II - 5.8

Zeugen Jehovas

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Zeugen Jehovas II - 5.8 II - 5.8 Zeugen Jehovas Von Peter Noss Geschichte Der in Pennsylvania/USA in der Tradition der Presbyterianischen Kirche auf­ gewachsene und als Vierzehnjähriger zur Kongregationalistenkirche gewech­ selte Kaufmann Charles Taze Russell (16.2.1852-31.10.1916) widmete sich ca. 1870 mit Gleichgesinnten in Allegheny dem intensiven Bibelstudium. Man stand unter dem Einfluß einer Adventisten-Splittergruppe unter Nelson H. Barbour, die für das Jahr 1884/85 die Wiederkunft Christi erwartete. Aus den anfänglich ca. 30 Personen wurde die Bewegung der „Ernsten Bibelforscher“. Ab 1876 bezeichnete sich Rüssel als „Pastor“, 1877 erschien das mit Barbour gemeinsam verfaßte Buch „Drei Welten oder Plan der Erlösung“; doch trennte sich Rüssel 1879 von Barbour. Seit Juli 1879 gab Russell die Zeitschrift „Zion's Watch Tower and Herald of Christ's Presence“ heraus (die Bezeichnung „Wacht­ turm“ bezieht sich auf Habakuk 2,1) und gründete 1881 die „Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania“; 1884 wurden ihr die Rechte einer nichtkommerziellen religiösen Körperschaft zuerkannt. 1913 kam es in Lon­ don zur Gründung der internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher. Russell meinte, der Untergang der „bösen Welt“ sei am „Ende der Zeiten der Nationen, im Oktober 1914, fällig“. Seine Nachfolger Joseph Franklin Rutherford (8.11.1869-1942, Vorsitzender 1917-42) und Nathan H. Knorr (1905-1977, Vorsitzender 1942-77) legten den Termin für die Wiederkunft Christi auf die Jahre 1925 bzw. 1975. Rutherford, von Beruf Jurist und familiär geprägt durch eine strenge baptistische Tradition, machte aus der Bewegung eine zentrali­ stisch geführte, gesellschafts- und kirchenkritische Gemeinschaft. Nachfolger Knorrs wurde Frederick W. Franz (1893-1992); seitdem ist Milton G. Henschel Präsident. Das Scheitern der Berechnungen und der Tod der jeweiligen Vorsit­ zenden waren Auslöser von Krisen innerhalb der Gemeinschaft. Bereits 1885 waren erste Schriften Russells in deutscher Sprache erschienen, doch begann erst 1896 die Tätigkeit durch Auswanderer, die aus Amerika als „Ernste Bibelforscher“ zurückgekehrt waren. Rüssel hielt ab 1891 Vorträge in Großbritannien, Rußland, der Türkei und Deutschland. Man gründete 1897 ein Depot mit Literatur in Berlin (ab 1899 in Bremen) und gab eine deutsche Fas­ sung der Zeitschrift „Zions Wacht Turm und Verkünder der Gegenwart Chri­ sti“ heraus. 1903 entstand ein Büro der Religionsgemeinschaft in Wuppertal- Elberfeld (Leitung: Otto Albert Koetitz), wo 1908 die erste Zentrale eröffnet wurde. 1918 gab es ca. 5.500 „Verkündiger“ in Deutschland. Wegen ihres Pa­ Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 6. EL 2002 1 --- Seite 1 Ende --- II - 5.8 Zeugen Jehovas zifismus gerieten die Bibelforscher während des 1. Weltkrieges unter Druck; in den USA wurde das Leitungsgremium um Rutherford angeklagt und zu mehr­ jährigen Gefängnisstrafen verurteilt, doch nach dem Krieg wieder entlassen. 1921 erhielt der deutsche Zweig die Anerkennung als rechtsfähige Gemein­ schaft, 1922 wurde ihre Gemeinnützigkeit förmlich anerkannt. 1923 wurde der Hauptsitz der ab 1926 so bezeichneten „Internationalen Bibelforscher-Verei- nigung, Deutscher Zweig“ nach Magdeburg verlegt. In den 20er Jahren war der Kieler Werftarbeiter Paul Balzereit (geboren 1885) Leiter der Bewegung. Auf Anordnung des Reichspräsidenten von 1924 wurde sie unter Einbezie­ hung von Behörden und Einrichtungen der Evangelischen Kirche beobachtet. In einzelnen Ländern kam es zu Verboten bzw. Beschränkungen ihrer Missions­ tätigkeit. Seit 1931 führt die Gemeinschaft den Namen „Jehovas Zeugen“: Diese Bezeichnung wird auf Jesaja 43,12 zurückgeführt und bezieht sich auf eine nach der Gottesbezeichnung Elohim (hebräisch) vokalisierte Lesart des Gottes­ namens JHWH (J E H°WH). Seit der Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten wurde die Tätig­ keit der Zeugen Jehovas (= ZJ) verboten: in Bayern bereits am 14. April 1933, in Baden am 15. Mai, in Preußen am 24. Juni und nochmals am 1. April 1935 auf Weisung des Innenministers. Die endgültige Auflösung erfolgte am 27. April 1935. Evangelische und Katholische Kirchen befürworteten die staatlichen Maßnahmen. Im Gegenzug trafen die ZJ Absprachen über die illegale Fortset­ zung ihrer Tätigkeiten (erstmals auf dem Baseler Kongreß vom 7- bis 9. Sep­ tember 1934). Von den etwa 25.000 Anhängern wurden seit 1933 ca. 10.000 unterschiedlich lange inhaftiert. Die Festnahmen erfolgten u.a. wegen der Her­ stellung und Verbreitung von Schriften, der Organisation von Versammlungen, der Missionierung oder der Teilnahmeverweigerung bei Wahlen. 2.000 ZJ ka­ men in Konzentrationslager, wo ca. 1.200 starben bzw. ermordet wurden, dazu 500 ausländische ZJ; 250 Häftlinge wurden als Kriegsdienstverweigerer hin­ gerichtet. In einigen der Frauen-KZ waren die ZJ die größte Häftlingsgruppe. Während der Kriegsjahre veränderte sich die Zusammensetzung der Häftlinge in den Lagern; die übergroße Mehrzahl kam aus dem Ausland, was indirekt zu einer Verbesserung der Stellung der ZJ in der Lagerhierarchie führte. Erst seit den 90er Jahren hat sich die Geschichtswissenschaft der Erforschung der Geschichte der ZJ in den Jahren seit 1933 zugewandt; das gilt auch für die Situation in der DDR. Umstritten ist, ob der Widerstand der ZJ gegen den Na­ tionalsozialismus von Beginn an konsequent war: Dies betrifft v.a. eine am 25. Juni 1933 auf einer Großversammlung in Berlin-Wilmersdorf (ca. 5.000-7.000 Teilnehmende) abgegebene Erklärung, nach der die „Organisation... keineswegs 2 Westarp Science - Fachverlage
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