Die heiligen Schriften des Judentums III - 2.2
III - 2.2. Die heiligen Schriften des Judentums
Die im folgenden angeführten Schriftzeugnisse sind nicht „heilige“ im allge
mein üblichen Sinne, sondern wichtige und grundlegende Schriften, auf denen
die Halacha als Movens jüdischer Geistcskultur ruht. Unter Halacha, „Wan
deln“, versteht man die das jüdische Leben bestimmenden Normen und Geset
ze, die zusammen eine Rechtsordnung ergeben, welche von spezifischen, für
möglichst alle Einzelfälle im menschlichen Leben gesetzlich geregelten Tatbe
ständen ausgeht. Judentum ist somit aus religionssoziologischer Sicht zunächst
erst einmal als ein Ordnungssystem anzusprechen, durch das Wirklichkeit kon
stituiert wird. Da aber hinter göttlichen Normen und Gesetzen theologische
Grundentscheidungen und Reflexionen stehen, finden sich in der rabbinischcn
Literatur auch solche, die unter der Bezeichnung Haggada, „Erzähltes“, zu
sammengefaßt werden. Die Geschichte des jüdischen Volkes und seiner Geistes
kultur ist untrennbar mit seinen hierarchisch aufbauenden Schriftzeugnissen
verknüpft.
III - 2.2.1 Bibel und schriftliche Tora
Das Wort ist vom griechischen Wort biblia abgeleitet, welches genau dem he
bräischen Ha-Sefarim, „die Bücher“, entspricht. Andere Bezeichnungen sind:
Sifre ha-Kodäsch, „die heiligen Bücher“, oder Kitve ha-Kodäsch, „die heiligen
Schriften“, oder auch nur Mikra, „Lesung“. Die Bezeichnung „Altes Testa
ment“ ist dagegen eine rein christliche Terminologie, welche eine Fortschrei
bung, eben das „Neue Testament“, voraussetzt. Aus jüdischer Sicht bedarf je
doch die hebräische Bibel - nur Jer. 10,11, Dan. 2,46-7,25 und Esra 4,8-6,18
sowie 7,12-26 sind in aramäischer Sprache verfaßt - keiner Fortsetzung oder
Ergänzung.
Man geht heute davon aus, daß ursprünglich die Lehre des Mose mündlich
tradiert wurde; erst das Dcuteronium steht für den Übergang zur schriftlichen
Fixierung der Tora. Dennoch ist wohl davon auszugehen, daß bereits im 8. Jh.
v. Chr. sowohl Jesaja als auch Hosea eine schriftliche Form der Tora gekannt
haben. Die Festlegung des normativen Kanons der 24 Bücher verlief über ei
nen längeren Zeitraum. Erst um 90 n.Chr. kam es in Yavne diesbezüglich zu
einem vorläufigen Abschluß, der Mitte des 2. Jh. mit der Beendigung der Dis
kussionen über den Umfang der Hagiographen endgültig werden sollte. Da
nach besteht der Kanon aus drei Teilen:
• Tora oder Pentateuch,
• Neviim oder Propheten und
• Ketuvim oder Schriften (Hagiographen).
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 1
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III - 2.2.1 Bibel und schriftliche Tora
Aus den drei Anfangskonsonaten wird das beliebte Akronym (Buchstaben wort)
Tenach gebildet, welches für die hebräische Bibel steht.
Der Tenach steht für die göttliche Offenbarung in endgültiger schriftlicher Form.
Im Glauben des traditionellen Judentums besteht auch kein Zweifel darüber,
daß die Tora einer einmaligen Offenbarung entstammt - im Sinne einer verba
len Inspiration! Nach einigen rabbinischen Aussagen wird die Präexistenz der
Tora vor der Schöpfung der Welt gelehrt. Als göttliches Wort ist sic auf jeden
Fall von ewiger Dauer.
Da aber das Hebräische eine Konsonantenschrift ist, bedurften die heiligen
Schriften nicht nur der endgültigen Festlegung der Konsonanten selbst, son
dern vor allem auch ihrer Vokalisation und Akzentuation, welche wichtig sind
für die Kantillation oder liturgischen Sprechgesang (siehe III - 3.1.3). Aller
dings befinden sich die Akzente nur in gedruckten Bibeln und nicht in den
Rollen, die bei der Toralesung benutzt werden, weshalb der Vorleser die
Kantillation erlernt haben muß. Die endgültige Festlegung von Vokalen und
Akzenten, dieA/owra, „Überlieferung“, war das Werk der masoretischen Schule
von Tiberias im 9. und 10. Jh. Auf Empfehlung von Moses Maimonides (1135-
1204) gilt als autoritativ der von Aaron Ben Ascher aus dem Jahre 930 stam
mende Text. Obgleich die Akzente allgemein akzeptiert werden, so gibt es den
noch Unterschiede im Kantillieren der Bibel, die abhängig sind von der
aschkenasischen, sephardischen oder orientalischen Herkunft der jeweiligen
Gemeinde.
Der Tenach ist überwiegend als ein Bericht über religiöse Erfahrungen zu ver
stehen. Er enthält sehr wenig an theologischer Reflexion, allenfalls kann von
solchen in Hinblick auf die Ketuvim oder Hagiographen gesprochen werden.
Dieser Komplex umfaßt so unterschiedliche Bücher wie die Psalmen und Kla
gelieder, aber auch das Hohelied und die Weisheitsliteratur wie die Sprüche
Salomos, Hiob und Prediger Salomo und schließlich die historischen Bücher
Ruth, 1. und 2. Chronik, Esther, Esra, Nehmia und das Buch Daniel. Erst hier
begegnen wir dem menschlichen Nachdenken in Relation zu Gott, u.a. auch
der Frage derThcodizee. Was die Prophetenbücher angeht, so ist wohl aus christ
licher Sicht der ethische Ansatz des prophetischen Anliegens überbetont wor
den; das gilt auch hinsichtlich der Kultkritik, welche sie aus christlicher Sicht
vielfach als Gegner des Tempclrituals erscheinen läßt. Dagegen ist wohl eher
davon ausgehen, daß die Kompetenz des Propheten im rituellen Kontext zu
sehen ist.
Es ist nun der Pentateuch, welcher maßgeblich ist für den gesetzgeberischen
Teil jüdischer Religiosität. In diesem Sinne ist der Pentateuch Tora, „Erziehung“
oder „Lehre“. Die Übersetzung als „Gesetz“ folgt der griechischen Wiedergabe
nomos, die ihrerseits zum Mißverständnis beitrug, die Tora sei Gesetz im abend
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