Neuanfang und Rückbesinnung III - 6.3.3
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 77. EL 2023 1
ZusammenfassungZusammenfassung
2022 feierten wir 250 Jahre liberales Judentum.
1
Dafür ausschlaggebend ist
ein Responsum Moses Mendelssohns vom 9. Juni 1772 zur Frage der schnel-
len Beerdigung, das zur Wegscheide zwischen Traditionalisten und Moder-
nisten wurde: Mendelssohn plädierte damals im Sinne von Akkulturation
und im Geiste der Reform für ein Überdenken des überkommenen Brauchs.
Der Eintritt der deutschen Judenheit in die Moderne eröffnete Freiräume,
die im Judentum die heute bekannten Strömungen hervorbrachte. Ziel war,
Tradition und Moderne in die Balance zu bringen. Von Deutschland aus ver-
breitete sich die jüdische Reformbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts nach
Nordamerika, wo das liberale Judentum ebenso wie im Deutschen Reich bald
zur dominanten jüdischen Denomination wurde. Nach der Schoa fanden sich
liberale Juden und Jüdinnen in Deutschland als Minderheit in der Minderheit
wieder; die kleine jüdische Gemeinschaft setzte sich nun größtenteils aus
Displaced Persons aus Osteuropa zusammen, die ganz andere Traditionen
mitgebracht hatten. Dieser Beitrag will zeigen, dass das liberale Judentum
auch nach 1945 präsent und prägend für die sich konsolidierende jüdische
Gemeinschaft war, gerade auch in den Jahrzehnten vor seiner erneuten Ins-
titutionalisierung. Um es mit den Worten von Rabbiner Leo Baeck von 1946
zu sagen: „Die Idee bleibt, um in neuen Formen weiterzuwirken.“
2
SchlagwörterSchlagwörter
Befreiung, B’nai B‘rith, Displaced Persons, Hebrew Union College, Hoch-
schule für Jüdische Studien, Hochschule für die Wissenschaft des Juden-
tums, Jewish Agency, Jewish Relief Units, Joint Distribution Committee, Leo
Baeck College, liberales Judentum, Militärrabbiner, Nachkriegsdeutschland,
orthodoxes Judentum, Union progressiver Juden in Deutschland, U.S. Army,
World Union for Progressive Judaism, Zentralrat der Juden in Deutschland
III - 6.3.3 Neuanfang und Rückbesinnung. Das liberale
Judentum in Deutschland nach der Schoa
[New Beginnings and Recollections. Liberal
Judaism in Germany after the Shoah]
Walter Homolka
Submitted October 25, 2022, and accepted for publication June 01, 2023
Editors: Walter Homolka, Hartmut Bomhoff
--- Seite 1 Ende ---
III - 6.3.3 Neuanfang und Rückbesinnung 2© Westarp Science Fachverlag
1 Leben nach dem Überleben: Hilfe aus den USA und Großbritannien
Die Befreiung Deutschlands von den Nationalsozialisten ging im Frühjahr 1945
nur sehr schleppend voran, und als etwa der amerikanische Chaplain W. Gun-
ther Plaut (1912–2011), der selbst 1935 aus Deutschland in die USA emigriert
war, am 22. März in den Trümmern der Synagoge in der Roonstraße in Köln
schon den ersten jüdischen Gottesdienst feierte, da waren noch immer Tausen-
de auf Todesmärschen unterwegs oder in den vielen Konzentrationslagern und
ihren Außenstellen Gewalt und Tod ausgesetzt, und der Kampf um Berlin fing
erst an. Als Rabbiner Plaut in Bonn bereits mit dem ersten Sederabend nach
SummarySummary
In 2022 we celebrated 250 years of liberal Judaism.
1
The decisive date for
derives from a responsum by Moses Mendelssohn of June 9, 1772, on the
question of quick burial, which became the dividing line between traditio-
nalists and modernists: At the time, Mendelssohn pleaded for a rethinking of
the traditional custom in the spirit of acculturation and reform. The entry of
German Jewry into the modern world provided open spaces and opportuni-
ties, which gave rise to the Jewish denominations we know today. The goal
was to bring tradition and modernity into balance. From Germany, the Jewish
reform movement spread to North America in the mid-19th century, where
liberal Judaism soon became the dominant Jewish denomination, just as it
had in the German Reich. After the Shoah, liberal Jews found themselves
in the minority in Germany; the small Jewish community was now largely
composed of Displaced Persons from Eastern Europe who had brought with
them very different traditions. This article aims to show that liberal Judaism
was present and formative for the consolidating Jewish community even
after 1945, especially in the decades before its renewed institutionalization.
In the words of Rabbi Leo Baeck in 1946, „The idea remains to continue in
new forms.“
2
KeywordsKeywords
B‘nai B‘rith, Central Council of Jews in Germany, Displaced Persons, He-
brew Union College, Hochschule für Jüdische Studien, Hochschule für die
Wissenschaft des Judentums, Jewish Agency, Jewish Relief Units, Joint
Distribution Committee, Leo Baeck College, Liberal Judaism, Liberation,
Military Chaplains, Postwar Germany, Orthodox Judaism, Union of Pro-
gressive Jews in Germany, U.S. Army, World Union for Progressive Judaism
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 20 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 20 Seiten