„Der gemeinschaftliche Fortschritt zum Besseren“ III - 6.3.2
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 77. EL 2023 1
ZusammenfassungZusammenfassung
Es gehört zum Ertrag der jüdischen Aufklärung, dass David Friedländer und
Israel Jacobson mit Moses Mendelssohn das Bewusstsein teilten, dass das
Judentum eine vernunftmäßige Religion im Einklang mit den Wahrheiten
der Philosophie sei. Und insofern die Neologen und der von ihnen geprägte
preußische Protestantismus diese Einsicht teilten, berührten sich für einen
großen Moment der Religionsgeschichte Judentum und Christentum, ohne
dass einer sich dem anderen hätte unterordnen müssen. Die Jahre von Fried-
länders Sendschreiben einiger jüdischer Hausväter (1799) bis zur Gründung
der Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden (1822)
sind geprägt vom Ringen um Akkulturation, vor allem aber um die rechtliche
Emanzipation der Juden in Preußen. Die aktive Unterstützung der Berliner
Judenmission durch Friedrich Wilhelm III. markiert die Wendemarke vom
Rationalismus zur Restauration.
SchlagwörterSchlagwörter
Assimilation, Aufklärung, Emanzipation, Gleichberechtigung, Judenmissi-
on, Konvergenz, Konversion, Neologie, Orthodoxy, Protestantismus, Rati-
onalismus, Religion, Restauration, Reformjudentum, Theologie, Toleranz,
Zeremonialgesetz
III - 6.3.2 „Der gemeinschaftliche Fortschritt zum
Besseren“. Rationale Theologie als Moment
christlich-jüdischer Annäherung
[“The Joint Progress for the Better“. Rational
theology as a moment of Christian-Jewish
rapprochement]
Walter Homolka
Submitted October 25, 2022, and accepted for publication June 01, 2023
Editors: Walter Homolka, Hartmut Bomhoff
SummarySummary
It belongs to the impact of the Jewish Enlightenment that David Friedländer
and Israel Jacobson shared with Moses Mendelssohn the awareness that
--- Seite 1 Ende ---
III - 6.3.2 „Der gemeinschaftliche Fortschritt zum Besseren“ 2© Westarp Science Fachverlag
1 Israel Jacobson: Versuch einer Koexistenz auf Augenhöhe
Als der Unternehmer und Philanthrop Israel Jacobson (1768–1828), Präsi-
dent des Königlich–Westphälischen Consistoriums der Israeliten, am 17. Juli
1810 in Seesen den Jacobstempel eröffnete, der als die erste Reformsynago-
ge weltweit gilt, bestand die dortige Jacobsonschule bereits neun Jahre lang.
Als Industrieschule geplant, war aus ihr gleich eine allgemeinbildende Schule
geworden, und zwar eine Simultanschule: Revolutionär war dabei der An-
satz, christliche und jüdische Schüler gemeinsam zu erziehen. Basis dafür
war Jacobsons Einsicht, dass sich beide ‒ Christentum wie Judentum ‒ in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts so zu verändern begonnen hatten, dass
Augenhöhe der beiden Religionen zum Greifen nahe schien. Programmatisch
war der Spruch aus dem biblischen Buch Maleachi 2,10 über dem Nordportal
der Synagoge: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott ge-
schaffen?“
1
Jacobson grifft dabei auf den Zeitgeist der Neologen zurück und
konnte sich auf den Schüler Johann August Eberhards stützen, Friedrich Da-
niel Ernst Schleiermacher (1768–1834). Schleiermachers „Über die Religion“
erschien 1799 und setzte neue Akzente, indem er formulierte, dass „niemand
die Religion ganz haben kann; denn der Mensch ist endlich und die Religion
ist unendlich.“
2
Schleiermacher, so Ulrich Barth, bezeichnet damit Pluralität
als ein der Religion innewohnendes Prinzip.
3
Judaism was a rational religion in harmony with the truths of philosophy.
And insofar as the neologists and the Prussian Protestantism they influenced
shared this insight, for a great moment in the history of religion Judaism and
Christianity touched each other without one having to subordinate the other.
The years from Friedländer‘s open letter, Sendschreiben einiger jüdischer Hausväter (1799), to the founding of the Gesellschaft zur Beförderung des
Christentums unter den Juden (1822) are marked by the struggle for the legal
emancipation of the Jews in Prussia. Friedrich Wilhelm III‘s active support of the Berlin Mission to the Jews marked the turning point from rationalism to restoration.
KeywordsKeywords
Assimilation, Ceremonial Law, Convergence, Conversion, Emancipation,
Enlightenment, Equality, Mission to the Jews, Neology, Orthodoxy Pro-
testantism, Rationalism, Reform Judaism, Religion, Restoration, Theology, Tolerance
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 19 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 19 Seiten