Das deutsche Judentum nach der Aufklärung III - 6.2
III - 6.2 Das deutsche Judentum nach der Aufklärung
Auch wenn die Aufklärung, gewissennaßen die Befreiung aus der Hand des
Dogmas, nicht auf deutschem Boden entstanden ist, so wird doch Moses Men
delssohn (1729-1786), der Freund von Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)
als „Vater der Haskala“, d.h. der Aufklärung angesehen. Obgleich von Haus
aus ein orthodoxer Jude, der er sein Leben lang auch blieb, war er der erste
überhaupt, der eine Definition von Aufklärung in der Berlinischen Monats
schrift vom September 1784 veröffentlichte. Im Gegensatz zu Immanuel Kant
(1724-1804) und anderen, die folgen sollten, ging es ihm nicht nur um die
Befreiung des Verstandes aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, son
dern gleichzeitig auch um die sozio-kulturelle Verortung der Aufklärung. Als
ein theoretisches Konzept bedarf die Aufklärung der sozialen Strukturen von
Kultur.
Mendelssohn öffnete sich der deutschen Sprache - diese sollte er dann selbst
meisterhaft beherrschen - und der deutschen Geisteskultur und ermöglichte damit
dem Judentum den Eintritt in die moderne Welt. Das Festhalten an der Halacha
schließt bei ihm die Forderung nach einer Trennung von Staat und Religion mit
ein. Das Judentum ist für ihn „geoffenbarte Gesetzgebung“, die nicht in die
Konfliktsituation von Glaube und Vernunft stellt. Es geht nicht um Heils
wahrheiten, sondern darum, den Willen Gottes umzusetzen, um jetzt und in der
Ewigkeit glücklich zu werden. Des Menschen Handlungen sind einziger Maß
stab für seinen Wert! Mendelssohn wird zum Vorläufer der Reform, welche
noch heute im gesamten Judentum wciterlebt.
Die folgende Entwicklung muß im Zusammenhang mit der nach der Französi
schen Revolution beginnenden Emanzipation und Assimilation gesehen wer
den. Während erstere in Westeuropa schnelle Fortschritte machte, wurde sie in
Deutschland durch den beginnenden Nationalismus verzögert. Auf jeden Fall
kam es auch hier zu einer fortschreitenden Transformation des jüdischen Le
bens: das Judentum war nicht mehr eine von der christlichen Mehrheits
bevölkerung abgetrennte und isolierte Gemeinschaft. Politische und ökonomi
sche Möglichkeiten taten sich auf, welche von den deutschen Juden weitaus
innovativer aufgenommen wurden. So war der Hamburger Jude Gabriel Ricsscr
(1806-1863) Vizepräsident der Nationalversammlung in der Frankfurter Pauls-
kirche und kämpfte mit anderen christlichen und jüdischen Mitgliedern für die
deutsche Einheit. Sein Patriotismus gipfelt in dem Satz: „... wir sind hier nicht
eingewandert, sondern eingeboren. Wir sind entweder Deutsche, oder wir sind
heimatlos.“
Die deutsch-jüdische Symbiose dieser Zeit basierte auf der Relativierung her
kömmlicher religiöser Autorität und der Plausibilitätskrise des traditionellen
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 1
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III - 6.2 Das deutsche Judentum nach der Aufklärung
Judentums - Probleme, mit denen auch die christlichen Gemeinschaften zu kämp
fen hatten. Als Ausweg bot sich die aktive Assimilation an , die über die Ent
wicklung neuer Formen des Judentums zu einer Konfessionalisierung dessel
ben führte. Nur selten führte die damit verbundene Individualisierung des Ju
dentums zu einer Konversion zum Christentum (Rahe, 1990), was jedoch nicht
verhindern konnte, daß der Begriff Assimilation in orthodoxen Kreisen bis heute
mit Aufgabe und Untergang des Judentums verbunden wird. Den jüdischen
Reformern ging es jedoch darum, in einer sich modernisierenden Welt solche
Elemente aus der Umwelt zu entnehmen, welche ihnen geeignet erschienen,
die eigene Identität als Jude und Deutscher zu stärken.
Die geistreichen Salondamen Henriette Herz (1764-1847), Dorothea Mendels
sohn, verehelichte Schlegel (1763-1839), und Rahcl Levin, verehelichte
Varnhagen (1771-1833), rebellierten öffentlich gegen die überkommenen Struk
turen des jüdischen Patriarchats. Die Damen Herz und Varnhagen waren maß
geblich an der Entstehung des Goethckults beteiligt! Zur gleichen Zeit hatten
die Reformer begonnen, die Strukturen des Judentums grundlegend zu verän
dern.
Herz Wessely (1725-1805), der Weggefährte Mendelssohns, brachte Elemente
der profanen Erziehung und Berufsausbildung in die Lehrpläne der jüdischen
Schulen. David Friedländer (1750-1834) wollte nach dem preußischen
Emanzipationsedikt von 1812 in der Liturgie die Landesprache cinführen und
die Gebete für die nationale Wiederherstellung Israels abschaffen. Seine Geg
ner erreichten 1823 ein Verbot der Reformgcmcinden in Preußen. Unter dieses
Verdikt fiel auch die Berliner Privatsynagogc des Israel Jacobson (1768-1 828),
des „Vaters des Konfessionalismus“.
Jacobson hatte allerdings bereits 1801 mit der Gründung seiner Berufsschule in
Seesen im Harz sowie mit der Einrichtung eines „Tempels“ daselbst im Jahre
1810 Fakten geschaffen, welche die Reform vorantreiben sollten. Seine Liturgie
reform - Predigt, gemischter Chor, deutsche Lieder, Orgelmusik und Konfir
mationen nach lutherischem Vorbild - war in der traditionellen Synagoge nicht
möglich gewesen, weshalb er neue Gotteshäuser gründete. Die Amtstracht des
Rabbiners wurde ebenfalls dem des protestantischen Pfarrers angeglichen. Edu
ard Kley (1789-1867) trug die Gedanken von Jacobson nach Hamburg, wo er
in seinem Reform-Tempel die Zeremonie derZta/ Mizwa einführte. 1833 wurde
dann per Erlaß der sächsischen Regierung der erste Tempel in Weimar errich
tet. Die Reformbewegung ging nun in alle Welt und war nicht mehr aufzuhal-
tcn. In den U.S.A. sollte das „Reformed Judaism“ zu einer eigenen Domination
an wachsen.
Die Halacha galt nicht mehr als zeitloses verpflichtendes göttliches Gesetz!
Samuel Holdheim (1806-1860), ab 1847 Rabbiner der neuen Berliner Reform
2 Westarp Science - Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 5 Seiten
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