruchen können. Das zweite Kapitel „An-Westarp Science – Fachverlage
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