Ev.-Luth. BrüdErgEmEinschaftEn dEr dEutschEn aus russLand II - 6.2.7
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen | 73. EL 2022 1
Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit den „Evangelisch-Lutherischen
Brüdergemeinschaften der Deutschen aus Russland“, einer russlanddeut-
schen Glaubensgemeinschaft, deren Entstehung und Entwicklung eng mit
der Geschichte der sog. Aussiedler bzw. Spätaussiedler aus der ehem. Union
der Sozialistischen Sowjetrepubliken zusammenhängt. Über zwei Jahrhun-
derte hinweg verfestigte sich eine ethnoreligiöse Identität unter den russ-
landdeutschen Siedlern. Sie ist zweifelsfrei ein Produkt der wechselvollen
Geschichte der ethnisch-deutschen Minderheit im Zarismus, Leninismus und
Stalinismus. Kollektivierungen des Eigentums, staatliche Repressionen und
gewalttätige Deportationen sind nur einige Beispiele, die Auswirkungen auf
die (religiöse) Identität der deutschen Minderheit in Russland hatten. In der
deutschen Öffentlichkeit werden vor allem die russlanddeutschen (evange-
likalen) Freikirchen (Baptisten, Mennoniten, Pfingstkirchen) als besonders
aktiv wahrgenommen, während die sogenannten (innerkirchlichen) „Evan-
gelisch-Lutherischen Brüdergemeinschaften“, die ebenso Teil des deutschen
Evangelikalismus sind, völlig unbekannt sind. Dieser Beitrag möchte dahin
gehend Abhilfe schaffen und die Entstehung, Entwicklung sowie das beson-
dere Profil dieser russlanddeutschen Glaubensgemeinschaft nachzeichnen.
Schlagwörter
Russland, Siedlungen, Russlanddeutsche, Deportation, Pietismus, Evange-
lisch-Lutherische Kirche in Russland, Union der Sozialistischen Sowjetre-
publiken, Bundesrepublik Deutschland, Evangelisch-Lutherische Brüder-
gemeinschaften
II - 6.2.7 D ie Evangelisch-Lutherischen Brüdergemein-
s chaften der Deutschen aus Russland
[Lutheran Brethren Fellowship Groups of
G ermans in Russia]
Eduard fErdErEr
Submitted March 05, 2022, and accepted for publication June 10, 2022
Editor: Udo Tworuschka
--- Seite 1 Ende ---
II - 6.2.7 E v.-Luth. BrüdErgEmEinschaftEn dEr dEutschEn aus russLand
2
© Westarp Science Fachverlag
Summary
This article deals with the „Lutheran Brethren Fellowship Groups of Ger-
mans in Russia“, a Russian-German faith community closely linked in its
origin and development with the history of ethnic German immigrants and
so-called “late-immigrants” from the former Soviet Union. Over the course
of 200 years an ethno-religious identity formed among Russian-German
settlers. It is undoubtedly a product of the tumultuous history of an ethnic
German minority in the Czarist, Leninist, and Stalinist periods. Collectiviza-
tions of property, state repressions, and forced deportations are only some
of the things that affected the (religious) identity of the German minority
in Russia. Among the German public, the activity of the Russian German
(evangelical) free churches (Baptists, Mennonites, Pentecostals) tends to be
noticed, while the so-called inner-mainline Lutheran group of the „Lutheran
Brethren Fellowship Groups“ is largely unknown. This article intends to
remedy this by tracing the origin, development, and the specific profile of
this Russian-German faith community.
Keywords
Russia, Settlements, Russian-Germans, Deportation, Pietism, Lutheran
Church in Russia, Soviet Union, Federal Republic of Germany, Evangelical-
Lutheran Brethren Fellowship Groups
1 Historischer Kontext
Bereits im 17. Jahrhundert wurden deutsche Handwerker, Bauleute, Architek- ten, Ärzte, Verwaltungsfachleute und auch Soldaten angeworben, um die rus- sischen Expansions- und Modernisierungsbestrebungen zu unterstützen. Das Deutschtum auf russischem Boden entfaltete unter Zar Peter I . dem Großen
(1672‒1725) erste „Infrastrukturen“ und Netzwerke.
Zu systematischen Einwanderungs- und Ansiedlungswellen deutscher Siedler
kam es in der zweiten Hälfte des 18. J ahrhunderts auf Einladung der Zarin
Katharina II. (1729‒1796), einer deutschen Prinzessin aus dem Fürstenhaus
Anhalt-Zerbst, und ihres Enkels Alexander I. (1777‒1825). Mit ihrem „Mani-
fest über die Berufung ausländischer Kolonisten nach Russland“ vom 22. Juli
1763 löste Katharina I I. eine deutsche Einwanderungswelle aus. Den verarm-
ten, mittellosen deutschen Bauern und religiösen Minderheiten (vor allem
Mennoniten), die sich in Wolhynien, der Ukraine, im Schwarzmeergebiet und
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 14 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 14 Seiten