Christliche Wissenschaft (Kirche Christi, Wissenschafter) II - 5.3
II - 5.3 Christliche Wissenschaft (Kirche Christi, Wissenschafter)
Von Michael Klöcker
In Lehre und Praxis beruft sich diese Kirche aufA/ary Baker Eddy (1821-1910),
die in New Hampshirc/USA in einer calvinistisch geprägten Umgebung auf
wuchs; nach dem Tod des ersten Mannes endete ihre zweite Ehe unglücklich.
Ihre Kränklichkeit öffnete ihr den Blick für Heilung durch Religiosität. 1866
wurde sie nach einem schweren Unfall durch das Lesen eines Heilungsberichtes
von Jesus in der Bibel augenblicklich geheilt. Diese Erfahrung führte sie zu
einer praxisorientierten Interpretation der Bibel, die das Heiligungswirken zu
allen biblischen Zeiten, aber besonders das Werk Jesu Christi zur Grundlage
machte. Die 1879 von fünfzehn Schülern im Auftrag von Eddy gegründete
Kirche hat den ausgewiesenen Zweck, „die Worte und Werke unseres Meisters
in Erinnerung zu bringen und dadurch das ursprüngliche Christentum und sein
verlorcngegangcnes Element des Heilens wiedereinzuführen“ (Handbuch Der
Mutterkirche).
Gegenüber religionsgcschichtlichcn Einordnungen in die sog. „Neugeist-Be
wegung“ betonen die Christlichen Wissenschafter die Eigenständigkeit ihrer
Lehre. Eddy habe zwar Kontakt zu dem bekannten „mental healer“ P. P. Quimby
gehabt, der sic 1862 auch - vorübergehend - geheilt habe; aber die Wege hätten
sich danach trennen müssen angesichts der von Eddy betonten christlichen
Umwandlung und Wiedergeburt unter Gottes Hand.
Die ältere Bezeichnung der Christlichen Wissenschafter als „Sc(z)icntistcn“
wird heute nicht mehr benutzt; durch sic droht zudem die Verwechslung mit
„Scientology“.
Lehre
Die Lehre der Kirche bzw. der Christlichen Wissenschaft ist vollständig in Eddys
Hauptwerk „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“
(1875), dem theologischen Lehrbuch der Kirche, dargcstcllt. Bibel und Lehr
buch bilden zusammen den „unpersönlichen Pastor“ der Kirche; Fundament ist
dabei das inspirierte Wort der Bibel.
Von der „Allheit und Gutheit Gottes“ wird ausgegangen, der als geistiges, im
materielles und unendliches Wesen verstanden wird, nennbar und verstehbar in
Begriffen wie Geist, Wahrheit, Liebe, Gemüt, Seele, Prinzip, Leben (die ersten
drei Synonyme für Gott sind direkt aus der Bibel genommene Namen Gottes,
während die letzteren lt. Eddy aus der Bibel herleitbar sind). Alles materiell
irdische wird als „unwirklich“ verstanden: letztlich vor Gott, der Geist ist, eine
Fälschung der vollkommenen Schöpfung (Bezugnahme auf 1 Mose 1,1-2,4:
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 1
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II - 5.3 Christliche Wissenschaft (Kirche Christi, Wissenschafter)
verstanden als „geistiger Schöpfungsbericht“), ein Irrtum oder Adam-Traum,
aus dem es durch die erlösende Macht des Christus (= vollkommene und immer
gegenwärtige Idee Gottes, am besten verkörpert in Jesus) zu erwachen gilt.
In der religiösen Praxis spielt die Heilung von Sünde, Krankheit und Begren
zung eine bedeutende Rolle: als Beweis der befreienden Macht Gottes, als „Ab
legen des alten Menschen“ (Paulus) und schrittweiser Prozeß der Umwandlung
oder Wiedergeburt.
Organisation - Verbreitung
In der „Mutterkirche“ in Boston (Massachusetts) werden Amtsinhaber von ei
nem fünfköpfigen Direktorium ernannt. In den Zweigkirchen bzw. Gemeinden
werden dagegen die Ämter durch Gemeindewahlen besetzt. Die Mutterkirche
unterhält Einrichtungen von gesamtkirchlichem Interesse einschließlich eines
Verlages. Mary Baker Eddy gründete neben drei noch heute bestehenden reli
giösen Zeitschriften 1908 die Tageszeitung „Thc Christian Science Monitor“,
die anhaltend international hohes Ansehen genießt und erst kürzlich (1996)
ihren sechsten Pulitzerpreis erhalten hat.
Weltweit gibt es heute mehr als 2.500 Zweigkirchen und Vereinigungen, über
200 Hochschulvereinigungen in mehr als 60 Ländern aller Kontinente. In
Deutschland entstanden um die Jahrhundertwende die ersten Gemeinden; erst
in den 1920er Jahren wuchs die Kirche beträchtlich, die dann 1941 von den
Nationalsozialisten verboten wurde. In der DDR wurde sie 1951 verboten, erst
1989 wieder zugelassen. Zur Zeit gibt es in der Bundesrepublik ca. 100 Ge
meinden, 5 Hochschulvereinigungen sowie eine Reihe inoffizieller Gruppen,
insgesamt an die 100 Ausüber. Mitgliederzahlen werden nicht bekanntgegeben.
In Bayern, Hamburg, Niedersachsen und Berlin ist die Kirche als Körperschaft
des öffentlichen Rechts anerkannt.
Relig ionsausÜbung
Den Stand eines Berufsgeistlichen gibt es in dieser Laienkirche nicht. Die Kir
che wird betrachtet als Unterstützung der aktiven Möglichkeit, das erlösende
und heilende Element des Christentums nicht nur zu leben, sondern mit allen
Menschen zu teilen. Die Gemeinden haben jeweils einen öffentlichen Lese
raum. Im Mittelpunkt der sonntäglichen Gottesdienste der Gemeinde stehen -
in der Woche vorher täglich zu studierende - „Bibellektionen“, wöchentlich
wechselnde Zusammenstellungen von Bibeltextcn und entsprechenden Abschnit
ten aus „Wissenschaft und Gesundheit“ (von zwei Personen verlesen; außer
dem umfaßt der Gottesdienst: Gemeindegesang, Gebet, zusätzliche Bibeltexte,
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Der vollständige Artikel umfasst 4 Seiten
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