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Das Gesetz: vom Lernen der Tora zur Rechnungslegung

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Das Gesetz: vom Lernen der Tora zur Rechnungslegung III - 2.4 III - 2. 4 Das Gesetz: vom Lernen der Tora zur Rechnungslegung Die Halacha (siehe S. 2) umfaßt alle Aspekte des Lebens für den gesetzes­ treuen Juden. Folglich kann der letzte orthodoxe Oberrabbiner von Hamburg, Joseph Zwi Carlebach (1883-1942), der in einem Konzentrationslager bei Riga ermordet wurde, schreiben: „Jude sein heißt durch die unablässige, dauernde, immer vertiefte Erkenntnis des Gesetzes diejenige Objektivität gegen sich selbst erwerben, die den Kon­ flikt zwischen Natur und Freiheit nach den wirklichen ungeheuren Kräften der Menschenseele zur Entscheidung bringt“ (Carlebach, 1936, S. 8f.). Auch wenn Gesetz und Ethik im Judentum nicht identisch sind, so haben je­ doch moralische Normen, die auf ein bestimmtes Verhalten des Menschen ab­ zielen, Aufnahme in die 7bra gefunden. Für Samson Raphael Hirsch (1808-1888), den deutschen Rabbiner und Be­ gründer der „Neo-Orthodoxie“, steht es außer Zweifel, daß das Ziel des Lebens die Gerechtigkeit ist, welche eben die Tora erläutern will. Nur sie vermag die richtige Anschauung überdas Leben zu geben, weshalb man Bibel, Talmud und Midrasch als die Quellen des Judentums studieren müsse (Ähren, 1993, S. 60). Daraus folgt, mit den Worten von Arthur Weil: „Zu allen Zeiten war das Bet Hamidrasch das Herz des Judentums. Nicht das Bet Haknesset, die Synagoge, sondern dasZtef Hamidrasch, das Lchrhaus, nimmt die erste Stelle im religiösen Leben des Judentums ein, und dies ist verständ­ lich. Das Studium der Tora schafft erst das wahre Verständnis für das Gottes­ wort und den wahren religiösen Geist, der das Gebet und die religiöse Hand­ lung beseelen soll“ (zit. Ähren, 1993, S. 19). Mit diesem Erforschen des göttlichen Willens hängt es zusammen, wenn die Kodifikation der Halacha (siehe Abbildung 1) auch nach Abschluß der beiden Talmudim weiterging. Ein neuer Höhepunkt war mit dem Schulchan Aruch („Ge­ deckter Tisch“) des sephardischen Talmudisten Joseph ben Ephraim Karo (1488- 1575) erreicht, den er 1564/5 veröffentlichte. Damals wie auch heute war das galiläische Safed, wo Karo sich 1536 niedergelassen hatte, eine zutiefst von der Kabbala und der damit verknüpften messianischen Erwartung geprägte Stadt. Sein Werk war als ein zusammenfassendes Kompendium des mündlichen Ge­ setzes gedacht. Bis in die Gegenwart hinein sehen orthodoxe Juden mSchulchan Aruch ein autoritatives Werk, welches allerdings im Westen von den Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 1 --- Seite 1 Ende --- III - 2.4 Das Gesetz: vom Lernen der Tora zur Rechnungslegung aschkcnasischen Juden erst mit den Zusätzen - Mappa, „Tafeltuch“, um Karos „Tisch“ zu bedecken - des polnischen Halachistcn Moses ben Israel Isserlcs (1525-1572) akzeptiert wurde. Dieses war notwendig, weil cs durch unterschied­ lichen Minhag, „Brauch“ oder „Sitte“, bisweilen zu anderen halachischen Ent­ scheidungen gekommen war. Für die Hand des Laien hat der ungarische Talmud- ist Salomo Ganzfricd (1804-1886) einen Abriß herausgegeben, den Kizzur (,,Kleiner“) Schulchan Aruch. Zu Anfang dieses Jahrhunderts hat es weitere Versuche gegeben, die Tora zu kodifizieren u.a. auch durch Erfassung der Rcsponscn - gemeint sind die „Fragen und Antworten“ zu halachischen Fragen - mit Hilfe elektronischer Datenbanken. Neben dieser noch dynamisch fortschreitenden Tora gibt es einen Komplex von 613 verbindlichen Religionsvcrpflichtungcn, der sogenannte Tarjag Miz­ wot. Tarjag ist ein mnemotechnisches Akronym, gebildet aus den hebr. Buch­ staben Tav, Resch, Jod und Gimmel, welche zusammen den Zahlen wert 613 ergeben. Diese Mizwot werden seit der Spätantike gewissermaßen als Grund­ artikel des Sinaibundes verstanden. Von Rabbi Simlai (3. Jh.) wird im Talmud­ traktat Makkot („Schläge“) 23b der Ausspruch überliefert: „613 Mizwot sind dem Mose offenbart worden, 365 Verbote, gleich der Anzahl der Tage des Son­ nenjahres, und 248 Gebote, gleich der Anzahl der Glieder des menschlichen Körpers.“ Der berühmte babylonische Gelehrte Rah (ca. 175-247), Gründer der Akademie von Sura, hatte die Ansicht vertreten, daß diese Mizwot „nur gegeben seien, damit der Mensch durch sic verbessert (oder: verfeinert] wer­ de“ (Genesis Rabba 44,1). Ähnlich sollte auch Maimonides urteilen, wenn er in seinem Führer der Unschlüssigen schreibt, daß das Wohlergehen von Seele und Körper das generelle Ziel der Mizwot sei. Es gehe zum einen darum, den Menschen die richtigen Anschauungen zu vermitteln, zum andern um eine För­ derung der richtigen sozialen Beziehungen (III, Kap. 27). Die Nähe zur Ethik ist offensichtlich. Zwischen den Mizwot und dem Lohn bzw. der Strafe nach dem Leben wird bisweilen ein Zusammenhang gesehen. Aber Pirkc Avot II, 1 hält dem warnend cntgcgen:„du kennst nicht die Lohnesgabc für die Mizwot“. Dennoch scheint die Meinung im Talmud zu sein, daß man bei der Ausübung einer Mizwa vor Leiden geschützt ist (Sotah [„dieAbweichende“! 21a). Allgemein gilt, daß man sich immer mit Tora und Mizwot beschäftigen soll, und selbst dann, wenn cs nicht um ihrer selbst willen, sondern für einen guten Zweck geschieht, so ist die Ausführung letztlich doch um ihrer selbst willen (Pcsachim („Passaopfcr“] 50b). 2 Westarp Science - Fachverlage
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