Religiöses Denken im Judentum III - 2.3
III - 2.3 Religiöses Denken im Judentum
Auch wenn es richtig ist, daß das rabbinische Judentum sich mehr mit den von
der göttlichen Willensoffenbarung herkommenden Handlungsorientierungen
beschäftigt und versucht hat, diese in Normen und Gesetze umzusetzen, so ging
das - wie oben gezeigt wurde - nicht völlig ohne bestimmte theologische Refle
xionen. Bestimmte kognitive Voraussetzungen mußten formuliert werden und
immer von neuem im Wandel der Zeit durchdacht werden! Fragen nach der
Natur, Person und Manifestation Gottes, nach der Beziehung zwischen Gott und
Geschichte, über das Böse und die Willensfreiheit des Menschen oder nach der
Erlösung und der damit verbundenen Eschatologie verlangten eine Antwort.
Nur hat die klassische Tradition hierin eher ein zweitrangiges Unternehmen
gesehen, das auf keinen Fall - wie im Christentum etwa - Anlaß zur Dogmen
bildung gab. Das wurde allerdings in der Auseinandersetzung mit dem Christen
tum, dem Islam - und hier war es vor allem die Theologie des Kalam - und dem
Karäcrtum anders: Philosophie und Theologie wurden im Mittelalter zu notwen
digen Instrumenten der Verteidigung. Gegenüber den Karäern - der Name ist
wohl von Karaim, „Leser [der Schrift]“, nämlich der Bibel, abzulciten -, welche
Mischna und Talmud ablehnen, mußte die Legitimität des „rabbanitischen“ Ju
dentums bewiesen werden. Die Anfänge dieses Judaismus sind noch nicht ge
klärt, doch steht fest, daß das Karäertum nach dem Auftreten ihres Reformators
Anan ben David im Bagdad des 8. Jh. im islamischen Raum einen großen Auf
schwung erlebte. Auch die Kabbala oder Mystik trug im Mittelalter nicht wenig
bei zu einem erweiterten Umgang mit der „dualen Tora“, wurde doch gegen Ende
des 13. Jh. der Sohar (Buch vom „Glanz“) verfaßt, welcher bei den Anhängern
der Kabbala bis heute kanonische Autorität genießt.
Aber die wichtigste Gestalt war der große Rambam - Akronym für Mosche ben
Maimon, latinisiert Moses Maimonides (1135-1204) -, „der das Recht und die
Theologie des Judentums in einer systematischen und zutiefst philosophischen
Weise neu formulierte“ (Neusner, 1997, S. 600). Sein rcligionsphilosophischcs
Hauptwerk, der More Newuchim („Führerdcr Unschlüssigen“), zwischen 1190
und 1200 in arabischer Sprache verfaßt, beschreibt die Synthese von rationaler
und intuitiver Erkenntnis, die notwendig ist, wenn aus der theoretischen Wahr
heit die vollkommene Erkenntnis Gottes werden soll. Maimonides war auch der
erste, der die drei „Essentials“ des Judentums: Gott, Tora und Volk - diesem wird
das Individuum untergeordnet - im Rahmen seiner Dreizehn Glaubensgrundsätze
formulierte.
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 1
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III - 2.3 Religiöses Denken im Judentum
Abbildung 1: Die religiöse Literatur des Judentums
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Westarp Science - Fachverlage
Nach einer Abbildung von H.-J. Loth, Judentum, Göttingen 1989
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Der vollständige Artikel umfasst 6 Seiten
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