Weit von Wo? III - 6.3.4
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 77. EL 2023 1
ZusammenfassungZusammenfassung
Den Spuren deutschsprachiger Juden nachzugehen, bedeutet in mehr als 60
Ländern die Suche aufzunehmen. Ihr Einfluss wirkt in vielen Heimat- und
Exilländern fort, ohne dass dies im kollektiven Bewusstsein angemessen
repräsentiert wäre. Dieser Essay zu den übergreifenden Themen Identität, Li-
teratur, das „Jüdische“, „Deutsche“ und das „Russische“, Ursprungs-, Tran-
sit- und Emigrationsländer sowie „Was bleibt“ lädt dazu ein, das deutsch-jü-
dische Kulturerbe in den vielen Immigrationsländern zu entdecken und den
Verlust zu begreifen, der mit der Emigration des deutsch-jüdischen Bürger-
tums einher ging. Weitere Aspekte sind die Frage nach der Identitätsbildung
jüdischer Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion in Deutschland und die
Transformation und Pluralisierung der jüdischen Gemeinschaft.
SchlagwörterSchlagwörter
Aufklärung, Diaspora, Emanzipation, Exil, Heimat, Herkunft, Identität, Judentum, Jüdischsein, Kulturerbe, Kulturtransfer, Literatur, Migration,
Modernität, Pluralisierung, Teilhabe, Tradition, Transformation, Transit
III - 6.3.4 Weit von Wo? Heimat(-Verlust), Kulturtransfer
und Identitätsfragen innerhalb des deutschen
Judentums einst und heute
[Far from Where? Home (loss), cultural transfer
and identity issues within German Jewry then
and now]
Elke-Vera Kotowski
Submitted October 25, 2022, and accepted for publication June 01, 2023
Editors: Walter Homolka, Hartmut Bomhoff
SummarySummary
Tracing the legacy of German-speaking Jews means taking up the search
in more than 60 countries. Their influence continues in many countries
of origin and exile without being adequately represented in the collective
consciousness. This essay on the overarching themes of identity, literature,
„Jewishness”, „Germanness”, „Russianness”, countries of origin, transit, and
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III - 6.3.4 Weit von Wo? 2© Westarp Science Fachverlag
1 Deutsch werden, jüdisch bleiben
I
m Zuge der europäischen Aufklärung entwickelte sich in Ländern wie Frank-
reich, Preußen oder Österreich-Ungarn staatlicherseits eine, wenn auch zaghaf-
te Bereitschaft zur rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Minderheit. Unter
dem Revolutionsmotto „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ erhielten die
in Frankreich lebenden Juden 1791 die uneingeschränkte Staatsbürgerschaft.
Durch die preußischen Staatsreformen von 1812 endete der bislang prekäre
Status der bloßen Duldung durch das Emanzipationsedikt , das Juden zu Ein-
ländern erklärte. Nach der Teilung Polens 1795 wurden die dort lebenden
Juden zu Untertanen des Russischen Reiches, Österreich-Ungarns und Preu-
ßens mit jeweils unterschiedlichem Rechtsstatus. Während in Russland Juden
ausschließlich in sogenannten Ansiedlungsrayons siedeln durften, erhielten sie
1862 in den österreichischen Territorien freies Niederlassungsrecht. Erst mit
der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens nach dem Ersten Weltkrieg
besserte sich auch die prekäre Lage der jüdischen Minderheit in den Gebieten
Mittel- und Osteuropas.
Mit der Aufhebung der Ständegesellschaft und der zum Teil gewährten recht-
lichen Gleichstellung wandelte sich auch innerhalb der jüdischen Gemein-
schaft das Selbstverständnis. Jüdische Aufklärer wie Moses Mendelssohn
(1729–1786) gaben den Anstoß für innerjüdische Diskussionen, die sowohl
die individuelle Standortbestimmung als auch die bisher nicht in Frage gestell-
ten religiösen Traditionen beleuchteten. Lebten Juden bis ins 18. Jahrhundert
hinein in einer sowohl von außen durch die christliche Mehrheitsgesellschaft
auferlegten als auch von innen tradierten Isolation, begannen junge Juden und
emigration, and „What Remains“ invites its readers to discover the German-
Jewish cultural heritage in the many countries of immigration and to under-
stand the loss that accompanied the emigration of the German-Jewish middle
classes. Further aspects are the identity formation of Jewish immigrants
from the former Soviet Union in today’s Germany and the pluralization of the wider Jewish community.
KeywordsKeywords
Cultural heritage, cultural transfer, diaspora, emancipation, enlightenment,
exile, home, identity, Jewishness, Judaism, literature, migration, modernity,
origin, participation, pluralization, tradition, transformation, transit
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Der vollständige Artikel umfasst 21 Seiten
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