III - 6.3.1

„Liberal zu sein ist so viel schwerer". Zur Begriffsgeschichte von äliberal" und äorthodox"

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„Liberal zu sein ist so viel schwerer“ III - 6.3.1 Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 77. EL 2023 1 ZusammenfassungZusammenfassung Namen und Begriffe sind geschichts- und gemeinschaftsbildend sowie wirk- lichkeitskonstituierend. Dieser Beitrag soll eine Skizze sein; gefragt wird nach dem Vorverständnis und nach der Dynamik von Begriffen für die un- terschiedlichen Ausprägungen jüdischer Frömmigkeit, die wie „orthodox“, „liberal“ oder „neolog“ sowie „konservativ“ aus einem christlichen Kontext übernommen wurden und mal religionswissenschaftliche, mal polemische Zuschreibungen sind. SchlagwörterSchlagwörter Judentum, Konfessionalisierung, konservativ, liberal, neolog, neo-orthodox, orthodox, positiv-historisch, progressiv, Reform, Reformbewegung, Reform- judentum, Religionsgesetz, Tradition III - 6.3.1 „Liberal zu sein ist so viel schwerer“. Zur Begriffsgeschichte von „liberal“ und „orthodox“ [“It`s so much harder to be liberal”. On the conceptual history of “liberal” and “orthodox”] Hartmut Bomhoff Submitted October 25, 2022, and accepted for publication June 01, 2023 Editors: Walter Homolka, Hartmut Bomhoff SummarySummary Names and terms are history- and community-forming as well as reality- constituting. This contribution is meant to be a sketch; it asks about the pre- understanding and the dynamics of terms for the different manifestations of Jewish observance, which like „orthodox“, „liberal“ or „neolog“ as well as „conservative“ were taken over from a Christian context and are sometimes religious-scientific, sometimes polemical attributions. KeywordsKeywords Judaism, confessionalization, conservative, denominationalization, liberal, neolog, neo-orthodox, orthodox, positive-historical, progressive, reform, reform movement, reform Judaism, religious law, tradition. --- Seite 1 Ende --- III - 6.3.1 „Liberal zu sein ist so viel schwerer“ 2© Westarp Science Fachverlag 1 E Im August 1928 stellte Rabbiner Leo Baeck (1873‒1956) auf der ersten Kon- ferenz der World Union for Progressive Judaism in Berlin pointiert fest: „Den Orthodoxen macht der Schulchan Aruch [das mittelalterliche religionsgesetz- liche Kompendium] vieles leichter und nur scheinbar schwerer: Der Orthodoxe hat die fertige Antwort, er hat die fertige Entscheidung, er weiß in jeder Stunde, was er tun soll. Liberal zu sein ist so viel schwerer.“ 1 Was aber ist gemeint, wenn von „liberal“ und „orthodox“ die Rede ist? „Suchen oder Festhalten?“ ‒ Anhand dieses Begriffspaares unterschied Rab- biner Leo Baeck zwischen liberalem und konservativem Judentum, also zwi- schen Reformbewegung und Orthodoxie. 2 Für die Konfessionalisierung des Judentums im 19. Jahrhundert im deutschen Sprachraum war zunächst die Ästhetisierung des Kultus bezeichnend. Den Auftakt dafür machte der neu gestaltete Gottesdienst zur Eröffnung des Jakobstempels in Seesen am 17. Juli 1810 durch Israel Jacobson (1768‒1810). 3 Wie später auch Rabbiner Abraham Geiger (1810‒1874) war Jacobson an der Unterscheidung zwischen dem ewig Religiösem und dem vergänglich Natio- nalen gelegen; der jüdische Exeget und Religionshistoriker Rabbiner Ismar Elbogen (1874‒1943) bezeichnete ihn später als den „Vater des Konfessionalis- mus innerhalb des Judentums.“ 4 Das Seesener Modell machte schnell Schule: erst in Frankfurt am Main und in Berlin (1815), in Hamburg (1817), Karlsruhe (1819), Leipzig (1820) und Wien (1821), dann in allen deutschen Ländern, in vielen Gemeinden Mittel- und Osteuropas, vor allem aber in den USA. Als Reaktion auf die ersten Reformer erklärte Rabbiner Moses Schreiber (1762–1839), bekannt als Chatam Sofer, dass alle Neuerungen durch die Tora verboten seien. Sein Motto „chadasch assur min ha-torah“ („Alle Neuerungen sind durch die Tora verboten“) wurde zum Grundprinzip der sich neuformie- renden Orthodoxie. Eine Generation später formulierte der chassidische Rab- biner Ahron aus Karlin (1802–1872) hingegen: „Wer nicht jeden Tag etwas er- neuert, zeigt, dass er auch nichts Altes hat.“ 5 Dies ist ein anschauliches Beispiel für die Vielstimmigkeit, ja Widersprüchlichkeit des Judentums. Wandel ist konstitutiv für das Judentum. Dazu Gershom Scholem (1897‒1982): „Man kann von drei Wegen sprechen, auf denen die Tradition sich in der Ge- schichte entfaltet und entwickelt. Sie kann kontinuierlich fortgesetzt werden; sie kann sich in einem natürlichen Prozeß der Metamorphose verwandeln und neue Gestalt annehmen, und sie kann schließlich einem Bruch ausgesetzt sein, der mit der Verwerfung der Tradition selber verbunden ist.“ 6 Zu den vielen Transformationsprozessen im Judentum gehört, dass die Rabbiner Samson
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