Christl. Glaubensgemeinschaften ausserhalb der Grosskirchen II - 5.1
II - 5 Christliche Glaubensgemeinschaften außerhalb der
Großkirchen
II - 5.1 Die Christengemeinschaft
Von Udo Tworuschka
Die von dem Berliner Pfarrer und Rudolf-Steiner-Schüler Friedrich Rittelmeyer
(1872-1938) gegründete Gemeinschaft tritt programmatisch für die „Erneuerung
des Christentums“ ein. Sie lehrt „die Christus-Taf ‘ als „das entscheidende Mit
telpunkts-Ereignis der Menschheitsgeschichte“. Seit ihrer Entstehung (1922)
durch Friedrich Rittelmeyer und 44 weitere Priester versteht sich die Christen
gemeinschaft als „selbständige christliche Kirche“. Sie weiß sich auf die religiö
se Autorität der Bibel gegründet. Die Christengemeinschaft steht positiv zur
„Basisformel“ des Ökumenischen Rates der Kirchen, ohne bislang einen
Aufnahmeantrag gestellt zu haben: „Der ÖRK ist eine Gemeinschaft von Kir
chen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und
Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen
sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“.
Von Rudolf Steiner empfing die Gemeinschaft entscheidende Ratschläge und
Hilfe für ihre Gründung. Zunächst breitete sie sich in den deutschsprachigen
Ländern aus. Sie wurde 1941 durch die Nazis verboten, viele Pfarrer wurden
inhaftiert und in KZs gebracht. Der Wiederaufbau nach 1945 brachte eine welt
weite Ausdehnung mit sich (neben den deutschen „Regionen“ folgende weitere
mit insgesamt 142 Gemeinden: Australien/Neuseeland, Frankreich, Großbritan-
nien/Irland, Niederlande/Belgien, USA, Österreich, Osteuropa, Schweiz, Skan
dinavien, Südafrika/Namibia, Südamerika).
In der Bundesrepublik Deutschland ist die Christengemeinschaft eine „Körper
schaft des Öffentlichen Rechtes“. Weltweit ist sie in der „Foundation The Chri
stian Community (international)“ zusammengefaßt.
An der Leitungsspitze steht der „Erzoberlenker“ (z. Zt. Taco Bay), der zusammen
mit den zwei „Oberlenkern“ ein ständiges Führungsorgan in Stuttgart bildet.
Daneben besteht der „Siebenerkreis“ (zusammengesetzt aus Erzoberlenker, zwei
Oberlenkem, vier „Lenkern“), der zum Beispiel über die Zulassung zur Priester
weihe zu entscheiden hat.
Die derzeit 140 Gemeinden in den sechs deutschen „Regionen“ (Baden, Bayern,
Hessen, Norddeutschland, Rhein-Ruhr, Ostdeutschland, Schwaben) werden ent
sprechend von sechs „Lenkern“ koordiniert.
Die Priester (bzw. Pfarrer), die Lehr- und Verkündigungsfreiheit besitzen und die
durch ein Gelübde an die liturgische Ordnung gebunden sind, gestalten mit
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 6. EL 2002 1
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II - 5.1 C hristl. Glaubensgemeinschaften ausserhalb der Grosskirchen
ihren Gemeindegliedem das Gemeindeleben autonom. Die im Mittelpunkt ste
hende Bibel (vor allem deren neutestamentlicher Teil) wird von den einzelnen
Pfarrern und Mitgliedern der Christengemeinschaft in aller Freiheit ausgelegt,
die „freilich im Rahmen der dem Kultus (einschließlich des Bekenntnisses) inhä
renten Glaubenswahrheiten zu verstehen ist” (Evang. Kirche und Christen
gemeinschaft).
Die anthroposophische Lehre ist für die Christengemeinschaft nicht verbind
lich. Auch dürfen anthroposophisch orientierte Gemeinschaften („Anthro
posophische Gesellschaft“, Waldorfschulen usw.) nicht mit der Christen
gemeinschaft identifiziert werden. Die Anthroposophie wird jedoch insbesondere
für Fragen der Christologie, Anthropologie (Offenheit für den Reinkarna
tionsgedanken) und Kosmologie als bedeutende Erkenntnishilfe betrachtet.
Herzstück der Christengemeinschaft ist nicht die „Lehre“ (es gibt ein aus zwölf
Sätzen bestehendes Bekenntnis, das der Heranwachsende durch Hören inner
halb der Menschen-Weihehandlung kennenlemt), sondern die kultische Praxis
(in erster Linie die Sakramente). Die Gemeinschaft feiert wie die römisch-katholi
sche und orthodoxe Kirche sieben Sakramente: (Neugeborenen)-Taufe, Konfir
mation (Firmung), Beichte (Schicksalsberatung), Trauung, Priesterweihe (auch
für Frauen), Letzte Ölung (Sterbesakrament) und Menschenweihehandlung.
Mittelpunkt des Gottesdienstes ist die in den meisten Gemeinden vom Priester
täglich (für die übrige Gemeinde sonntäglich) zelebrierte „Menschenweihe
handlung“. Der Ritus entspricht der Messe in der römisch-katholischen Kirche
(Opferfeier). Er wird von dem Weiheträger - dem Priester oder der Priesterin- im
Beisein der schweigend-andächtigen Gemeinde im Zusammenwirken mit zwei
Ministranten ausgeführt. Die Handlung besteht aus vier Hauptteilen: Verkündi
gung, Opferung (keine Wiederholung des Golgatha-Opfers, keine Hinzufügung),
Wandlung (als erinnernde Vergegenwärtigung im Verkündigen der Einsetzungs
worte), Kommunion (in beiderlei Gestalt: Brot und Wein). „Nicht der Mensch,
sondern Gott steht im Mittelpunkt der Menschen-Weihehandlung. Zu ihm und
zu Christus wird gebetet“ (von Wistinghausen). Die Priester der Christenge
meinschaft erhalten ihre Ausbildung in eigenen Hochschulen (Freie Hochschu
le der Christengemeinschaft. Priesterseminar, Spittlerstraße 15, 70190 Stuttgart,
Tel.: 0711/166830, Fax: 0711/166824). Ein zweites Priesterseminar wird am 16.09.2001
in Hamburg seinen Lehrbetrieb aufnehmen (Johnsallee 17, 20148 Hamburg).
Schwerpunkt der Christengemeinschaft ist Deutschland. Die Zahl der Mitglieder
wird weltweit mit ca. 20.000 angegeben (Deutschland: rund 10.000). Hinzu kommt
jeweils etwa die vierfache Zahl an „Freunden“. Die Gemeinschaft finanziert sich
aus freiwilligen Spenden. Auch die Mittel für die „Regionen“, die zentrale Füh
rung, die Freie Hochschule der Christengemeinschaft, die vielfältige Sozialarbeit
(Alters-, Pflegeheime, Kindergärten und besonders profiliert Kinder- und Jugend-
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Der vollständige Artikel umfasst 3 Seiten
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