Jüdische Riten - jüdische Symbole III-3
III - 3 Jüdische Riten - jüdische Symbole
Der Kizzir Schulchan Aruch beginnt mit dem Satz: „Ich habe den Ewigen stets
vor Augen [Ps 16,8] - das ist eine wichtige Regel in der Tora und den Eigen
schaften der Frommen, die vor Gott wandeln.“ Dieses ist das Leitmotiv der
Lebensführung eines jeden traditionellen Juden. Daraus folgt ein Ineinander
greifen von Mizwot, Ritual und Symbolen, was zu einer Ritualisierung des ge
samten Lebens führen kann. Das beginnt mit dem körperlichen Kennzeichen
der Beschneidung auf Seiten des Mannes, führt über Essen und Trinken sowie
Kleidung bis in den Bereich des Wohnens und Arbeitens. Es bestimmt überdies
den Umgang mit der Zeit in Gestalt von Sabbat und Festen.
III - 3.1 Die Heiligung der Lebensabschnitte
Alle Religionen kennen sakrale Handlungen, welche den Übergang von einem
Zustand in einen qualitativ anderen kennzeichnen. Diese Übergangsriten (Rites
de passage) haben die Aufgabe, den Menschen von seinem bisherigen Status
zu trennen, um ihn in einen neuen Stand zu versetzen, der bisweilen auch mit
einer neuen sozialen Rolle verbunden ist.
III - 3.1.1 Beschneidung und Namengebung
Im Judentum muß nach Gen 17,12 und Lev 12,3 der Knabe am 8. Tage nach
der Geburt durch Abtrennen der Vorhaut (Zirkumzision) beschnitten werden.
Dieser Akt darf nur aus medizinischen Gründen aufgeschoben werden; im Fal
le eines Bluters muß auf seinen Vollzug verzichtet werden. Die Beschneidung
ist Symbol der Zugehörigkeit zum Bund, welchen Gott mit den Nachkommen
Abrahams geschlossen hat (Gen 17,10-13), weshalb sic auch Berit Mila, wört
lich „Bund der Beschneidung“ genannt wird. Auch jene, die aus medizinischen
Gründen nicht beschnitten sind, gehören zum jüdischen Volk, sofern die Mut
ter Jüdin ist. Die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk ist also matrilinearer Natur.
Männer, die zum Judentum konvertieren wollen, müssen die Beschneidung
nachholen; bei weiblichen Konvertiten genügt ein Tauchbad. In beiden Fällen
wird aber eine längere Phase der Vorbereitung gefordert, gewissermaßen als
eine „Initiation“ in das Judentum, was in orthodoxen Kreisen sich über Jahre
hinziehen kann.
Die Beschneidung als solche ist jedoch keine Besonderheit von Judentum oder
Islam, sic war bei den Altsemitcn üblich, wie z.B. auch bei den mit den Israeli
ten verbündeten Hivitern (Gen 34,22). In dieser oder anderer Form wurde und
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 1
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III - 3.1.2 Die Auslösung des Erstgeborenen
wird sie - sogar an Mädchen - in anderen Kulturen ausgeübt. Dagegen war
dieser Brauch den Griechen und Römern nicht bekannt und wurde von diesen
abgelehnt. Als Antiochos IV. Epiphanes den Juden die Beschneidung untersag
te, kam cs u.a. deshalb 167 v.Chr. zum Aufstand der Makkabäer gegen die
Seleukiden. Ebenso kam cs zur Rebellion der Juden unter Führung von Bar
Kochba im Jahre 132 n.Chr., als der römische Kaiser Hadrian seinerseits die
Beschneidung verbieten wollte. Erklärungsversuche führen die Beschneidung
auf eine Stammesinitiation oder einen magischen Ritus des „Ersatzopfers“ (=
pars pro toto) oder auch auf einen magischen Fruchtbarkeitsritus zurück.
Der Ritus der Beschneidung erfolgt im Rahmen einer Feier, bei der der Sandak
oder Gevatter den Knaben hält, während der Mohel oder Beschneider die Zir-
kumzision vornimmt. Der Mohel muß seine theoretische und fachliche Eig
nung vordem zuständigen Rabbinat nachgewiesen haben. Der Ritus selbst muß
in Gegenwart von zehn Männern, dem Minjan, vollzogen werden. Viele Syn
agogen besitzen zweisitzige Beschneidungsbänke: der rechte Sitz ist für den
Propheten Elia bestimmt, der als Prototyp des religiösen Eiferers gilt. Bei der
Beschneidung, die ursprünglich nicht an die Synagoge gebunden war, erhält
der Knabe seinen jüdischen Namen. Daran schließt ein festliches Mahl an: die
Se’udat Mizwa, die „Feier der Mizwa“. Einem Mädchen wird sein Name ohne
Zeremonie in der Synagoge gegeben.
Es ist der Wunsch frommer Eltern, daß der physischen Beschneidung auch eine
solche des Herzens folgen möge (Dtn 10,16; 30,6; Jcr 4,4). Daher schließt die
Zeremonie mit dem Wunsch der Anwesenden: „Wie er in den Bund eingeführt
worden, so möge er in die Tora, in die Ehe und in die Ausübung guter Werke
eingeführt werden.“ Diese Verbindung zwischen Beschneidung und Tora wur
de auch in dem Brauch deutlich, die Beschneidungswindel später in Streifen zu
schneiden und daraus einen Tora-Wimpel zum Zusammenbinden der 7öra-Rolle
anzufertigen. Auf diese Weise erfährt der Ritus, der von seinem Symbolgehalt
vergleichbar ist mit der Taufe im Christentum, seine Transzendicrung.
In Israel und in einigen Regionen der Diaspora, wo cs in den letzten Jahren zu
einer zahlenmäßig beachtlichen Zuwanderung von Juden aus der GUS gekom
men ist, ergibt sich das Problem, daß viele Männer nicht beschnitten sind, weil
die Ausübung der jüdischen Religion in der Sowjetunion untersagt war. Über
dies sind wohl Zchntausendc von russischen Einwanderern keine Juden im Sinne
der Halacha.
III - 3.1.2 Die Auslösung des Erstgeborenen
Die Zeremonie des Pidjon ha-Ben, „Auslösung des Erstgeborenen“, durch ei
nen Kohen oder Priester bezieht sich auf den Bechor, „Erstgeborenen“, dessen
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