II - 4.2.16

Intermonastischer Dialog: Anfänge und Entwicklung

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Intermonastischer Dialog II - 4.2.16 II - 4.2.16 Intermonastischer Dialog: Anfänge und Entwicklung Von Simon Tonini 1. Einführung 1 Infolge des 2. Weltkrieges gab es eine drastische Veränderung der geopolitischen Weltkarte, eine Veränderung, die sich auf die kulturellen und religiösen Beziehun­ gen und Situationen ausgewirkt hat und noch auswirkt. Das Ende der politischen Dominanz des Westens bezeichnete das neue Interesse an antiken Kulturen, und die neuen Staaten sind sich mit Stolz ihres Erbes bewußt geworden. Die katholische Kirche, weltumspannend nicht nur von Berufung, sondern auch durch ihre Anwesenheit in jeder Ecke des Erdballs, konnte einfach nicht umhin, von dieser ungeheuren Neuheit der jetzigen Zeit 2 Kenntnis zu nehmen. „Das Ökumenische Konzil“, darüber hinaus, „gab einen grundlegenden Anstoß zur Formung des kirchlichen Selbstverständnisses durch die Konfrontation mit einer Sicht der Erdkugel als einer Landkarte der verschiedenen Religionen. 3 Dieses Selbstverständnis besteht in dem, was sie als ihre Bestimmung und Mis­ sion in der Gesamtheit des Mysteriums Christi und dem Wirken des Heiligen Geistes wahmimmt. Mit wachsender Klarheit versteht sie, daß ein grundlegender Teil ihrer Existenz darin liegt, „in Dialog zu sein“, weil sie das Sakrament des Dialogs Gottes mit den Menschen in Jesus Christus ist. Wenn sie deshalb ihre Aufmerksamkeit auf jene ,unzählbare Menge 4 der Nicht-Christen richtet, um mit ihnen in Dialog zu treten, dann vertieft sie das Bewußtsein ihres Wesens und ihrer Sendung. 4 Interreligiöser Dialog ist damit nicht eine Art Hilfsmittel für Bekehrungsversuche, entsprechend der veränderten Situation, in der sich die Kirche befindet, sondern ist das Ergebnis eines tieferen Verständnisses ihrer selbst und einer erneuerten Treue gegenüber ihrem Herrn. Sicherlich ist dies etwas Neues in der Kirche: Viele Jahrhunderte hindurch war die Christenheit fast eine geographische Wesenheit geworden. Die Reise be­ ginnt gerade erst, aber der Geist fuhrt sie zu neuen Sichtweisen und Erfahrun­ gen. Das Gebetstreffen in Assisi am 27. Oktober 1986 war ein außergewöhnli­ ches prophetisches Zeichen, bedeutungs- und folgenschwer. Das Mönchtum als lebender Teil der Kirche mit einer besonderen Rolle in ihrer Geschichte, ihrem Leben und ihrer Sendung 5 hat schnell die neue Situation und ihre Anforderungen erfaßt. Einige Mönche waren irgendwie mit Initiativen, Er­ fahrungen und Berichten (vgl. die Versuche von ToumzZiZine in Marokko, Pa­ ter Le Saux und Pater Bede Griffiths in Indien, Thomas Mertons Schriften) ihrer Zeit vorausgegangen, und dann haben die Ereignisse immer deutlicher die Rol­ le gezeigt, die das Mönchtum innerhalb der Kirche im Dialog übernehmen muß. Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 4. EL 2000 1 --- Seite 1 Ende --- II - 4.2.16 Intermonastischer Dialog 2.1 Christliches Mönchtum und interreligiöser Dialog Wo und wie paßt christliches Mönchtum in den Dialog zwischen der Kirche und den nicht-christlichen Religionen? Hat es eine besondere Aufgabe? Wer sind seine direkten und bevorzugten Partner? Genau wie in der Entwicklung des interreligiösen Dialogs allgemein haben wir hier ebenfalls einen Anfang, einen Vorgang der Klärung, eine Entwicklung und Reifung. Msgr. Pietro Rossano (damals Sekretär des Sekretariats für die Nicht- Christen) drückte dies sehr gut in seiner Ansprache an den Äbtekongreß der benediktinischen Konföderation im Jahre 1980, dem 1500. Geburtsjahr des hl. Benedikt, aus: „Vor fünfzehn Jahren begann eine neue Ära in der Beziehung der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen, eine Ära, die in der Vergangenheit ungekannte Erfahrungen aufkommen hat lassen, welche auch in der Geschichte des Mönchtums ungekannt sind. Päpste haben bei sich buddhistische Patriarchen aus Thailand und Laos, den Dalai Lama und Mitglieder der buddhistischen Gemeinschaften (Sangha) Sri Lankas und Burmas empfangen: Gurus und Swamis aus Indien, Mönche und religiöse Oberhäupter aus Tibet. Es wurden Worte der Begrüßung an alle gesprochen, aber auch Worte der Hoffnung und der Ermuti­ gung für den »geistlichen Dialog 4 . In den wenigen vergangenen Jahren haben die monastischen Traditionen, die einander bewußt 15 Jahrhunderte lang ignoriert hatten, begonnen, Menschen auf der anderen Seite des Erdballs zu entdecken, die ein dem ihrigen in vielen Aspekten ähnliches Leben führen: mit einer Regel, mit gemeinschaftlichem Leben und mit Schriften, die Einfluß auf die Kulturen ihrer Länder gehabt haben.“ 6 2.2 Christliches und nicht-christliches Mönchtum Es erscheint natürlich, daß der erste Kontakt und die ersten Gesprächspartner des christlichen Mönchtums in diesem interreligiösen Dialog eine Frage voran­ stellen. Kann es nicht-christliches Mönchtum geben? Was meinen wir damit? Ich zitiere noch einmal Msgr. P. Rossano. Seine Antwort auf diese Frage wurde durch die Erfahrung der letzten Jahre vollauf bestätigt: „Kann man eigentlich von einem christlichen und einem nicht-christlichen Mönchtum sprechen, die durch einige gemeinsame Elemente geeint werden? Einige verneinen dies mit dem Ziel, die Originalität und Neuheit der monastischen Erfahrung des Christentums aufzuzeigen. Es ist jedoch schwierig, diesen Ein­ wand gänzlich aufrechtzuerhalten. Sogar das apostolische Schreiben anläßlich der Fünfzehnhundertjahrfeier des Geburtstages des hl. Benedikt beginnt mit folgenden Worten: ,In allen Religionen gibt es Menschen, die in ihrem Bemü­ 2 Westarp Science - Fachverlage
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