Juden in Deutschland - deutsche Juden III-6
III - 6 Juden in Deutschland - deutsche Juden
1925 gab es in Deutschland 564.000 Juden, was einem Bevölkerungsanteil von
0,9 % entsprach, heute sind cs rund 58.000, was einem Prozentsatz von 0,07
entspricht. Dazwischen liegt (\\eSchoa\ Von den 499.682 Juden, die noch 1933
in Deutschland lebten, wurden mindestens 190.000 von den Nazis ermordet,
vermutlich konnten sich 270.000 durch Auswanderung retten (Katz/Hcrshko,
1976, S. 290). Die heute in Deutschland wieder lebenden Juden machen somit
nur etwa 11,5 % des Standes von 1933 aus. Aber dieses ist nicht nur ein nume
rischer Verlust, hinter dem furchtbare Einzelschicksale stehen, es ist auch ein
katastrophaler Verlust für das deutsche Geistesleben! Es war Moses Mendels
sohn (1729-1786), der vdt Immanuel Kant als erster den Begriff der Aufklä
rung in deutscher Sprache formulierte! Die Schoa oder der Holocaust sind im
wahren Sinne des Wortes Churbaiv „Zerstörung“ - von menschlichem Leben
und menschlichem Geist! Vergegenwärtigt man sich zudem, daß alle modernen
jüdischen Bewegungen ihre Wurzeln im deutschen Judentum des 18. und 19.
Jh. haben, dann wird auch aus dieser Sicht die Perfidie der Judenvernichtung zu
einem nicht nachvollziehbaren Ereignis.
Es gibt nicht wenige, die den Weg der deutschen Juden für eine Fehlentwick
lung halten. Und cs gibt auch solche, die eine deutsch-jüdische Geschichte als
abgeschlossen ansehen (Gay, 1993, S. 265). Mit Blick auf den /fofocaws/wird
vehement bestritten, daß es eine deutsch-jüdische Symbiose gegeben hat. Die
Geschichte der deutschen Juden seit der Aufklärung lehre vielmehr, daß weltli
che Bildung nur zur Assimilation führte und auch den Holocaust nicht verhin
dern konnte. Doch der Holocaust als Code, mit dessen Hilfe die Geschichte
von Juden in deutschen Landen zu interpretieren wäre, verstellt den Blick auf
eine Wirkungsgeschichtc deutsch-jüdischen Geistes, welche Hitler-Deutschland
überlebt hat.
III - 6. 1 Juden in Deutschland vor der Aufklärung
Archäologische Funde bestätigen die Anwesenheit von Juden im 4. und frühen
5. Jh. in der römischen Germania. Das älteste geschriebene Zeugnis über Juden
ist jedoch das Dekret Kaiser Konstantins an die Ratsherren von Köln (Colonia
Agrippina) vom 11. Dezember 321, worin die Berufung von Juden in den Stadtral
erlaubt wird. Ein zweites Dekret von 331 befreit Rabbiner und Amtsträger der
jüdischen Gemeinde von der Mitwirkungspflicht in der Stadtverwaltung (Gay,
1993, S. 18f.). Es muß folglich in Köln schon eine beachtliche jüdische An
siedlung gegeben haben. Das schließt natürlich nicht aus, daß es auch in andc-
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 1
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III - 6.1 Juden in Deutschland vor der Aufklärung
rcn Teilen der Germania vor diesem Datum bereits Juden gab. Eingegangen in
die Geschichtsschreibung ist auch der Jude Isaak, der 797 einer Gesandtschaft
Karls des Großen zu Harun al-Raschid als Reiseleiter und Dolmetscher beige
geben wurde. In der nachfolgenden Zeiten fließen die Quellen reichlicher.
Mit der Zuwanderung der jüdisch-italienischen Familie Kalonymus aus Lucca
beginnt gegen Ende des 10. Jh. die Entwicklung von Mainz zu einem Zentrum
jüdischer Gelehrsamkeit. Die Kalonymiden sollten auch die erste jüdische Fa
milie im Deutschen Reich sein, die über Generationen hinweg eine Rolle spie
len werden. Hier in Mainz wirkte Rabbi Gerschom ben Juda aus Metz (siche III
- 3.1.4 u. 3.2), dessen Schüler gegen Ende des 11. Jh. Speyer ebenfalls zu ei
nem Zentrum der Gelehrsamkeit machen sollten. Auch Raschi (siehe III - 3.2)
hatte das Mainzer Bet ha-Midrasch, Lehrhaus, besucht, nachdem er zuvor in
Worms studiert hatte. Die jüdischen Einflüsse aus Nordfrankreich hatten Mainz,
Worms und Speyer im 10. und 11. Jh. zu Zentren rabbinischer Gelehrsamkeit
werden lassen. Der Begriff Aschkenas - ihm liegt die Verwechslung des syri
schen Germanikia mit Germania in Yoma („Tag“) 10a zugrunde - entwickelte
sich in den nächsten 2 Jahrhunderten zu einem feststehenden Begriff für die
deutschen Juden: die Aschkenasim.
Die Kreuzzüge führten zu grausamen Massakern an den Juden, die sich zu
verteidigten suchten, aber wegen der Aussichtslosigkeit auch den Freitod wähl
ten. Im 12. und 13. Jh. schufen die Chassidei Aschkenas, die „Frommen aus
Aschkenas“, neue Konzepte des Denkens, der Mystik und der Ethik. Der Juden
haß erreichte in Deutschland neue Höhepunkte infolge der Beschuldigung der
Hostienschändung, des Ritualmordes und der Brunnenvergiftung während der
großen Pest von 1348/9. Damit ging einher die ökonomische Diskriminierung
durch Verdrängung der Juden aus Binnen- und Fernhandel sowie aus der Hoch
finanz. Der Verfall der kaiserlichen Macht - Friedrich II. (1212-1250) hatte
ihnen noch durch die Erklärung zu „Kammerknechten“ (servi camerae) einen
gewissen Schutz verleihen können - führte zu erdrückenden „Judenordnungen“,
die bis in die Neuzeit hinein gelten sollten. Im 14. und 15. Jh. war der überwie
gende Teil der deutschen Juden - soweit sic überlebt hatten - nach Osten, insbe
sondere nach Polen geflohen. Neben manchem deutschen Brauchtum nahmen
sie vor allem das aus dem Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen stam
mende Jiddisch oder „Jiddisch-Dcitsch“ mit, welches heute in Israel und in den
U.S.A. eine neue Renaissance erlebt. Die Reformation Martin Luthers (1483-
1546) hatte infolge Luthers Judenfeindschaft die deutschen Juden wieder in
neue Bedrängnis gebracht. Sie wurden erfolgreich von Josel von Rosheim (1478-
1554), dem Befehlshaber aller Juden im Hl. Römischen Reich deutscher Nati
on verteidigt.
2 Westarp Science - Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 3 Seiten
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