Die drei Zeichen: Mesusa, Tefillin und Zizit III - 3.2
III - 3.2 Die drei Zeichen: Mesusa, Tefillin und Zizit
In Menachot („Speiseopfer“) 43b lesen wir: „Wer Zizit am Gewand und Tefillin
an seinem Körper trägt und die Mesusa an seine Türpforte schlägt, ist absolut
sicher vor dem Sündigen“.Die Mesusa, „Türpfosten“, ist das Zeichen der
Jüdischkeit an derTür. Sie besteht aus einem kleinen Behälter mit einer kleinen
koscheren Pergamentrollc, auf der das Schema Jisrael von Dtn 6,4-9 sowie der
Text aus Dtn 11,13-21 aufgeschrieben sind. Die Mesusa wird schräg gestellt,
etwas über Augenhöhe, am rechten Pfosten eines jeden Zimmers (mit Ausnah
me von Bad und WC) angebracht. Da ihr Anbringen eine Mizwa ist, muß zuvor
ein Segensspruch gesprochen werden; außerdem muß sie bezüglich ihres ritu
ellen Zustandes zweimal in sieben Jahren überprüft werden. Obgleich nicht
erforderlich, findet man sie auch in Eingängen von Synagogen und öffentli
chen Gebäuden. Aber selbst in Israel ist sie in Privatwohnungen nicht allgegen
wärtig!
In traditionellen Kreisen ist es üblich, beim Betreten und Verlassen der Woh
nung die Mesusa mit der Hand zu berühren und sie dann an die Lippen zu
führen. Ihre Symbolik ist eine doppelte: Der in der Kapsel enthaltene Text hat
folgende Gebote zum Inhalt:
1. Gott zu lieben,
2. die Tora zu studieren,
3. zweimal täglich das Sc/ie/n«-Gebet zu sprechen,
4. Tefellin zu tragen und
5. die Mesusa anzubringen.
Daneben gibt es eine andere, mehr magische Bedeutung, die aus dem auf der
Rückseite des Pergaments geschriebenen Gottesnamen Schaddaj, „Allmäch
tiger“, folgt. Dieser spielt eine Rolle im Denken der Kabbala. In unserem Zu
sammenhang können die Konsonanten auch als Anfangsbuchstaben (Akronym)
für die hebräische Aussage „Hüter der Häuser Israels“ gelesen werden. Die
Mesusa dient also der Heiligung des Hauses.
Die Tefillin oder Gebetsriemen - Plural von Tefilla, „Gebet“ - sind ein Zeichen
des Jüdischseins an Hand und Kopf (Ex 13,1-10. 11-16; Dtn 6,4-9. 11,13-21).
Die an ihnen befestigten Kapseln aus koscherem Leder enthalten die vorge
nannten vier Texte, die von der Hand eines 7braschreibers stammen müssen.
„Die Tefillin für den [linken] Arm bestehen aus einem Bayit(Gehäuse), und alle
vier Zitate stehen auf einem Stück Pergament, das in das Gehäuse geschoben
wird. Die Tefillin für die Stirn bestehen dagegen aus vier einzelnen Zellen, und
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 1
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jede Zelle enthält ein kleines Pergament mit jeweils einem der oben genannten
Zitate“ (Lau, 1993, S. 22). Sie müssen alle 7 Jahre auf ihren reinen Zustand hin
untersucht werden.
Diese Anordnung des Pergaments in den Kopftefillin folgt der Tradition von
Raschi, Akronym für Rabbi Schclomo Jizchaki (Salomo ben Isaak, 1040-1105)
von Troyes, der klassische Bibel- und 7h//?uoZkommentator par cxccllencc. Von
1058-1065 verbrachte er in Worms und Mainz seine Studienjahren bei Schü
lern des berühmten Rabbi Gcrschom, dem Mc’or ha-Gola (siehe III - 3.1.4).
Einige sehr fromme Juden folgen dagegen der Anordnung von Rabbenu Tarn
(„unser Lehrer, der Vollkommene“), d.h. Rabbi Jakob ben Mei’r (1100-1171),
einem Enkel Raschis und der wohl bedeutendste der französischen Tosafisten.
Unter Tosafot versteht man die „Zusätze“ zu Raschis 7a/znwdkommentar. Um
ganz sicher zu gehen, benutzen einige Chassidim und Juden Osteuropas zwei
Paar von Tefillin - entsprechend der Anordnung von Raschi und Rabbenu Tarn.
Jeder männliche Jude ab 13 Jahren ist verpflichtet, die Gebetsriemen wochen
tags im Morgengottesdienst anzulegen, nicht dagegen am Sabbat und an Fest
tagen. Das war nicht immer so, da wir in Eruvin 96a lesen können, daß Michal,
die Tochter des Gelehrten Saul, ebenfalls diese anlegte, ohne Zurechtweisung
durch die Rabbinen. Daher sind auch jüdische Feministinnen dazu übergegangen,
die Tefillin anzulegen, selbst in Israel vor dem Kotei ha-Maaravi, d.h. vor der
Westmauer des Tempelberges. Das hat zu erheblichen Turbulenzen geführt, da
Tefillin gewissermaßen zu den Männersachen gehören, deren Tragen für Frau
en nach Dtn 22,5 nicht zulässig ist (Loth, 1989). Der deutsche Reformrabbiner
Abraham Geiger (1810-1874) hatte die Gebetsriemen als ursprünglich heidni
sche Amulette bezeichnet und sie aus dem Gottesdienst verbannt. Das gilt heu
te allerdings nicht mehr. Dagegen hatte Leopold Zunz (1794-1886), der Weg
bereiter der „Wissenschaft des Judentums“, sie beibehalten.
In traditionellen Kreisen genießen faeTefillin große Heiligkeit, weshalb sic beim
An- und Ablegen nicht nur geküßt, sondern auch beide Akte von Gebeten be
gleitet werden (Lau, 1993, S. 23-25). Das Tragen der Gebetsriemen an Hand
und Kopf ist nicht nur Vollzug zweier Mizwot, sondern bedeutet zugleich die
Heiligung des Beters und seines Körpers. Die Handtefillin symbolisieren die
„Bewaffnung“ mit dem Wort Gottes, während der Sitz der Kopftefillin zwi
schen den Augen, am Rand der Hirnschale, das Wort Gottes mit dem Mittel
punkt des Geistes vereinigt (De Vries, 1981, S. 51f.). Auch die Schaddaj-Sym-
bolik findet wieder Anwendung: Der Buchstabe Schin befindet sich an den
Kopf tefillin, der Knoten im Nacken entspricht dem Buchstaben Dalct und das
Jod dem Knoten an den Handre/ZZ/m.
2 Westarp Science - Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 4 Seiten
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