Jüdische Theologie als Wissenschaft III - 6.3.5
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 77. EL 2023 1
ZusammenfassungZusammenfassung
„Jüdische Theologie ist der Versuch, den tieferen Sinn der jüdischen Religion
beständig neu zu durchdenken“ (Rabbiner Louis Jacob). ‒ Der erste Jude, der
sich „Theologe” nannte, war Abraham Geiger. Als 21 Jahre junger Bonner
Student entschloss er sich, wie er im Mai 1831 in einem Brief schrieb: „Theo-
loge zu werden“, d. h. Rabbiner. Davor notierte er in seinem Tagebuch das
Bedürfnis seiner jüdischen Kommilitonen in Bonn nach einer regelrechten
jüdisch-theologischen Ausbildung. Für die Gründung einer Jüdisch-Theolo-
gischen Fakultät an einer deutschen Universität zur Ausbildung eines aka-
demisch qualifizierten jüdischen Theologen-Standes hat Geiger sein ganzes
Leben – vergeblich – gestritten. Die Jüdische Theologie ist ein junges Fach
mit einer uralten Geschichte. Der Begriff „Jüdische Theologie“ wirkt auf
viele befremdlich. Manche behaupten fälschlich, er sei ein christlicher Be-
griff und das Judentum besäße keine Theologie. Dieser Beitrag untersucht,
woher dieses hartnäckige Vorurteil stammt, und macht deutlich, dass die
Jüdische Theologie in der jüdischen Tradition allgegenwärtig ist.SchlagwörterSchlagwörter
Aufklärungstheologie, Bibelkritik, Exegese, Gottesnamen, Islam, Judentum,
Jüdische Philosophie, Jüdische Theologie, Kabbala, Orthodoxie, Orthopra-
xie, Rationalismus, Systematische Theologie, Wissenschaft des Judentums
III - 6.3.5 Jüdische Theologie als Wissenschaft
[Jewish Theology as a Science]
Daniel Krochmalnik
Submitted October 25, 2022, and accepted for publication June 01, 2023
Editors: Walter Homolka, Hartmut Bomhoff
SummarySummary
“Jewish theology is an attempt to think through consistently the implications
of the Jewish religion.” (Rabbi Louis Jacob). ‒ The first Jew to call himself
a “theologian” was Abraham Geiger. As a 21 years young student in Bonn
he decided, as he wrote in a letter in May 1831: ”to become a theologian”,
i. e. a rabbi. Before that, he noted in his diary the need of his fellow Jewish
students in Bonn for a proper Jewish theological education. Geiger fought
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III - 6.3.5 Jüdische Theologie als Wissenschaft 2© Westarp Science Fachverlag
1 Jüdische Theologie als „Wissen um Gott“
D
ie Jüdische Theologie ist ein junges Fach mit einer uralten Geschichte. Ob
man der Disziplin allerdings ein biblisches Alter bescheinigen darf, ist fraglich.
Der Heidelberger Alttestamentler Hans Walter Wolff sah im „Wissen um Gott“
(Da’at Elohim) beim Propheten Hosea (2,22 u. ö.) die „Urform der Theologie“.
1
Die mittelalterlichen Jüdischen Theologen wären begeistert gewesen, wenn sie
auch eine andere biblische Belegstelle bevorzugten (Hos 2,22 ist immerhin ins
jüdische Morgengebet eingegangen), nämlich das Vermächtnis König Davids,
der seinen Sohn und Nachfolger Salomon anweist: „Erkenne den Gott deines
Vaters [D’a Et-Elohe Awicha] und diene ihm mit ganzem Herzen“ (1 Chr 28,9).
R. Saadia Gaon (882– 942 n. d. Z.), der Vater der Jüdischen Theologie des Mit-
telalters, leitet in seinem Buch des Glaubens und des Wissens aus der Chronik-
Stelle das Vernunft- und Schriftgebot ab, „IHN kennen zu lernen [LaDa’at]“.
2
Bachja ibn Paquda (11. Jh.), der Verfasser der Herzenspflichten , folgt Saadia
und setzt den biblischen Ausdruck Da’at HaEl mit Chochmat HaElohut (arab.
Al-’Ilmal-Ilahi), mit Gotteswissenschaft, gleich und macht sie mit Bezug auf 1
Chr 28,9 für jeden, der intellektuell dazu imstande ist, zur religiösen Pflicht.
3
Auf die gleiche Weise wie Saadia und Bachja verwendet R. Moses Maimonides
(1138–1204), der bedeutendste jüdische Philosoph des Mittelalters und zugleich
eine der größten rabbinischen Autoritäten, den Chronik-Beleg.
4
Da’at Elohim,
die intellektuelle Gotteserkenntnis, ist für ihn das höchste Gebot. Sowohl sein
Buch der Gebote
5
wie sein Buch der Erkenntnis ( Mad’a) eröffnen mit diesem
Gebot, „zu wissen [Lejd’a], dass es einen Gott gibt“, wobei er den „Gott der
all his life – in vain – for the establishment of a Jewish Theological Faculty
at a German university for the training of academically qualified Jewish
theologians. Jewish theology is a young subject with an ancient history. The term “Jewish theology” strikes many as alienating. Some falsely claim that it is a Christian term and that Judaism has no theology. This article explores the origins of this persistent prejudice and makes clear that Jewish theology is omnipresent in Jewish tradition.
KeywordsKeywords
Biblical Criticism, Enlightenment Theology, Exegesis, Islam, Jewish Phi-
losophy, Jewish Theology, Judaism, Kabbalah, Names of God, Orthodoxy, Orthopraxy, Rationalism, Science of Judaism, Systematic Theology.
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Der vollständige Artikel umfasst 17 Seiten
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