Dialogsituation Niederlande/Belgien - Islam II - 4.2.12.1
II - 4.2.12 Dialogsituation in den Niederlanden und in Belgien
II-4.2.12.1 Islam
Von Marien van den Boom
In den Niederlanden erhalten muslimische Kinder Religionsunterricht in den
örtlichen Moscheen. Gleichzeitig haben staatliche Grundschulen den musli
mischen Religionsunterricht oft in ihren Lehrplan eingegliedert, meistens au
ßerhalb der offiziellen Fächer. Katholische oder evangelische Privatschulen
geben manchmal konfessionell ausgerichteten Religionsunterricht mit grund
sätzlich dialogischem Anspruch. Wegen der konstitutionellen Trennung von Staat
und Kirche in den Niederlanden hat das staatlich finanzierte Schulwesen einen
säkularen Charakter. Jedoch ist der Aufbau des öffentlichen Lebens - die Pres
se, das Parteiwesen, der Rundfunk, der Schulunterricht - stark nach konfessio
nellen und weltanschaulichen Gesichtspunkten gegliedert. Diese konfessionel
le Gliederung wird von Muslimen ergriffen, um eigene islamische Organisatio
nen zu gründen, wofür die Regierung die benötigten finanziellen Mittel ver
schaffen soll. Inzwischen sind etwa 15 islamische Grundschulen und eine isla
mische Radioslation gegründet worden. Im Januar 1992 ist ein Lehrstuhl für
Islamwissenschaften an der Universität von Amsterdam eingerichtet worden.
Der algerische Professor Dr. Mohammed Arkoun - Muslim und Islam
wissenschaftler an der Sorbonne - hat diesen Lehrstuhl für eine begrenzte Zeit
angenommen. Dieser Lehrstuhl ist eine Initiative der jüngeren marokkanischen
Generation.
Wegen der konstitutionellen Anerkennung des Islam in Belgien ist jede Schule
im Prinzip verpflichtet, Religionsunterricht - der konfessionellen Pluralität der
Schüler gemäß - anzubieten. In Belgien hat das Familienoberhaupt gesetzlich
das Recht, zwischen Religionsunterricht katholischer, evangelischer oder jüdi
scher Art zu wählen. Jedoch nicht jede Schule bietet all diese Möglichkeiten.
Oft sind muslimische Schüler auf katholischen oder konfessionslosen Religi
onsunterricht angewiesen. Im Jahre 1990 hat der „Allgemeine Rat für die ka
tholische Bildung“ die Möglichkeit, muslimischen Religionsunterricht auch an
katholischen Schulen zu erteilen, zurückgewiesen. 1989 wurde im Islamischen
Kulturzentrum die erste islamische Grundschule eingerichtet. Wahrscheinlich
werden in Kürze auch andernorts in Belgien muslimische Primarschulen ent
stehen. In Antwerpen kann Islamwissenschaft auf akademischem Niveau und
aus muslimischer Sichtweise an der Fakultät für Vergleichende Religionswis
senschaften studiert werden.
In den Niederlanden haben die katholischen und die reformierten Kirchen in
der christlich-islamischen Begegnung eine wichtige Rolle gespielt. In Flandern
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1. EL 1998 1
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gibt es auch mehrere Initiativen seitens der katholischen und reformierten Kir
chen. Es wäre zu hoffen, daß sich die islamische Jugend voll für die Gründung
eines Islamrates einsetzt, um die Emanzipation im Rahmen eines westeuropäi
schen Islams anzustreben. Jetzt führt die Europäisierung der islamischen Ge
meinschaften durch die gegenseitigen Interessen verschiedener Muslimgruppie
rungen oft zu Frustrationen. In den Niederlanden ist die Frage der Integration
der Muslime aufs neue ein aktuelles Thema. Strategien der Integration der isla
mischen Bevölkerung variieren in mancher Hinsicht und sind oft kontextuell
bedingt.
Eine der wichtigsten Fragen seit 1991 ist die sich hinziehende Problemstel
lung, inwieweit das Ziel der Integration am besten erreicht werden kann, ob
durch zeitlich begrenzte oder permanente feste eigene Organisationsstrukturen
(„Versäulung“) oder durch Partizipation an öffentlichen Einrichtungen. Dieses
war das Dilemma in der sogenannten Versäulungsdebatte seit 1991, die einige
Zeitungen beschrieben. Sie bedeutet, daß es christliche, islamische und sonsti
ge Einrichtungen gibt, die ein spezielles weltanschauliches Profil haben - und
dies in einer säkularen Gesellschaft. Den Muslimen begegnen damit große Pro
bleme, Komplikationen und Schwierigkeiten in der Auseinandersetzung mit
der nicht-religiösen Gestaltung und Gesinnung unser postmodernen Kultur. Viele
orthodoxe Muslime bevorzugen die Partizipation mit christlichen Bürgern und
kirchlichen Vereinen, weil die Christen - so erwartet man - von antireligiösen
Vorurteilen und weltanschaulicher Indifferenz nicht gehindert werden. Muslime
können zum Beispiel vollwertig am Parteiprogramm und an den Parlamentssit
zen des niederländischen CDA (Christlich-Demokratischer Appell) partizipie
ren, vorausgesetzt, daß die Partizipation der Muslime innerhalb einer christli
chen Säule nicht von opportunistischem Bestreben, sondern von einer inneren
Überzeugung motiviert wird. Umgekehrt sind viele Muslime davon überzeugt,
daß eine eigene politische Partei auf islamischer Basis die Emanzipation der
europäischen Muslime gar nicht unterstützt, sondern möglicherweise in die
Gefahrenzone bringt, da die Angst vor einer islamischen Machtübernahme un
ter breiten Schichten der europäischen Bevölkerung virulent ist.
In der postmodernen Gesellschaft sind Fusionen, Vergrößerung und Erweite
rung des Aufgabengebiets der Schulorganisation und der Sozialhilfe gang und
gäbe. In der Perspektive der Fragen muslimischer Gruppierungen ergibt sich
jetzt eine bizarre Situation, da diejenigen Muslime, die einer Partizipations
strategie nachstreben, zur gleichen Zeit erfahren müssen, wie säkularisiert die
christlichen Schulen („die christliche Schulsäule“) im Grunde geworden ist. Es
gibt jetzt einige Initiativen in den Niederlanden, islamische Sekundarschulen
zu stiften. Seit einigen Jahren wird auch im Parlament und in der Regierung
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